Claus Heck las in Köln

Am letzten Februartag war das Wetter meiner Erinnerung nach recht frisch. Zwar musste ich zur Stadtbahn laufen, weil ich falsch auf den Bus gesetzt hatte, und als der nicht kam, dann doch zu Fuß zur Bahn gegangen bin, schnellen Schritts zwar, es aber doch knapp wurde gegen Ende hin. Etwas schwitzend in einem seitlichen Sitz gesessen, in den beiden nebeneinanderen daneben gegen die Fahrtrichtung zwei Schwule, deren einer, am Gesicht schon kenntlich, im Laufe der Fahrt die Hand auf den Schenkel des anderen legte. Ich fragte mich, ob er eine spießige Reaktion meinerseits herausfordern wollte, während ich versuchte, in Toriks Ich vertieft zu bleiben. Was nicht einfach war, da ständig neue zustiegen und die Zeit ungewohnt war, also nur neue Gesichter. Ursprünglich hatte ich woanders gesessen, aber als ein Erschöpfter mit bespritztem Fahrrad zustieg, ihm den singulären Platz im Stauraum freigeräumt. Schwer atmete der Mann, der im Flaschenhalter eine Halbliterbierflasche vorhielt. Andere stiegen zu und drängten sich in den Türraum, sodass ich meine Position zwecks maximaler Distanz zu allen neu ausrichten musste, ein wenig zu den Schwulen hin. Meine Nase ins Buch vergraben überstand ich die Fahrt.

Aufregend die nächste Etappe, weil ich die kaum je fahr. Da war auch irgendwas. Ja, eine Asiatin klemmte mich ein. Sie setzte sich neben mich, während ihr Freund stehen blieb, mit dem sie Chinesisch sprach. Als ich ausstieg, machte sie höflich Platz.

Schönhauser Str. ausgestiegen. Eine breite Straße führt westwärts. Die Aussteiger verteilten sich einigermaßen. Einer hatte im Türraum hinter mir gestanden und war mit mir ausgestiegen, ein kleiner, alter Mann, der sich gleich eine Zigarette anzündete. Ich ging erst auf der falschen Straßenseite, ging dann wieder zurück zur Ampel, überquerte die Straße und hatte ihn auf der anderen Seite dann bald wieder eingeholt. Gleich darauf erreichten wir unseren Ort des Sehnens:

Bild3952

Als ich gerade den Eintritt verhandelt hatte und ins Innere schritt, langte der kleine Alte an und erkundigte sich forsch: „Ist die Autorin schon da?“ „Ja.“ Er stellte sich als Pressefotograf heraus.

Das schöne Gebäude mit den soliden Holzdielen war nur sporadisch gefüllt. Aber es war auch noch früh. Suchte einen guten Platz und nahm das Ambiente in mein Sensorium auf. Vereinzelte andere waren schon da oder kamen. Die Bühne noch nicht belebt:

Bild3953

Laut rauschte die Heizung. Gerade als ich mich fragte, ob es die Lesung nicht stören würde, entschuldigte die Leiterin des Literaturhauses Barbara Fischer die Kühle (wir waren maximal 10 Leute). Heute morgen hätten sie die Heizung aufgedreht, aber untertags hätte sie wer wieder abgedreht, jetzt versuchten sie schnell wieder aufzuheizen, bis die Lesung beginnt.

Zur terminierten Zeit waren zirka 20 Leute da. Fischer entschuldigte, dass es noch einen Moment dauern würde, der Fotograf nähme noch Fotos von der Autorin. Derweil blitzte sein spitzes Licht von der kleinen Bar in den großen Lesesaal hinein. Die Heizung war still geworden. Nach genügend Fotos schließlich stürmten die Autorin und Thorsten Krämer auf die Bühne. Vielleicht hatten sie ein Ah und Oh erwartet, aber das unterblieb. (Mich überraschte Aléa Torik als Claus Heck nicht, da ich den Artikel im Westen gelesen hatte.)

Bild3954

Die Struktur der Veranstaltung entpuppte sich als, dass hauptsächlich die Autorin aus ihrem Ich las, in vier Etappen. Jan Fleischhauer hat mal geschrieben: „Andere veranstalten Autorenlesungen, Martenstein feiert im Kreis seiner Bewunderer Textséancen.“ Was stellt diese Lesung denn dar?

Zweifellos arrivierte ich für eine Séance. Andere denn auch? Die meisten, wenn nicht alle, scheinen das Buch noch nicht gelesen zu haben. Einer beugte sich jovial nahe zu mir und fragte mich – nach meiner Wortmeldung – welches Buch ich eher empfehlen würde. Ich empfahl das Neuste, warum auch nicht. Es ist ja nicht so, dass das erste eine unbedingte Lesevoraussetzung des anderen wäre. Eher umgekehrt wird’s funktionieren: Dass einer, der das zweite kauft, darauf auch das erste kaufen will, weil’s drin erwähnt ist. Insofern – etwas, das mir stark Kopfschmerzen macht, weil ich nicht abschätzen kann, ob Bloggerei drüber nicht Leser abschrecken kann, wenn sie auch anziehend gemeint ist – habe ich maximale Werbung gemacht, möchte ich meinen. Der Herr schwärmte, schwärmte von Toriks Lesung. Sie habe ihm Appetit auf ihr Geschriebenes gemacht.

Bild3957

Für mich war die Lesung nicht so der Burner, weil ich alle Passagen vor maximal vier Tagen gelesen hatte. Fühlte mich zugleich bevorsprungt und randständig. Nicht anders, als es in vielen Aufregerdiskussionen geht, wo alle zweiterhand debattieren und du einsam bist, liest du Primärtexte.

Las die Torik, versuchte ich zum einen, die Ausschnitte zu identifizieren – heißt Blättern – und zum andern, die Zuhörerreaktion zu beobachten. Etappe 1 war „Es ist September … mit ihrer Dauer.“ (Seiten 9 – 17). Etappe 2 „Zwei Wochen … zu entsprechen.“ (Seiten 46 – 55). Etappe 3 der Blogeintrag „Eine Erfindung Tolstois“ (Seiten 164 – 166). Vor Etappe 4 intervenierte Thorsten Krämer ob der fortgeschrittenen Zeit. Er zeigte im geöffneten Buch links und rechts frech wohin und Torik las von bis „Wie ist das Schreiben eines Romans? … weil bei uns alles übereinander liegt und nicht nacheinander.“ (Seiten 268 – 269). „Das war’s? Weil dir die Formulierung gefällt.“, beendete sie spöttisch die Lesung.

Bild3965

Bei der ersten Lesung zweifelte ich noch an Torik als Torik. Sie las ihren Text so distanziert, manchmal holprig, so ganz ohne Freude am eigenen Wort und Stolz darauf. Blickte ich weg von ihr und ins Publikum, sah ich da eine enthusiastische Zuhörerin, welche den Text mit unverhohlenem Lächeln verfolgte, blitzenden Augen und schelmischem Mund. Reagierte jemand anders, etwa das alte Ehepaar, welches direkt vor mir saß, auf den Text, freute sie sich ausgesprochen dran. Ich dachte, wenn das man nicht die wahre Aléa Torik ist… Zumal der Lesende ihr auch vertrauliche Blicke zuzuwerfen schien. Wer diese verdächtige Person war, weiß ich bis heute nicht, da ich die Szene, weder die des Literaturhauses, noch die des jungen, kenne. Keines Gesicht erkannt.

Bild3960

Torik trug graues Hemd und graue Stoffhose ohne Gürtel. Während der ersten Lesung hielt ihre Linke das Buch auf, die rechte war in die Hüfte gestemmt. Der Zeigefinger klemmte im Bund und der kleine Finger ragte in die Hosentasche. Der Fotograf verließ während der ersten Lesung das Haus, nachdem er noch einige Fotos von den beiden auf der Bühne und der Autorin am Lesepult gemacht hatte. Während der dritten Lesung hielt sie die rechte Hand nun hinterm Rücken.

Jedoch _nach_ der ersten Lesung, als sie in die Diskussion mit Thorsten Krämer übers Schreiben einstieg, war ich schnell überzeugt, dass sie die Torik _ist_ und kein Strohmann. So überzeugend beklagte sie die 30 kleinen Absagen von 30 großen Verlagen, darunter KiWi. Sie brachte Anekdoten: Ihr Verleger habe ihr gegenüber geäußert, dass sie ihm doch gesagt hätte, dass sie schizophren sei und deswegen mal in der Psychiatrie gewesen. In Wirklichkeit war’s die Neurologie gewesen, zwar vielleicht nur übern Flur, aber dennoch habe ihr Verleger da was falsch verstanden oder wollen.

Ernest Wichner war unter denen, die sein Stipendium in Sibiu abgelehnt hätten, wenn auch vielleicht der einzige für sie, während alle anderen in der Jury gegen sie waren, da sie kein präsentables Foto vorweisen konnte. Sie verteilte Spitzen auf den Bücherblogger: „Was im Kleinen dazu führt, dass ältere Männer sich betrogen fühlen.“ Ich fragte, ob das der einzige gewesen sei. Sie verneinte vehement.

Interessant fand ich ihr Gesicht. Unter feinen Lachfalten über den Augenbraunen streben zwei flache, subkutane Denkwülste der Nasenwurzel zu. Ein heller Geist, der schussschnell reagiert, lässt jedwedes Gegenüber alt aussehen. Dennoch ist sie mit Thorsten Krämer, der eine ganz andere Art von Visage hat, befreundet. Ihre Freundschaft begann, wie erzählt wurde, nachdem er sie hymnisch im WDR gelobt hatte und in Berlin treffen wollte. Das Treffen kam zustande – Krämer hatte eine langhaarige Rumänin erwartet und war über den stoppelschnittigen Heck erstaunt – und sie wurden Freunde offenbar, trotz des Altersunterschieds von fünf Jahren.

Bild3964

Krämers Gespräch mit Torik wäre einer Verschriftlichung wert.

Vor dem Event hatte ich entschieden, mir mit Kant die größtmögliche Freiheit zu bewahren. Heißt, ihr Ich mitzuschleppen, wenn es auch unhandlich war, um die Entscheidung, mir ein Autogramm geben zu lassen, nicht vorzeitig mangels zu zeichnender Masse abschlägig zu bescheiden. So konnte ich zum einen auf dem Herweg noch im Buch lesen, welches noch nicht ausgelesen war, zum anderen kam es mir zupass, weil wirklich wenige nur eine Signatur verlangten. Ich reihte mich ein. Zunächst merkte die Autorin kritisch an, dass ja der Schutzumschlag fehle. Nun ja, ich hatte ihn aus Gründen entfernt. Dann mokierte sie sich darüber, dass ich – feindlicher Blogger Holio – eine schnöde Unterschrift verlange wie etwelche Litgroupies. Ich führte an, dass ich bei Houellebecq damals die Gelegenheit leider versäumt hätte. Sie fragte mich, ob ich Karte & Gebiet gelesen hätte. Ich musste eingestehen, dass nach der Möglichkeit einer Insel nichts mehr.

IMG_9581_fuer_holio_von_alea

Nach dem Event war ich froh, neben ihrem Ich noch das CUS-Rätsel in der Gesäßtasche zu tragen. Seine Beanspruchung des Denkorgans konnte mich gut ablenken vom Gegrübel darüber, ob ich vielleicht was Falsches gesagt hatte. Das Ich musste halt noch was warten und wurde am darauffolgenden Tag, um kurz nach Feierabend, fertig ausgelesen.

Im CUS-Rätsel bekam ich an Buchstaben 9 A, 2 B, 3 C, 5 D, 24 E, 2 F, 3 G, 6 H, 10 I, 0 J, 3 K, 3 L, 3 M, 12 N, 9 O, 1 P, 0 Q, 13 R, 14 S, 3 T, 5 U, 1 V, 1 W, 0 X, 0 Y, 0 Z raus.

Oder so:

IMG_9582

Barbara Kleefisch Barbara Klefisch
Claus Bittner Klaus Bittner
Antoniterstraße Apostelnstraße

Eine Antwort to “Claus Heck las in Köln”

  1. Hildesheimer II: “Der kleine Silbersaal des Grand-Hotel Majéstic” | Der Buecherblogger Says:

    […] Werbetexters Hans Hamilkar Bühl”, die selbstverständlich keinerlei Konnotation zu dieser […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: