Gesichter

Menschen, die ich auf der Straße sehe, entsprechen so gar nicht Menschen in den Medien. Außer bei RTL. Ist man das Geglättete gewohnt, erscheinen einem die Miteinwohner fast als Monster. Frauen schieben sich mühsam voran, die ganze Bürgersteigbreite ausnutzend. Männer gehen am Stock, eine Frau noch neben sich. Zwei junge Frauen kommen mir auf der Johann-Mayer-Straße entgegen, ich schwanke, rechts oder links? Die linke hat wesentlich breitere Hüften als die rechte, deren auch nicht schmal sind, also schlage ich links ein (NB: mal von ihnen, mal von mir aus gesehen.). An der Ampel zum Bezirksratshaus stehen nur Frauen. Allesamt rauchen. Wer mir auf dem weiteren Weg entgegenkommt, wird was hübscher. Und gewohnter, sind doch immer dieselben Gesichter. Leute husten, als stünden sie kurz vor dem Kollaps. Und rauchen weiter. Plakate drängen sich auf und der Kleister ist aufs Pflaster getropft. Ein Bus verschmutzt seine Umwelt mit Lärm und Dieselgeruch. Kein Zug fährt laut drüber hinweg. Vor dem Einkaufszentrum schockiert mich kurz ein Gesicht, in dem ich eine Freundin von früher wiedererkennen will. Sie sitzt draußen in einem Eiscafé oder so was. Mein Blick weicht schnell weg, um ein Erkennen zu verhindern, aber ihre Kleidung, ein braun grobgestrickter Midimantel könnte zu ihr passen. Ich verschwand im Einkaufszentrum, kaufte ein, suchte die Toilette auf und bereitete mich vor, als ich wieder rausgehen wollte, ihr wiederzubegegnen. Ich schluckte kurz, sagte mir innerlich, da muss ich durch, und ging durch die Glastür hinaus. Da saß sie immer noch, aber als ich jetzt so im Vorbeigehn ihr Gesicht betrachtete, hatte es nicht mehr so viel Ähnlichkeit mit Suzana J.. Im Gegenteil meinte ich fast sogar eine Ähnlichkeit des Gesichts mit einem bekannten, welches ich in diesem Viertel schon mal gesehen, gesehen zu haben. In der Stadtbahn nerven neben dem Schienengequietsche, den Handygesprächen, dem Bäckertütengeknister (immer nur Frauen, die Salzgebäck Stück für Stück in der Tüte abbrechen müssen und durch die knisternde Tüte hindurch an den Mund führen, anstatt das Ding ganz rauszuholen und die Tüte zu zerknüllen, weil sie es ja eh ganz essen werden) nun Ansagen, in welche Buslinien man gleich umsteigen kann … und das kann sich ziehen. Immer dieselben Gesichter, die man schon gar nicht mehr sehen will, auf dem Weg zum Supermarkt. Bei jungen nicht so schlimm, da sieht man die Formbarkeit noch. Bei alten sieht man das Ressentiment und erkennt das Wiedererkennen. Im Supermarkt ist man auch nicht mehr anonym (nach fünfzehn Jahren eigentlich auch kein Wunder). Die Kassiererinnen sind nicht gesichtsblind und man sieht, wie sie ihre Gedanken über einen in eine Historie einreihen. Unangenehm der junge Mann, welcher immer gerade da rumwuselt, wo ich was aus dem Regal nehme. Immer grüßt er mich übertrieben, als kennte er mich, dabei verabscheue ich ihn doch. Den Filialleiter, der mich auch immer distanzlos grüßte, lange nicht mehr gesehen, vielleicht ist er längst keiner mehr. Die Kassiererinnen wenigstens Abstand wahrend. Gesichter, die von schwarzen Hautmalen entstellt sind, Menschen, die keuchen, sich auf den Beinen zu halten, junge Gesichter, die Haare ganz glatt, die fast ganz gleich aussehen. Dicke Knollennasen, Triefaugen, und die alles gleich machende Kraft der Sonnenbrillen. Werden Google Glasses ein Erfolg, sollte man besser mit Sonnenbrille bewaffnet ausgehen, von der zusätzlich noch Schnüre mit Perlen hier und dort herabhängen, um eine Gesichtserkennung und Spurverfolgung zu verhindern. Viele Gesichter ließen sich besser vermummen, das erhöhte den Reiz und das Geheimnis (cf. Joelle). Hässliche Falten – nein, Falten können nicht hässlich sein! – Warzen jedoch, die sich hätten entfernen lassen, oder soll man Leberfleck Schönheits- nennen bei Katharina Nocun oder Katrin Bauerfeind? Doch, durchaus sind Leberflecken Schönheitssignale, die Individualität steigernd. Sommersprossen auch? Sommer und Sprosse könnte man das Paar Sternchen und Schnuppe auch nennen. Aus den grässlichen Gesichtern starren oft grässliche Augen. Eine Frau mit faltigem, naturbelassenen Gesicht schaut mich entschuldigend an, als ich den Bus verlasse und sie mir den Weg versperrt. Sie lächelt Verzeihung heischend. Ich fühle mich an meine Mutter erinnert und trete kühl ab. Immer, wenn dich ein grässliches Auge anstarrt, steckt ein grässlicher Geist dahinter, der sich eine Meinung bildet. Grässlich grauslig sind die Menschen, und lernst du sie näher kennen, nur noch harmlos, aber langweilig, ergo grässlich. Kleinwüchsige tollen in der Fußgängerzone, du denkst, kleinwüchsig, prima, mal was anderes, aber sie stellen sich als genauso heraus wie ich und du. Kritische Lehrerinnengesichter mit flott kurz geschnittenen Haaren begegnen dir, du möchtest die Gedanken dahinter nicht sehen. Eine überdurchschnittlich groß Gewachsene steht im Türraum. Ein erster Check sagt nichts Negatives außerhalb der Körpergröße. Gut, das Gesicht ist was dick gepudert, die Fingernägel was schreiend rot lackiert. Was dich aber stört, ist, dass sie mit offenem Mund laut schmatzend Kaugummi kaut. Du hoffst, weil sie schon im Türraum steht, dass sie bald aussteige. Doch steht sie just aus Lust und Laune da, scheint es. Denn sie steigt lange, lange nicht aus. Ein Mann hat sich gesetzt. Leider ist ihm dabei eine Tasche aus der Hand geglitten und hat sich mit einem lauten Knall gegen die Lehne gepresst. Sein Gesicht mir nicht mehr in der Erinnerung. Oft treten junge Männer auf in relativ stylischen Klamotten, nicht so jung, dass sie selbstsichere Schüler oder unsichere Studenten wären, sondern erfolgreich im Berufsleben stehend (was mit Medien?), recht leger und halten was technisch Neustes in der Hand. Wie die alle immer nur kommunizieren können, ist mir ein Rätsel. Gut, ich könnte es auch, wenn ich wollte. Einmal eine einmalige, hübsche Reihe gesehen: Die vier Quersitze waren alle von jungen Leuten besetzt, drei Männer und eine Frau (die Stadtbahn führt zur Sporthochschule), und sie waren alle auf ihr Handy am Starren. Sicher traten sie als Individuen im Netz auf, aber im Realen sahen sie einander zum Verwechseln ähnlich. Schade, Foto nicht möglich gewesen. Unsere Gesichter sollen den Weg unseres Lebens offenbaren. Ist das denn wirklich so? Lache ich oft, kerben sich dann Lachfalten ein? Man sagte mir als junger Mensch, ich solle nicht so eine Fresse ziehen, so ein Miesepetergesicht machen.

Eine Antwort to “Gesichter”

  1. MelusineB Says:

    Könnte man? Sprosse und Sommer? Ich könnte es nicht. Aber DIE vielleicht. Formen der Selbst-Distanzierungen: 3. Person Sg., 3. Pers. Pl., „man“. Schön. und. Sein. Manchmal ist eine ist „bildschön“: „“Beide hübsch, fast bildschön, schlankweg entzückend unendlich nett.“ Eine und die. Gesichter. Faces. Das bin ich auch nicht. Die mit den SommerSprossen. Wäre aber gern. Konjunktive. Man könnte viele(s) sein. Aber auch nicht. Ich wiederhole mich: Aus der Haut kann keine/r fahren. HG

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