Manches weilt

Alles glänzt mir neu und neuer,
Mittag schläft auf Raum und Zeit.
(Friedrich Nietzsche)

Der kleine Abriss von Byung-Chul Han in der Zeit kommt einem wie aus der Zeitschrift Psychologie heute vor, die ich missmutig in einem gewissen Wartezimmer wahrnehmen musste. Stakkatoartig werden steile Thesen aufgestellt, die auf Affirmation zielen, aber bei jeder neuen will man rufen: So ist es doch gar nicht. Han bindet es nicht an eigene Lebenspraxis, sodass man sich seinen Argumenten etwa über eine solche Unterfütterung nähern könnte, nein, es verbleibt in wolkigen Gemeinplätzen, die wir alle schon ahnten und begeistert „trifft zu“ rufen wie beim Horoskop.

*

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Es wäre ein Sakrileg, eine rituelle Handlung beschleunigen zu wollen.

Was ein Sakrileg ist, ist willkürlich. Zeremonien sind von Menschen festgelegt, Wandel unterworfen. Wenn Mächtige verlangen, wir sollen zwei Minuten innehalten oder eine Minute schweigen, dann geben sie diese Eigenzeit vor, sie wohnt dem 无为 nicht inne. Es gibt nichts Heiliges außer vom Menschen gemachtes, daher sind Sakrilege willkürliche Urteile.

Rituale und Zeremonien haben ihre Eigenzeit, ihren eigenen Rhythmus und Takt.

Warum unterscheidet Han die beiden Nominative? Gut, Rituale religiöser, Zeremonien politischer Art machte Sinn. Verdächtigen kann man ihn allerdings, damit umfassender sprechen zu wollen, mehr zu okkupieren.

Eigenzeit gibt es auch in der Physik. Da ist es die Zeit, die in einem bewegten Bezugssystem vergeht. Wegen der Zeitdilatation der Relavitätstheorie ist sie gestaucht gegenüber der Zeit im Ruhesystem. Ein Astronaut sei nach Rückkehr zur Erde weniger gealtert als sein Zwilling, der immer nur in der Stube gesessen hat, heißt es.

Han suggeriert, Rhythmus und Takt eines Rituals ließen sich nicht beschleunigen. Jedoch werden Rhythmus und Takt gerade nicht verletzt, spielt man die Zeremonie einfach einen Zahn schneller ab. Rhythmus ist relativ, das Grundmass frei wählbar. Drei Schläge mit halbem Zeitabstand folgen auf zwei mit ganzem. Ein Takt kann allegro ma non troppo oder con brio aufgeführt werden ohne aus ihm zu geraten.

Das Ritual des Zähneputzens sollte man freilich nicht beschleunigen.

Alle narrativen Vorgänge, zu denen auch Rituale und Zeremonien gehören, haben ihre eigene Zeit.

Das Wesen der Narration ist die Reihenfolge, nicht der Zeitbedarf. Man kann schneller oder langsamer vorlesen. Mann sollte sich erzählend der Auffassungsgabe der Zuhörerinnen adaptieren. Narrativ ist: Auf dieses folgt jenes. Wie schnell man das erfassen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt, vgl. Nr. „Mehr Input, mehr Input“ 5, wie er das Buch im Nu durchblättert hat und gelesen.

Liebkosungen, Gebete oder Prozessionen lassen sich nicht beschleunigen.

Falsch. Ein flüchtiger Kuss, wenn sich der arbeitende vom häuslichen Partner verabschiedet. Ein hastiges hingemurmeltes Gebet, um einer religiösen Pflicht genüge zu tun. Eine Prozession, die stockt wie jene am 5. Juni in Köln:

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Die Bischöfe mit ihren violetten Gürteln müssen warten, weil der Kardinal mit der Hostie nicht nachkommt, während eine junge Frau in anderem Rot die Uniformierten langsam mustert.

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Von der Prozession kommt Han auf den Prozessor. Auch einen Prozess kennzeichnet die Abfolge seiner Schritte. Geschäftsprozessmodellierer evaluieren Bedingungen, unter denen der nächste Schritt eingeleitet werden kann. Sind dabei selbstverständlich um Optimierung bemüht, sonst wären sie überflüssig. Ein Mikroprozessor arbeitet jedoch eher narrativ als additiv, was immer additiv in diesem Rahmen heißen soll. Er muss Punkt- vor Strichrechnung beherzigen, die Rechnungen in der richtigen Reihenfolge ausführen, ein menschengemachter Algorithmus gibt ihm dabei seinen Weg vor.

Alles wird schneller.

Eisenbahnangst.

Han rekurriert auf Idyllen, wie sie uns das TV manchmal zeigt, etwa „Der Letzte seines Standes?“ im Bayerischen Fernsehen. Seine Faszination durch geruhsames, geduldiges Handwerk kommt vielleicht im „abhandengekommen“ seines Artikels zum Ausdruck.

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Der erträumte, revolutionäre Sprung ins „Andere“ kommt in den dreizehn Malen zum Vorschein, die dieses Wort erscheint.

Die Erfahrung von Dauer ist heute kaum möglich.

Nehme ich anders wahr. Eine Kollegin war auf Socken im Flur ausgerutscht und hat sich die linke Hand kompliziert gebrochen. Es ist eine Metallplatte reingesetzt worden, sie war länger als erst angekündigt krank geschrieben und will bis heute mit der Hand nichts Schweres heben. Genesung dauert. Pendelfahrten dauern auch, man versucht sie sich durch Lesen zu verkürzen. Arbeitszeit dauert, wenn sein Fokus auf der Feierabendfreizeit liegt, weil man da was tun will. Kinder warten auf Weihnachten. Dass wir heute keine Dauer erleiden würden, will mir nicht in den Sinn.

[Die Arbeitszeit] ist keine narrative, sondern eine additive, ja kumulative Zeit.

Das klingt nach großem Quatsch und ist es wohl auch. Wie oben geschildert, bedeutet narrativ nacheinander und das hat in der Produktion natürlich nach wie vor Bestand.

Wie eine Lawine stürzt die Zeit vielmehr gerade deshalb fort, weil sie in sich keinen Halt mehr hat, weil nichts der Zeit Dauer verleiht.

Ein grundfalsches Bild. Die Zeit war immer schon da, herrscht seit dem Urknall, eine Lawine beginnt irgendwann. Eine Lawine reißt immer mehr mit, was sollte die Zeit? Eine Lawine endet schließlich im Tal, endet die Zeit?

Schön ist, dass Han fast ganz bei den prägnanten deutschen Substantiven bleibt. Um so mehr fällt die eine Stelle auf, wo er temporal sagt.

lösen den Fortriss der Zeit aus, der zur richtungs-, das heißt sinnlosen Beschleunigung führt.

Im Minkowskiraum ist die Zeit den drei Raumdimensionen zugesellt. Er ist vierdimensional, die Zeit ist eindimensional. Insofern schon kann sie keine andere Richtung haben als vor und zurück. Die Thermodynamik nun verlangt, dass ein Zurück ausgeschlossen ist, weil es nichts Ordnendes außerhalb des Systems gibt, das eingreifen könnte, um die Ordnung zu erhöhen. Somit gibt es nur noch eine Richtung für die Zeit, immer voran. Ebenso wie die Geschwindigkeit ist die Beschleunigung ein Vektor, eine Zahl mit Richtung also. Wenn die Zeit nur in eine Richtung ablaufen kann, kann die Beschleunigung, na gut, immer noch in zwei Richtungen wirken, als Schnellerwerden oder als Bremsen. Richtungslos jedoch nie und der Sprung zum Sinn macht sowieso keinen.

führt auch dazu, dass wir heute pausen- und richtungslos kommunizieren.

Falsch. Wir schlafen. Richtungslos kommunizieren tun vielleicht Monologisierer.

Die Leere zwischen Kommunikationen

Also doch.

Der siebente und achte Absatz beschwört nun die Gegenwelt. Han idyllisiert religiöse Feiern, stellt sie wie vom Himmel gefallen dar und vergisst, dass sie menschengemacht sind, auch um konkurrierende Sekten auszugrenzen.

Erinnere, wie ich vor zwanzig Jahren vielleicht Ovids fasti im Führerstand eines Transporters las, mit dem mein Bruder nach Ostdeutschland umzog. Die Fahrt dauerte, reichlich, und ich war froh, die nutzlose Zeit mit was Schönem zum Lesen füllen zu können.

Die Zeit des Festes ist der Arbeitszeit diametral entgegengesetzt.

Diametral entgegensetzt ist links. Was Han vielleicht eher meint, rechts:

diametral

Daher schlafen wir heute so unruhig.

Fraglich. Eine Fußnote zu einer Studie wäre hilfreich, um die Behauptung zu untermauern.

Die Entschleunigung bewirkt keine Heilung. Vielmehr ist sie nur ein Symptom.

In diese Kryptik erst mal reinfinden. Glaube, weiß, was er meint. Der Durst nach Entschleunigung zeigt an, dass etwas zu schnell läuft. Unterbrechen der Eisenbahnfahrt und Warten auf einem Bahnsteig auf den nächsten Zug macht die Züge nicht langsamer.

Der letzte Absatz passt nun gar nicht mehr zum Nietzschezitat im Eingang.

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*

Zeit kommt im Artikel häufig vor: 57 Mal. 32 Mal solo, 11 Mal als Kopf und 14 Mal als Schwanz eines Kompositums:

byung_chul_han_zeit_markiert

In diesem Rhythmus kommt sie vor (links der Beginn, rechts das Ende des Textes):

byung_chul_han_zeit_statistik_linien

Kumuliert nach den zehn Absätzen sieht es so aus:

byung_chul_han_zeit_statistik

Die Balkenhöhe gibt den Anteil der Wörter an, die Zeit in sich tragen. Im letzten Absatz sind es 13,9 Prozent, über den ganzen Text 6,4, das ist jedes sechzehnte Wort. Die Balkenbreite entspricht der Anzahl der Wörter im Absatz überhaupt. Damit ist die Balkenfläche Maß für das absolute Vorkommen von Zeit im Absatz.


UPDATE 05.07.2013

Roger Willemsen diametral besser verstanden. Im Gespräch mit Petra Pluwatsch im heutigen BücherMagazin, er habe auf einem Flug nach Tokio Thomas Stangls Buch über Timbuktu gelesen, „das meinem Reiseziel so diametral entgegengesetzt war“. Quer durch den Erdmittelpunkt landet man zwar im Meeresniemandsland, 1500 Kilometer vor Montevideo auf gleichem Breitengrad, und die malische Stadt ist in beiden Richtungen um die 40° entfernt, aber 40/360 sind wenigstens nur ein Neuntel des Erdkreises, weniger als ein halber rechter Winkel.


UPDATE 07.07.2013

In Lumen fidei, der Enzyklika „der vier Hände“ (Franziskus), findet sich zwar kein Radius, egal, was Jan-Heiner Tück auch sagen mag, doch Horizonte in verwirrenden Numeri. In 1 ist es der „eine“ weite Horizont, in 4 sind es schon mehrere „großartige Horizonte“ und am Ende noch mal „die“ unseres Weges. In 5 ist es „die Weite der Horizonte“, aber davon mag vieles auf den weniger intellektuellen Franziskus zurückgehen. In 33 ist es wieder der Singular, der „Horizont des Glaubens“, aber schon in 34 sind es die „Horizonte der Vernunft“? Schätze Benedikt XVI., welcher diese Passage geschrieben haben wird, wenn auch vermutlich nur mit einer einzigen, seiner Schreibhand, sehr, also muss man geistig hineinbohren. Der Plural Horizonte macht dann Sinn, wenn mensch sich mal niedriger, mal höher befindet. Ist er tiefer im Loch, ist sein visueller Horizont arg eingeschränkt. Steigt er auf eine Bergspitze, etwa die Jungfrau, den Mönch oder den Eiger – oder wie Petrarca auf den Mont Ventoux -, dann weitet er sich. In 36 ist es wieder ein Horizont und in 53 schließlich auch.

Meiner Einschätzung nach wird der Schreibstift so bei 56 an Franziskus übergegangen sein. Andere meinen, bei 50 schon, aber T. S. Eliot möchte ich doch nur „unserem“ Papst zutraun.


UPDATE 10.07.2013

Wolfgang Beinert äußert sich im Interview: „Das, was die Piusbrüder vertreten und was die Lehre des Konzils ist, zu der sich die Päpste ausnahmslos bekennen, ist diametral entgegengesetzt.“

Man versteht ungefähr, was er meint, fragt sich aber, welche Positionen dann den Rest des Kreises ausmachen, und vor allem, warum es einen zwiegespaltenen Weg zwischen ihnen geben sollte, die tangential erst einmal in diametral entgegengesetzte Richtungen führen würden.

Anders sieht es aus, wenn man nicht auf den Rand des Kreises blickt, sondern ihn als Kreisscheibe mit Inhalt versteht, wobei der Kreis die Menge aller möglichen Positionen einfasst. Dann führe ein Weg auch durchs Zentrum hindurch auf die andere Seite.

Problematisch allerdings, dass der Papst nun ganz am Rande der Positionenmenge steht. Schließlich ist er eine Kompromisswahl von Kardinälen, deren Positionen ihn also doch immer noch wie eine Wolke in alle Richtungen hin umhüllen werden.

Apropos Richtungen bleibt die Frage, welches die beiden Achsen seien, entlang derer die Positionen im Bild kartiert sind. Das Problem lässt sich aber lösen, denn der Diameter behält seine Definiertheit in egalwievielen Dimensionen. Er führt immer vom Ausgangspunkt aus geradewegs durch die mittlere Position hindurch in die andere Hälfte der Positionenwolke hinein.

Zwingend wird die Interpretation als Menge von Punkten, wenn Beinert anschließt: „Da gibt es nur Einigung, wenn einer nachgibt.“ Entlang eines Kreises müsste die Entscheidung, rechts- oder linksherum?, getroffen werden. Dass Beinert das nicht in den Sinn fällt, stützt die Deutung als Punktwolke, bei der die suizidale Partei stracks durch die Mitte marschieren kann.

Unschön bleibt, dass der eine Rand ganz zum andern hinüberwandern soll, was den Mittelpunkt kaum verschieben wird, und was ist mit den Positionen, die an anderen Rändern liegen, nicht diametral entgegengesetzten? Sie lappen jetzt gefährlich über. Eine andere Möglichkeit, eine Einigung zu erreichen, läge darin, den Kreis zusammenschnalzen zu lassen. Nicht auf einen Punkt auf dem äußersten Rand hin, sondern in der Nähe einer gemittelten Position. Das kommt dem realen Papsttum denn auch näher, das bestimmt keine randständige Existenz haben kann.

Es stimmt so vieles nicht am Bilde des „diametral Entgegengesetzten“.


UPDATE 11.07.2013

Mal ein Beispiel gegeben:
Wir befänden wir uns in einem fünfdimensionalen Raum. Die fünf Dimensionen könnten z.B. sein: Priesterweihe von Frauen, Homoehe, Laienpriestertum, Papstprimat und Kirchensteuern per Staat.
Die Punktewolke wäre (1,2,5,3,2), (2,1,2,8,4), (5,2,3,4,1), (9,1,4,8,2) und (3,9,1,2,1).
Ihr statistisch ermitteltes Zentrum ist dann ((1+2+5+9+3)/5, (2+1+2+1+9)/5, (5+2+3+4+1)/5, (3+8+4+8+2)/5, (2+4+1+2+1)/5) = (20/5, 15/5, 15/5, 25/5, 10/5) = (4,3,3,5,2).
Diametral entgegengesetzt zum ersten Punkt (1,2,5,3,2) wäre nun (1,2,5,3,2) + 2*((4,3,3,5,2) – (1,2,5,3,2)) = 2*(4,3,3,5,2) – (1,2,5,3,2) = (8,6,6,10,4) – (1,2,5,3,2) = (7,4,1,7,2). Ein Punkt, der in der dritten Dimension an den Rand der konvexen Hülle stößt und, nimmt man die anderen Dimensionen hinzu, wohl darüber hinausragt.

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