Moleskine

Die FAZ über die Marke Moleskine gelesen. Gleich mal zum Chatwin gegriffen, der zum Glück noch im Regal steht und keiner Entsorgungsaktion wie etwa Schmidts Abend mit Goldrand zum Opfer gefallen ist. Leider keine Stichworte mit Seitenzahlen auf dem Vorsatzblatt, diese Mode wohl erst sehr viel später eingeführt, aber auch nicht immer durchgehalten. Mein Namenszug in Schreibschrift sieht auch äußerst altmodisch aus, tippe auf zehn bis zwanzig Jahre her. Ja, „Veröffentlicht im Fischer Taschenbuchverlag GmbH [heute würde man sagen: in der], / Frankfurt am Main, September 1992“. Keine Auflage angegeben.

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Also durchblättern. Und beim Durchblättern und Überfliegen auch auf die beiden Stellen gestoßen, an die ich mich vage erinnere, ohne sie notiert zu haben. Mit dem von Ursula Scheer Gegebenen stimmen sie überein.

Hier sind sie also, in der alten Rechtschreibung noch, den Kapiteln 3 und 30 entnommen, übersetzt von Anna Kamp:

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mein Notizbuch benutze?“ fragte ich.

„Nur zu!“

Ich zog ein Notizbuch mit einem schwarzen Wachstucheinband aus meiner Tasche; die Seiten wurden von einem Gummiband zusammengehalten.

„Ein hübsches Notizbuch“, sagte er.

„Ich habe sie immer in Paris gekauft“, sagte ich. „Aber jetzt werden sie nicht mehr hergestellt.“

Und fast dreißig Kapitel und zweihundert Seiten später:

Es gab eine Sperrholzplatte, die über der zweiten Bettstelle zu einem Tisch heruntergeklappt werden konnte. Es gab sogar einen Drehstuhl. Ich stellte meine Schreibstifte in ein Wasserglas und legte mein Schweizer Armeemesser daneben. Ich packte ein paar Schreibhefte aus, und mit der zwanghaften Ordnungsliebe, die den Anfang eines Projektes begleitet, machte ich drei ordentliche Stapel aus meinen „Pariser“ Notizbüchern.

In Frankreich sind diese Notizbücher als carnets moleskines bekannt: „Moleskin“ war in diesem Fall ihr schwarzer Wachstucheinband. Sobald ich nach Paris kam, kaufte ich Nachschub in einer papeterie in der Rue de l’Ancienne Comédie. Die Seiten waren kariert, und die Vorsatzblätter wurden mit einem Gummiband festgehalten. Ich hatte sie in Serien numeriert. Ich schrieb meinen Namen und meine Adresse auf die erste Seite und bot dem Finder eine Belohnung an. Einen Paß zu verlieren war das geringste aller Übel – ein Notizbuch zu verlieren war eine Katastrophe.

In den rund zwanzig Jahren, in denen ich gereist bin, verlor ich nur zwei. Eins verschwand in einem afghanischen Bus. Das andere wurde von der brasilianischen Geheimpolizei entwendet, die nicht ohne einen gewissen Scharfsinn in ein paar Zeilen, die ich über die Wunden eines barocken Christus geschrieben hatte, eine verschlüsselte Beschreibung ihrer eigenen Untaten gegenüber politischen Gefangenen zu erkennen glaubte.

Einige Monate vor meiner Abreise nach Australien sagte die Besitzerin der papeterie, le vrai moleskine sei immer schwerer zu bekommen. Es gebe nur einen Lieferanten: ein kleines Familienunternehmen in Tours. Sie ließen sich viel Zeit, wenn es darum gehe, Briefe zu beantworten.

„Ich würde gern hundert bestellen“, sagte ich zu Madame. „Hundert werden mir ein Leben lang reichen.“

Sie versprach, noch am selben Nachmittag in Tours anzurufen.

Mittags machte ich eine ernüchternde Erfahrung. Der Oberkellner der Brasserie Lipp erkannte mich nicht wieder. „Non, Monsieur, il n’y a pas de place.“ Um fünf ging ich zu meiner Verabredung mit Madame. Der Hersteller war gestorben. Seine Erben hatten das Unternehmen verkauft. Sie setzte ihre Brille ab und sagte, fast mit einer Trauermiene: „Le vrai moleskine n’est plus.“

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Gut, paar Dinge nicht so 100 pro. In Chatwins Roman, zumindest in seiner Übersetzung ins Deutsche, ist von carnets, nicht cahiers die Rede (bei Cahiers immer gleich Godard in den Sinn schießend) und bei Chatwin nicht erwähnt, ob das in Tours Manufaktur.

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