Identi- und Realität

Beständig ärgert mich, wenn Philosophen oder Literaturwissenschaftler behaupten, es gäbe seit der Moderne keine Identität mehr. Ja, wo leben die denn? In einem Elfenbeinturm (象牙塔)?

Auch behaupten sie, Realität gäbe es nicht, sondern sei von uns konstruiert. 1983 musste ich unglücklicherweise Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein lesen, mir aufgedrängt von einem Schulfreund mit einem grünen und einem blauen Auge. Ich verstand das Buch nicht und sträubte mich innerlich.

Natürlich gibt es Realität. Gehe ich morgens zur Straßenbahn, treten meine Füße ein hartes Pflaster. Sie widersetzt sich, ich stoße und reibe mich an ihr. Es ist kein watteweiches Gleiten eines Geistes, welcher sich Weltherrschaft anmaßt. Die Dinge dauern unbeeindruckt und keins sagt: Kein Ding. Die Natur ist gegenüber dem Schicksal eines Menschen vollkommen gleichgültig, wie mancher Schriftsteller mal richtig festgehalten hat. Sie speit uns zu Tausenden aus und nicht zählt der Einzelne, höchstens ein Mittelwert.

Dann gibt es neben jenem Geist, der sich allmächtig wähnt, andere Monaden, denen er ein ebensolches Ego zugestehen sollte. Heißt, die stören sich auch an der Realität und auch an Geist 1 und seinen unschönen Macken. Urteilt Geist 1 dann gerecht, kommt er zum Schluss, dass er sich ein wenig einfügen sollte.

Warum nun will jemand seine und auch die seiner Leser Identität in Frage stellen? Welchen Zweck verfolgt das, cui bono, und warum sollen wir Leser uns von Autoren beleidigen lassen? Schließlich gibt es doch welche, wo uns zu unterhalten wissen und uns zu belehren schreiben. Warum sollen wir uns durch was quälen, von dem ein – ein! – Autor meint, es sei wertvolle Kunst? Wie hoch muss man die Nase tragen, um sie über uns Leser zu rümpfen?

Sicherlich kann er drauf spekulieren, von der Fachschaft gewürdigt zu werden. Scheint doch die Fachschaft seine Zielgruppe zu sein, ein parasitäres Gesindel, das nichts Eigenes fabriziert, sich aber ein Urteil übers Eigene andrer und den miesen Geschmack von uns Lesern erlaubt. Sicherlich kann er da Erfolg haben, so er die Erwartungen des Zirkels bedient. Konstruiert er seinen Roman so, dass da Philosophem X und Literaturtheorem Y in einen Plot verpackt sind, mag er reüssieren. Warum das Hochgestochene aber einen Wert für uns Otto Normalleser haben soll, bleibt mir nicht klar. Außer der Autor blickte auf uns herab. Am Ende ist’s dann doch nur ein Glasperlenspiel.

Bernardo Soares hat eine sehr deutliche Existenz als Büroschreiber. Karl Roßmann ist als Mensch mit Grenzen zu seiner Umwelt hin nicht zu verkennen. Don Quijote wähnt, weiß sich mancherorts im Wahn und behauptet sich dennoch. Solche Personen müssen wir nicht für bare Münze nehmen, aber sie sind plastisch wie wirkliche Menschen. Dekonstruiert ein Autor dagegen seine Figur, kann ich nichts finden, was daran ein Gewinn sein soll. Er spielt ein zerstörerisches Spiel. Sollen wir rufen: Bravo!? Bestimmt will er aufklärerisch tätig sein wie irgendein Regietheatergott, aber deckt er denn wirklich eine Wirklichkeit auf, lässt er diese in Wirklichkeit nicht in einem obskuren Nebel verschwimmen?

In China gabs eine poetische Richtung, die sich Obskurantismus (朦胧诗 Ménglóng Shī) nannte. Hai Zi (海子, 1964 – 1989) gehörte dazu.

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