Scholz & Friends #fail

Mittags standen Gregor und ich an der Haltestelle der Kölner Stadtbahn, da merke ich, dass er die Stirn runzelt. Ich folge seinem Blick. „Was ist denn da?“ Er zeigt auf das große Werbeplakat mit groß Jérôme Boateng drauf: „Wie heißt es denn nun?“

markenschreibfehler_auf_werbeplakat
Neuer Scholz & Friends Claim: Wir verschreiben uns bei Ihrer Marke?

Dass auf einem Werbeplakat die Marke falsch geschrieben ist, ist ja schon ein Hammer. Öberer Hammer wird’s, erkundigt man sich auf rockyourlife.de. Da stecken große Namen hinter. Oberhammer aber ist, dass es die Bildung fördern will. Statt viel mit Buzzwords wie Coaches zu jonglieren, sollten sie lieber nicht das auf der Grundschule Gelernte verloren gehen lassen.

Wenn ich es recht verstehe, haben Scholz & Friends es für lau gemacht, weil ihnen die Initiative so moralisch korrekt und unterstützenswert vorkomme? Und entsprechend unprofessionell gearbeitet? Wie so etwas passieren kann, ist mir überhaupt ein Rätsel. So viele Leute guten Willens und hoher Professionalität, bestimmt zudem bestens in Business English, schreiben ihre Marke falsch? Hätte denn nicht wenigstens ein auf der Erde Gebliebener, ein Praktikant, vor dem Ausliefern noch mal drübergucken können? Wenn das einem Beworbenen wie Gregor auffällt, der nicht danach sucht, dann darf nicht sein, dass es jemandem in den Betrieben, die damit ein paar Tage oder Wochen lang zu tun gehabt haben, nicht aufgefallen ist. Armes Deutschland.

Gregor fragte auf ihrer Facebookseite nach. Es kam eine nette, entgegenkommende Antwort, an der Manches stutzig macht:

1. Die Ausrede, dass so ein Fehler auch „geübtesten Lektoren“ passieren könne, ist unverschämt. Der Bundesverband deutschsprachiger Lektorierender sollte protestieren. Natürlich können einem Fehler unterlaufen, aber nicht an so Kernstellen und nicht bei so wenig Text. Da hätte man durchaus auch drei- oder viermal mit der Lupe drübergehen können, wäre ja kein Megaaufwand gewesen.

2. Die Antwort kam prompt. Erst hatte Gregor den Verdacht, dass sie vorgefertigt sei, weil sie so schnell kam. Aber der erste Satz nimmt Gregors letzten auf, also nicht. Die Antwort ist stilistisch so gut, also aus SocialMediaMarketingFuzziSicht, dass mein Freund und ich vermuten, dass ein SocialMediaMarketingFuzzi bei Scholz & Friends dahinter steckt.

3. Wir mutmaßten über die Kommunikationsstrategie dahinter. Der Ball wurde flach gehalten. Es wurde sogar geliket. Der Verdacht liegt nahe, dass der Fehler bereits bekannt war und man hoffte, er fallen niemandem von uns Dummkaufvieh auf und man müsse eventuell öffentlichen Gelächters wegen die teuren Plakate austauschen. Als wäre die Strategie seit, ja wieviel Tagen, intern kommuniziert worden und man fühlte sich, mit ein wenig brenzligem Gefühl vielleicht, den Windhauchen mächtig.

Als Lösung des Problems schlagen wir Guerillamarketing vor: Praktikanten in den Städten anheuern, die über die linkgeschriebenen Stellen Kanzlerinwahlpapperl kleben.

Am Ende hatten wir den ganzen Nachmittag darüber verplaudert und guckten zur Entspannung den Bhagwanfilm im Ersten.

Eine Antwort to “Scholz & Friends #fail”

  1. Fritz (@Fritz) Says:

    Agenturen haben wenig Interesse am Kleingedruckten. Das Geld wird mit der „Kampagne“ verdient – mit der Formel, dem Schlüsselbild, dem Plattwalzen in den verschiedenen Kanälen.
    Das Desinteresse am „Lesetext“ hat auch ökonomische Gründe. Der Honorardruck steigt, das Personal wird verknappt, „Ungelernte“ machen als Praktikanten in allen großen Agenturen einen wachsenden Teil der Belegschaft aus. Die Folge ist Gehuddel und Unprofessionalität.
    Dass Scholz & Friends hier gratis gearbeitet haben, glaube ich übrigens nicht. S&F sind vie Sebastian Turner und Thomas Heilmann traditionell politisch bestens verdrahtet. Und wo „Ministerium“ draufsteht, darin sind auch öffentliche Budgets enthalten.
    Interessant ist etwas anderes: Das Wachsen der „Egal-Haltung“. Diese Haltung ist natürlich eine Reflexion der „Netz-Rechtschreibung“. Im Netz ist längst alles egal, weswegen die weitaus größte Mehrheit der Alphabeten inzwischen eine innere Aufregung, wie du und dein Freudn sie bei diesem „kleinen Fehlerchen“ empfunden habt, vermutlich nur noch skurril oder lächerlich finden. Es SCHEINT die sprachliche Kommunikation ja nicht zu hindern, wenn sich die verabredeten Konventionen einer Sprache auflösen. Das ist aber längst eine Selbsttäuschung. Das wachsende Desinteresse an Präzision betrifft ja auch Grammatik, Bezüge von Demonstrativpronomen, Gedankenfolge bzw. dem Ausdruck im Ganzen. Klarheit gibt es fast nur noch in der Form der Verkürzung und Simplifizierung.
    Die neue deutsche Egal-Rechtschreibung ist nur ein Begleitphänomen eines subjektivistischen Convenient-Denkens, das für sich in Anspruch nimmt, sich nur um das rylly Wichtige zu kümmern und nicht merkt, wie dabei das vielleicht Wichtigste abhanden kommt. Schließlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Sprache und moralischer Integrität …

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: