Bahnszenen

Die Bahn, die an meiner Zielhaltestelle endet, erwische ich meistens nicht. Die nächste dann, die drei Stationen weiter fährt, ist überfüllt.

Erst stand ich ans Ziehharmonikagelenk gelehnt, was viele gern tun. Die Füße ragen dabei jedoch weit ins Wageninnere und damit vom Lot des Körperschwerpunkts weg, was den Eindruck eines labilen Stands verschafft. Außerdem quetschen sich viele Passanten durch, weil drei Armlängen entfernt sich der Fahrkartenautomat befindet.

Als die Menschen sich bei, vor und nach jeder Station ein paar Mal neu sortiert hatten, wurden die beiden Quersitzplätze im Gelenkbereich frei. Auf den rechten setzte ich mich. An die rechts benachbarte Ziehharmonika lehnte sich nun eine vielleicht Sechzehnjährige. Meine Nase ins Buch vergraben nahm ich dennoch ihre Nahpräsenz wahr. Mein Haupt war gerade auf der Höhe ihrer Hüfte, die in einer schwarzen Adidashose aus Ballonseide steckte. Die Fingernägel waren in irgendeiner knalligen Farbe lackiert. Ihre langen strähnigen schwarzen Haare wirkten fast wie ein Vorhang, sodass man ihr junges Gesicht kaum je zu Gesicht bekam. Die Schuhe waren stylish, bestimmt. Zwei Alte, also zehn bis zwanzig Jahre Ältere als ich, waren eingestiegen und nun nahe. Die ausländisch wirkende Frau drängte den deutsch aussehenden Mann, sich neben mich zu setzen auf den Platz, den er zuerst ihr vorgeschlagen hatte. Er, massiv, ließ sich nieder. Seine Hüfte berührte meine. Ich rückte mit Kopf und Buch ein wenig weg, um gleichen Abstand zu den konkurrierenden Monaden herzustellen, und damit der Hüfte der Jungen näher. Die Nähe zu ihrem Schoß machte mich ein wenig nervös, sodass ich im Don Quixote kaum lesen konnte.

Am folgenden Tag war eine aus der Freundinnengruppe dunkelhäutig und lachte lauter, als sie meinen Blick bemerkte, eine hatte zusammengewachsene Augenbrauen à la Kahlo und an die dritte, die mir gegenüber saß, erinnere ich mich nicht.

Ein Mädchen drehte an einem Rubikwürfel, dessen Flächen aber nicht voll gefüllt waren, sondern nur farbige Kreise aufwiesen. Über den Gang hinweg sprach sie zu ihrer offensichtlich Mutter: „Und jetzt die orangene.“ und wies die geschaffte Seite vor. Sie drehte weiter, als die Mutter bei der Park&Ride-Station zum Ausstieg drängte. „Aber jetzt kann ich Klara gar nichts zeigen“, protestierte sie, denn keine Seite war gerade komplett.

Seit diesem Artikel mit dem Link zu einer alten Anleitung erwäge ich mir einen zuzulegen und die Wege doch noch einzuprägen. Ein junger damals noch Zivi (heute Bufdi), der später Informatik studieren wollte, konnte ihn lösen. Das ist ein, zwei Jahre her.

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