Dan Brown für Arme

1

Wusch! Die Drucktür schließt sich hinter dem Trupp. Sie folgen einem Wachmann, der mit schweren Stiefeln durch den Korridor stapft. Die innere Tür öffnet er klonkend mit einem Schlüssel.

Als erster springt der mittelgroße Lockenkopf hinein, gefolgt von der schlanken Japanerin. Autsch! Sie stolpert auf der Schwelle, doch Bob Shortsons schnelle Reflexe können sie vor einem Sturz bewahren. „Ist Ihnen auch nichts geschehen?“, fragt er, als er sie sanft wieder aufrichtet. „Arigato, Bobsan.“, erwidert sie, nicht ohne die Hand vor den Mund zu führen.

Das ist er also, der Raum, in dem sie die nächsten zwei Monate verbringen werden. Durch wandhohe Fenster gleißt helles Licht herein. In der Mitte steht ein großer weißer Tisch, auf dem reihum elf Notebooks liegen, mit Kensingtons an den Tischrahmen gekettet. Shortson sieht hinaus. Eine weite öde Landschaft breitet sich aus, ohne eine Menschenseele.

2

Der Vertrag sieht vor, dass sie hier täglich von acht bis acht arbeiten. Kontakte nach draußen sind verboten. Nichts soll vor der Stichzeit herausdringen. Singleweek hat diese Location organisiert, damit es zeitgleich auf alle Märkte kommen kann. Wie eine einzige Monsterwelle ohne vorheriges Gekräusel soll sie über die Konsumenten einstürzen.

„Ihhhh!“ Celicia hat ein Notebook aufgeklappt. Ihnen starrt ein Gesicht entgegen, undeutlich, wie von einem weißen Laken verhüllt. „Dans Totenmaske“, murmelt Alejandro. „Wie spät ist es?“, fragt Francine in die Runde. „Zwei Minuten vor acht.“, antwortet Tiago.

Shortson öffnet eins der Notizbücher, die vor den Notebooks liegen, auch sie festgekettet. Viele weiße Seiten gleißen ihm entgegen, die sie im Laufe ihrer Einkerkerung füllen werden. Die schöne Japanerin hat sich ihm gegenüber hingesetzt. Neben ihm sitzen Alejandro und Francine. Tiago steht am Fenster und starrt auf die Flocken, die vom Himmel fallen.

Was wird um Punkt acht Uhr geschehen?

3

Gebannt schauen die Übersetzer auf ihre Bildschirme. Nur Alejandro bleibt seltsam cool. Punkt acht Uhr. Das Gesicht verschwindet und der Roman erscheint. „Let’s start“, ruft Tiago und alle lachen verlegen.

Shortson erinnert sich, wie vor zwei Monaten in den Redaktionsstuben weltweit ein geheimnisvoller Umschlag eingetroffen ist. Auf feinstem Seidenpapier war nur ein Satz zu lesen: The sky had become a glistening tapestry of stars. Der Anbieter soll eine so horrende Summe verlangt haben, dass kein Geschäft zustande kam.

Die schöne Ishimoto ordnet in aller Ruhe ihre Gerätschaften. Shortson bewundert ihre kosmetische Disziplin. Ihre schwarzen Haare, nur vereinzelt schon von weißen Fäden durchwebt, hat sie streng gefasst und zu einem Dutt hochgebunden. Ein Haarstäbchen hält den Dutt, in dem auch ein schwarzer Kamm steckt. Ihre kalten Augen werfen ab und an einen kurzen Blick auf Shortson. Warum schaut sie mich an?

4

Aller Aufmerksamkeit löst sich von den Texten, als Celicia ihre Sneakers abstreift. „Ich kann nur barfuß übersetzen.“ Sie schüttelt ihre Lockenpracht und lacht so gewinnend, dass niemand ihr böse sein kann.

Shortson hat noch keine Zeile gelesen noch geschrieben. „Nun aber ran“, mahnt er sich und konzentriert seinen Blick auf das Eingangszitat. Francine beugt sich herüber und flüstert: „Warum können wir unsere Übersetzung nicht in den Rechner tippen?“ Shortson weiß keine Antwort und gibt die Frage mit einem Rundumblick weiter. „Die Rechner werden nachts wieder formatiert.“, weiß Tiago.

5

Nach einer Stunde raucht Shortson der Kopf. Ich muss eine Pause machen. Sein Blick spielt verloren in den Zehen der quirligen Celicia und hüpft vom einen roten Nagel zum nächsten. Rot, weiß, rot, weiß, tickert es in seinem Schädel. Dann lässt er ihn zum weißgrünen Kimono der Ishimoto rüberwandern. Die spürt seinen Blick durch ihre gesenkten Lider hindurch und erhebt sie kurz, um sie wieder zu senken.

Shortson sieht, wie sie anders als die andern von hinten nach vorn ins Notizbuch schreibt. Ja, klar, japanische Bücher fangen hinten an und enden vorn. Shortson reißt ein Blatt aus seinem Notizbuch und faltet einen Papierflieger. Er lässt ihn quer über den Tisch nach Ishimoto segeln. Der Flieger trifft sie an der kimonoverhüllten Schulter. Sie muss kichern und führt schnell die Hand vor den Mund. Nicht schnell genug jedoch, denn kurz kann Shortson zwei Buchstaben M in ihre Schneidezähne gefräst erkennen.

6

„Maledetto!“ Celicia hat Kaffee über ihr Notizbuch verschüttet. „Mein Temperament geht mit mir durch!“ Shortson tritt hinter sie, um zu sehen, woran sie gerade arbeitet. Aber seine Gedanken sind bei Ishimoto.

Ihn verwundern die lateinischen Buchstaben. Als Abkürzung kann MM natürlich für vieles stehen. Am beunruhigendsten vielleicht für Maestras Mundi, eine Organisation, im Jahr 2000 gegründet, über die man nicht viel weiß.

Shortson schmunzelt, als er liest, dass die Protagonisten einander gerade einen scheuen Kuss geschenkt haben. Jeder, der die Romane kennt, weiß, dass es zu mehr nicht kommen wird. Die heißblütige Italienerin wird sich bald wieder abkühlen.

7

Shortson mustert sie der Reihe nach. Tiago kennt sich mit Technik aus. Er kann einen Weg gefunden haben, etwas digital nach draußen dringen zu lassen. Dem stoffeligen Stephan dagegen, den Bollwerk Heust geschickt hat, traut er kein Arg zu. Celicia auch nicht. Ishimoto schon, die ist undurchdringlich. Alejandro wirkt glatt und verschlagen wie ein stiller Brunnen. Francine kennt er noch aus Paris. In der Bibliothèque Nationale haben sie den Aufpassern manche Streiche gespielt. „Weißt du noch, die Schokolade?“, stupst er sie an. Ihre Wangen glühen. „Bo-ob!“ Ärgerlich schlägt sie auf seine Finger. „Ich übersetze gerade. Warum nicht du?“

Obwohl, vor ungefähr einem Monat ist im Osservatore ein Artikel erschienen, gezeichnet von einer Teresa Lisocci. Darin wird als angeblicher Plot des neuen Romans ausgebreitet, dass die Vatikanbank eine Hauptrolle spielen werde. Nun gut, das lässt sich anhand der ersten Seiten, die sie erst vor sich haben, noch weder bestätigen noch dementieren.

„Merde!“, zischt Francine. „Zu schnell geschaltet.“ „Du überholperst dich, wie fast immer.“, sagt Shortson mit einem süffisanten Grinsen. Sie blickt ihn giftig an. Sie weiß, worauf ich anspiele. Ihm streicht der relaxte Tag im Pariser Hotel durch den Sinn. Der Schokoladenstreich hatte ihnen Hausverbot in der Bibliothek eingetragen, und nun hatten sie andere Genüsse genießen müssen. Unterm Hereinwehen der Vorhänge ließen sie sich’s Küssen nicht verdrießen, bis … Shortson muss kichern, als ihm die Szene wieder durch die Wetware schwimmt. „Duuu!“ Er weiß, sie weiß, woran er denkt. „Übersetz, Mann!“

8

Shortson schaut gedankenverloren zur Japanerin hin. Pling. Was war das? Etwas hat sich urplötzlich verändert. Aber was? Den Zustandswechsel hat er mitbekommen, aber nicht, was und wo was ausgetauscht worden ist. Quantensprünge gibt’s nur im Mikroskopischen, hatte Leibowitz vom CERN damals gesagt. Aber jetzt hat sich im Bild auf seiner Netzhaut von jetzt auf gleich ein Quantensprung vollzogen.

Vergeblich versucht er sich ans vorige Bild zu erinnern, das vom jetzigen schon überschrieben ist. „Verdammt!“ Doch da: Pling. Und jetzt hat sein Blick genau richtig gelegen. Da, wo der Fokus lag, ist ein weißes Haar schwarz geworden. Wie in einem Zeitspiegel. Seine Welt steht kopf. „Unmöglich“, murmelt er. „Was ist?“ Francine hat sich ihm besorgt zugewandt. „Nein, das ist ganz unmöglich.“ Sie neugierig: „Was denn?“

9

Alejandro stammt aus Buenos Aires. Er hat Borges übersetzt und umgekehrt Sterne. Shortson kennt seine Akte. Ein überlegener Geist, der, wie man hört, eine 35-Peseten-Yacht besitzen soll, die vor der Copacabana kreuzt. „Mit Geld ist alles zu kaufen. Stimmt’s nicht, Alech?“ Alejandro schaut mit unschuldig-undurchdringlichem Blick zurück. „Hacker?“, probiert Shortson, um ein Geflacker auszulösen. Kleines Geflacker, als Alejandro sich in den Vorwurf hineindenkt. Zufrieden lässt Shortsons Blick von ihm ab.

„Bist du nun zufrieden?“ Francine ist jetzt wirklich wütend. „Wir haben hier zu arbeiten!“ Auch von Celicia kommen nun giftige Blicke. „Verschwörungstheoretiker!“, murmelt Tiago. „Ja, was?“ Shortson fühlt sich ausgegrenzt.

Seine Übersetzung kommt wirklich nicht voran. Als er eine Runde um den Tisch absolviert hat, weiß er, dass alle weiter sind als er. Er hängt noch immer bei den sündigen Leibern, die sich in feurigen Winden regen.

Seltsam, wie kann ein Haar, eben noch weiß, darauf schwarz erscheinen? Sein Blick sinkt vom rabenschwarzen Haar übers schneeweiße Gesicht und den weißgrünen Kimono hinab auf das schwarze Gitterwerk der Hiragana, Katakana und Kanji auf der weißen Seite. Während er so versonnen auf das Gespinst des Unverständlichen blickt, wird die Seite langsam weißer.

10

„Das ist es.“, zischt er. „Was ist was?“, fragt Francine. Er zieht sie zum Fenster, hinter dem weiter weiße Flocken fallen. „Die Zeit läuft rückwärts.“ „?“ „Nicht für uns, aber für sie.“ Shortson schaut zu Ishimoto rüber. Francine ist ungläubig. „Wie soll das gehen?“

„Pass auf, Francine. Vor genau zwei Monaten wurde den Nachrichtenredaktionen weltweit ein brisantes Dokument angeboten. Das Angebot kam aus Japan. Ich habe den Verdacht, dass es der komplette Roman ist, den sie damals, nein heute, nein in zwei Monaten entwendet haben.“ Francine guckt verwirrt. „Für Ishimoto läuft die Zeit rückwärts. Während wir in die Zukunft voranschreiten, trippelt sie in die Vergangenheit. Sie ist mit ihrer Übersetzung fertig, bevor sie und wir überhaupt begonnen haben.“ Francine guckt Ishimoto an, deren Kimono fleckenlos rein ist, dann Shortson. „Darüber kann ich nicht nachdenken.“

„Was können wir tun?“ In der Gesprächspause scheint sie es doch getan zu haben. Shortson fixiert sie mit seinem Dozentenblick: „Hör zu, sie ist beim Eintreten gestolpert, da habe ich sie berührt. Wenn ich es nochmal schaffe sie zu berühren, dann erzeugen wir damit eine Zeitschleife.“ „Eine Zeitschleife … und das bedeutet?“ „Es ist eine Art Kurzschluss. Die Zeit wird die Schleife auflösen, so oder so. Ihr Zeitstrahl wird sich unserem angleichen oder umgekehrt.“ „Umgekehrt?“ „Nicht weiter schlimm, Baby. Du wirst jünger werden.“

Francine lässt es sacken. „Wir können doch nicht alle in die Vergangenheit reisen.“, wispert sie aufgeregt. „Bin ich dann bei meiner Geburt dabei? Sehe ich, wie sich meine Eltern kennenlernen? Kann ich mich verhindern? Könntest du es tun, wenn du mich hasstest?“

„Francine, wir reisen dann nicht in die Vergangenheit. Es wirkt nur jetzt bei Ishimoto so, weil unsere Zeitstrahlen gegeneinander laufen. Wenn alle gleich laufen, ist es egal, in welche Richtung sie gehen, man merkt keinen Unterschied. Nur bei Gegenverkehr gibt es diese Irritationen. Bei Ishimoto übrigens genauso. Für sie muss es auch lustig sein, uns alle in die Vergangenheit reisen zu sehen.“ „Man sieht aber nicht, dass es sie amüsiert.“ „Sie weiß ja, Dummerchen, was sie tut. Sie tut es doch mit Absicht.“ „Und um des Geldes wegen.“

11

Sie setzen sich wieder an ihre Plätze. Celicia hat die Füße auf den Tisch gelegt und klimpert verführerisch mit den Zehen. Der Roman scheint ihr zuwenig erotisches Potenzial zu haben. Sie wirft Shortson einen tiefen, dunklen Blick zu. Shortson sieht – oder meint zu sehen – dass Alejandro Cellis Schauspiel sich gefallen lässt. Francine stößt ihn an: „Die Alte will was von dir.“ Tiago ist in den Bildschirm versunken. Seine Augen wandern langsam von links nach rechts und springen dann schnell wieder nach links. Vernünftiger als Francine, denkt Shortson. Er zieht sich erst den Kontext rein. Sie will gleich schreiben.

Hat Ishimoto Verdacht geschöpft? Beständig arbeitet sie. Drei Seiten hat sie schon weiß übersetzt. Shortson ist bei der Stelle „die es in Exkrementen treiben“ hängen geblieben. Er denkt, er habe da einen Fehler gemacht, da der Autor eigentlich züchtig schreibt. Jetzt aber ist anderes dringlicher.

Alejandros glutvoller Blick lässt nicht von Cellis roten Zehennägeln. Nur manchmal wandert er zu ihren Augen empor und wirft den Stein seines Blicks hinein. Es ist Siesta. Celicia hat ihre Sympathie vom undankbaren Shortson nun abgezogen und Alejandro zugewandt. Unter seinen schwerblütigen Augen erklettert sie den Tisch und beginnt in der Runde der Notebookdeckel eine Runde Flamenco zu improvisieren. Wie ein Fahnenlotse biegt sie die Handflächen in Winkel, während die Fersen hart die Platte bearbeiten. Das Trommeln erschreckt Ishimoto. Ihr Notizbuch tanzt auf der Platte.

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Shortson nutzt ihre Abgelenktheit und hechtet quer über den Tisch. Ishimoto schriekt, weicht aus und Shortson verfehlt sie knapp. Bevor er sich wieder berappelt hat, hat Ishimoto schon ihr Haarstäbchen aus dem Dutt gezogen und wirft es nach Shortson. Der nadelspitze Pfeil verfehlt ihn knapp. Jetzt ist Shortson wieder dran. Stark wie ein Bär tapst er auf sie zu. Ishimoto schriekt und weicht zurück. Doch Francine hat sich angeschlichen und setzt ihrem Zurückweichen einen Widerstand entgegen. Shortson sieht die Angst in Ishimotos dunklen Augen auflodern, bevor er sie am Handgelenk zu fassen kriegt.

Allen flimmert es vor den Augen. Ein Donner erschüttert ihre Welt. Der Übersetzungsbunker löst sich in Atome auf, so zahlreich wie in unserer Spiralgalaxis die Sterne, und verschwindet in einem Abyss.

13

Am 14. Mai weckt Shortson sein Blackberry. Die SMS liest sich so: „In Kuala Lumpur erglimmt der Onyx des Grauens“. Nur schnell angezogen, dann ist er schon unterwegs zum Fiumicino. Auf einer Vespa rast er durch die Straßen, die bei schönstem Sonnenschein von Italienerinnen und Italienern vor den Cafés gesäumt sind. Alle lesen sie in Dante, kann Shortson erkennen. „Du hast es nicht geträumt.“, flüstert Francines Stimme in sein Ohr und ihre Arme umklammern fest seinen Brustkorb.

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