Dorffestgottesdienst

Gleich vor der katholischen Kirche fand gerade auf der Bühne fürs Dorffest ein evangelischer Familiengottesdienst statt. Zwei Kinder wurden getauft, der kleine Henry und der kleine Joko und sein Papa Bastian gleich mit. Vielleicht 150 Leute waren bei der einstündigen Zeremonie anwesend.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Reihen füllten sich erst später so richtig

Weiß geschminkte und gekleidete Kinder laufen auf der Wiese herum. Sie werden gleich etwas aufführen. Ein kleiner Posaunenchor von fünf Personen beteiligt sich auch. Bevor sie anfangen, spielt man Xavier Naidoo, leider. Pfarrerin Regina Doffing lässt eine App die Glocken läuten. Sie schwenkt ihr Handy vor dem Mikro auf und ab, anders bimmelts wohl nicht. Sie scheint derangiert: „Denn der Menschensohn ist nicht gekommen zu suchen, was verloren ist.“ – „Ist gekommen, jetzt bin ich schon ganz durcheinander.“ Sie setzt neu an und verspricht sich erneut: „ist nicht gekommen“.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAHier suchte sie die Glockenapp, glaube ich

Tatsächlich, wie angedroht intoniert man „Morgenlicht leuchtet“ vom stimmungsvollen Cat Stevens. Die weißen Kinder auf der Bühne beginnen sich derweil schon zu langweilen. Sie sind von einem Kindergarten und werden von Doffing ganz besonders begrüßt. Obwohl das Lied bekannt sein dürfte, singt kaum jemand mit. Unenthusiastisch liest sie Psalm 23 vor, bei eingerückten Stellen springt die Gemeinde ein: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Dann wird „Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag“ gesungen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGlockenläuten

Nun muss der Tisch zur Seite getragen werden, die Pfarrerin und ein Mann packen an, weil die Aufführung Platz braucht. Es sei die Geschichte vom verlorenen Schaf. Die wohl Kindergärtnerin liest einen integrativen Text. „Keiner konnte sie leiden“ kommt drin vor. Der Hirte – sie sagt ihn männlich – hätte alle Schafe mit ihren Namen gekannt. Die Hirtin, ein Mädchen im braunen Hirtenüberwurf, geht mit dem Mikro zu ihren Kommilitoninnen und die Kinder sprechen hinein: „Eins, Lena“, „Mäh“, „Zwei, Elina“, „Drei, Marlene“. Hundert Schafe seien es und er zähle sie täglich durch. „Marlon“, „Mäh“, „Sieben, Janni“, „Mäh“, „Mäh“. „Ein Schaf fehlt!“ ruft die Erzählerin überrascht aus. „Das verlorene Schaf Lena.“ Die Hirtin sagt: „Schafe, ihr bleibt hier, und sich suche das verlorene Schaf, Lena.“ Sie findet es hinter einem Möbelstück auf der Bühne versteckt. Die Erzählerin schließt: „Seht, sagte Jesus zu den Seinen, so freut sich Gott, wenn ein Mensch heim findet. Er freut sich so wie der Hirte, der sein Schaf findet.“ Erinnert mich an die Serie in einer Zeitung, wo welche keinen Schlaf finden.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin schwarzes

Die Hirtin sagt: „Das wünsche ich mir, dass immer einer bei mir ist, der lacht und spricht: Fürchte dich nicht!“ Gemeinsam verbeugen Hand in Hand können sich die Kleinen schon ganz gut. Die Pfarrerin moderiert ab: „Herzlichen Dank an unsere Kindergartenkinder und die drei vom Team.“ Nun predigt sie: „Das einzelne Schaf wird nicht einfach abgeschrieben. Da wird nicht einfach wirtschaftlich gedacht, neunundneunzig sind doch genug.“ Wieder hat sie einen Aussetzer: „Hirten sind wichtige Tiere damals.“ Sie beschwört jene, „die wie das kleine Schaf Lena einfach irgendwo auf dem Weg geblieben sind.“ Dabei ist der Weg doch das Ziel, sagte mal ein anderer. Tja, wer sind die verlorenen Schafe? Die sozial Schwachen? Die den Kontakt zur Kirche verloren haben? Die mit Gott nichts anfangen können, weil sie nicht von ihm profitieren können? Alles das schlägt Doffing vor. „Dann brauchen wir so Hirten, wie Lara sie eben gespielt hat, die sich auf die Suche machen.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERANebenan eine Hüpfburg

Die Pfarrerin behauptet: „Gott sucht. Er macht sich auf den Weg.“ Augustinus hätte das anders gesehen. „Er sitzt nicht irgendwo in seinem Stübchen.“ Da hat mein Opa mal ein Foto von mir im Urlaub gemacht, von schräg oben sieht man mich an einem Tischchen gebeugt was schreiben oder zeichnen oder Kafka lesen, und nannte es „Hieronymus im Gehäus“, weil im Vordergrund Glasscheiben des Zwischengeschosses schmal eingefasst waren. „Diese Suche ist für das Schaf sehr wichtig. Ein Löwe hätte es sich wahrscheinlich zu Mittag genommen.“

Ich glaube, die Pfarrerin kommt aus Norddeutschland. „Gott gibt uns einen Schubs.“ Sie gerät ins Rechnen und Philosophieren: „Wenn neunundneuzig da sind, dann fehlt etwas. Es ist nicht komplett.“, will sie uns einprägen. „Es ist nicht die Fülle, die Gott will.“ Und so sei es auch mit dem Volk Gottes. Israel allein habe ihm nicht genügt. „Wir Christen und Christinnen“, sagt sie. Nennt man Frauen denn nicht mehr zuerst? Und schlägt den Bogen zur Taufe: „Wenn wir gleich X und Y taufen, dann heißt das, wir werden ein Stück vollständiger.“

Es werden Strophen des Liedes „Möge der Segen Gottes mit uns sein“ gesungen. Die restlichen Strophen später. Nur ein ausländisch aussehendes Kind sehe ich, eine Dunkelhäutige mit Rastalocken. Die Gesangsleistung der Gemeinde ist äußerst schwach. Die Lesung berichtet eine Geschichte von einem Philippus, der einen äthiopischen Minister tauft. Die Lektorin endet: „verkündete in allen Städten die gute Nachricht.“ und murmelt fast: „Hallelujah.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUngekreuzte Blicke

Manchmal ist sie schwer zu verstehen. „Wir haben ein neues Glaubensbekenntnis abgetrockt.“, habe ich die Pfarrerin verstanden. „Dass er so groß ist“ kommt drin vor und der Begriff „Kernspaltung“. „Er hat alles gemacht, auch mich.“, bekennen die gläubigen Familien. Etwas Traditionelles ist noch drin: „im Namen des dreieinigen Gottes“.

Das Problem des Bevölkerungswachstums – die UNO rechnet mit drei Millarden mehr bis 2050 – sieht sie nicht, spricht eher wie nach einem Krieg oder Sintflut: „Wir taufen Kinder und Erwachsene, damit sie dazu kommen, damit die Erde wieder voll wird.“ Der Taufspruch der ersten Familie ist aus dem ersten Korintherbrief: „Liebe hört nie mehr auf.“ Henrys großer Bruder sagt ihn auf. Eine Schülerin liest: „Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen.“ „Henry bekommt natürlich auch einen Fisch“, verkündet die Pfarrerin und hält ihn aus Papier hoch, „den wir in die Kirche hängen.“ An der großen Kerze auf dem Tisch, der nach der Aufführung wieder nach vorn an den Bühnenrand gestellt worden ist, darf die Familie eine Taufkerze entzünden. Bei der zweiten Familie vergisst sie es und muss von der Familie dran erinnert werden. „Das wünschen wir dem kleinen Henry, dass er immer Licht hat im Leben.“ Auch Goethe war Licht wichtig, oder war’s „Mehr nicht.“, was er wollte? Die Konstruktion mit vorgezogenem Demonstrativpronomen im Akkusativ, das vorschnell schon mal einen Konsekutivsatz ankündigt, kam schon mal vor, ja, da, am Anfang des fünften Absatzes. Die Mode ist mir neu.

Die Kerzenflammen trotzen dem auflebenden Wind. Die Patin des zweiten Kindes liest: „Ein Kind, das ständig kritisiert wird, lernt zu kritisieren“ und weitere Negativbeispiele. Am Ende kommt mit einem großen „Aber“ aber was Positives, „ermuntert“ oder „aufgemuntert“. Es riecht nach gebratenem Fleisch. Das Dorffest ist ja noch im Gange, die Buden stehen, wenn auch wenig frequentiert so früh am Tage, Zuckerwatte, auch blau, hängt verschweißt an einem Verkaufswagen. Hinten dreht sich ein Karussell und hinter den Büschen feiert St. Pankratius eine Art Minipfarrfest. Seine Glocken schweigen freundlicherweise, erst nach Ende der Konkurrenzveranstaltung fangen sie laut zu schlagen an.

Im Gemeindebrief überrascht der Pfarrerin ökumenische Gesinnung:

Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Kinder mal aus der Kirche austreten?
Regina Doffing: Das weiß man ja nie, aber es würde mich schon sehr treffen. Es sei denn, sie würden konvertieren.

Nach einer sogenannten Abkündigung liest eine Frau in weißer Jacke und weißer, gefältelter Bluse noch: „Herr, wir danken dir für diese Kinder. Du hast ihnen die kleinen Hände gegeben …“ Kleine Füße kommen fernerhin vor, große Augen, schöne Münder und zuletzt ein adjektivloser Verstand. Jetzt wird wieder gesungen: „Das wünsch ich mir, dass immer einer bei mir ist“. Oder wär, weiß nicht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA150 vielleicht am Ende

Die Pfarrerin schließt: „Und jetzt hören wir noch ein Nachspiel von unserm kleinen Chor. Sie„, wendet sie sich an die Gläubigen, „nehmen noch mal Platz.“ Nein, nach dem Nachspiel schließt sie: „So beswingt können wir jetzt in den Sonntag gehen. Den Tauffamilien ein schönes Fest.“

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