Kunstbesuch

Ein Zeitungsartikel hatte Interesse geweckt. Mein erstes Lesen jedoch zu oberflächlich. Erwartet, das mir beim Besuch der Ausstellung dasselbe begegnen würde wie dem Journalisten.

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Vor zwei Wochen fahre ich also zum spätgotischen Gebäude zu Füßen des Doms. Ein Klingeln ist nicht nötig, die schwere Haustür gibt Druck nach. Die artothek ist leer, als ich sie betrete.

Als erstes interessiert mich das Technische. Im recht großen Raum hängen graue Leinwände, die nur noch ganz leichte Spuren der Schriftzüge zeigen. Nahe trete ich heran, mustere die Struktur, um dem Trick auf die Spur zu kommen. Da erscheint die Artothekarin aus einem Nebenzimmer und tritt nahe an mich heran. Gleich frage ich: „Wie funktioniert das denn?“ und, ob ich mal anfassen dürfe. Ihre Kühle verrät ihre Antwort. Rasch sagt sie: „Das ist nur ganz gewöhnliche Leinwand.“ Es liege an der „bestimmten Tinte“. Sie spricht mit russischem Akzent, geht ein paar Mal zwischendurch kurz etwas anderes machen, steht aber sonst während der Viertel- oder halben Stunde, die ich in der Ausstellung verbringe, für ein Aussprechen zur Verfügung.

Unten sind nur die leeren Leinwände geblieben, die Aufzeichnungen der Performance laufen oben. Ich vermisse die im Artikel genannte vierte Sprache. Die Artothekarin klärt auf, dass der Künstler es umgebaut habe. Bei der Performance sei noch Griechisch mit dabei gewesen. Da habe sie die Buchstaben lesen können, weil die meisten gleich seien. Zwei nennt sie als Beispiele und zeichnet mit dem Finger ein Phi Φ in die Luft. Das Wort Café habe sie daher verstanden. Ich aber verstand das Café als Gebäude und blieb einen Augenblick dumm, bis ich es als Getränk auf der Vernissage verstand.

Schön an der Auswahl jetzt ist, dass wir ein Video im Hochformat sehen, weil die Japanischschreibende von oben nach unten schreibt. Die beiden anderen haben Querformat und das Englische schreibt sich von links nach rechts, das Arabische ihm entgegenkommend. Das Hochformat hängt nicht in der Mitte wie bei einem Triptychon, sondern rechts außen, etwas entfernt von den Querformaten. Diese Positionierung kann man, wenn man will, grob als geografisch verstehen (sofern man das Englische nicht den USA zuordnet). Wobei sich die Wände andersherum wölben als die Erdoberfläche. Diese Dinge fallen mir aber erst wieder zu Hause ein. Etwas Lustiges ist mir mit diesem kleinen Video passiert. Weil ich es nicht mehr aufzurichten weiß, schreibt die Japanerin nun plötzlich wie eine Deutsche von links nach rechts🙂

In unserer Genderwahnzeit ist vielleicht erwähnenswert, dass der Künstler, ein Schreiber und ich Besucher männlich sind, drei Diktiererinnen, zwei Schreiberinnen und die Artothekarin weiblich. (Höre schon die „Siehste“s.)

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Beim Schreiber stutze ich und bemerke zur Artothekarin, das sei ja interessant, dass der Mann, der flüssig Arabisch schreibt, – ich suchte eine Weile nach einem Wort – hellhäutig ist. Seine Arme sehen wirklich sehr weiß aus und er trägt Rastalocken. Sie versteht mich schlecht, bekräftigt aber am Ende, dass er durchaus Araber sei, man könne das hier nur nicht so gut sehen. Wirklich sieht man nur seinen Hinterkopf. Die Helle seiner Haut mag damit zusammenhängen, dass die Leinwand in den Videos wie Weiß wirkt, die wirklichen Leinwände aber so ziemlich mittelgrau sind. Könnte sein, genau in der Mitte des obigen Graukeils, aber zumindest innerhalb des dritten Viertels. Ob der Künstler hier mit Absicht am Weißabgleich gedreht hat?

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Vor der japanischen Leinwand erkenne ich selten einmal ein Kanji, so 下 „unten“, 女 „Frau“, 不 „nicht“ und 何 „wie?“.

Was ich vermisse, der Künstler aber vielleicht ja noch vor hat, wäre eine (dauerhafte) Verschriftlichung und Übersetzung des Diktierten. Schrieb ich dauerhaft? Bestimmt hat es dieser Verherrlicher des Ephemeren nicht vor😉

Die Englischschreibende sei Chinesin aus Kanada, teilt mir die Russischstämmige mit. Sie habe sie gefragt, ob sie das Asiatische lesen könne. „Nein, das ist Japanisch, nicht Chinesisch“ habe sie geantwortet.

Wir schauen gerade beide auf das Japanische, wo nur noch wenige – vielleicht zehn – dunkle Punkte auf der weißen Leinwand verblieben sind, und ich sinniere laut über das gute Passen dieses Bildes zur Vorliebe für Reduktion und fast gänzliche Leere der japanischen Ästhetik. Sie versteht nicht. Da verschwinden die Punkte plötzlich und die Leinwand ist völlig weiß. Ich frage die Artothekarin, ob der Künstler da geschnitten habe. Die Punkte schienen ja gar nicht weggehen zu wollen, um es abzukürzen also. Dankbar führt sie aus, genau diese Stelle habe auch sie anfangs immer irritiert. Sie hätte sich gefragt: „Was mache ich für einen Fehler?“ (Bei der Bedienung der Wiedergabetechnik, vermute ich.) Aber da beginne die Wiederholung: „Sehen Sie?“ Tatsächlich hat die Japanischschreibende gerade wieder begonnen und die Videos laufen in Endlosschleifen.

Eine andere dringliche Frage an die Artothekarin ist gewesen, ob Bild und Ton synchron laufen. Ich habe nicht so den Eindruck, muss aber zum Hören des Gesagten zu nahe an die zu weit entfernten Lautsprecherwürfel von Sennheiser gehen, um das Geschriebene noch lesen zu können. Of course in english. Später beobachtet, dass oft gesprochen wird, während die Leinwand schon endgültig zu verblassen scheint, und als die Artothekarin mir netterweise den Ton lauter dreht, kann ich auch da keinen Zusammenhang zwischen dem mit beiden Sinnen Wahrgenommenen feststellen. Habe es aber nicht so sehr verfolgt, dass ich es jetzt beschwören könnte.

Ein hochinteressanter Aspekt der Zurschaustellung von Performancekunst leuchtet auf. Sie habe es so leise gedreht, gesteht die Artothekarin, weil man das nicht den ganzen Tag lang ertragen könne. Dem Erscheinungsdatum des Zeitungsartikels nach befinden wir uns ungefähr in der zweiten Woche. Die Ausstellung läuft bis Ende August. Ob die Wärter wechseln, weiß ich nicht. Wöchentlich geöffnet hat die Ausstellung viermal sechs Stunden und einmal drei, macht 27. Die Ausstellungsdauer ist knapp zwölf Wochen. Macht 27*12 = 270 + 54 = 324 Stunden. Eine arge Belastung, wenn nicht Belästung für die so freundlichen und gebildeten Dienstleister. Hier sollte der Künstler eine Lösung finden, dass der Ton sich am besten ganz abschaltet, wenn kein Besucher da ist.

Kritik. Wie sind Performances in Museen am besten zu präsentieren? Ein Zeitungsartikel fragte das kürzlich, aber ich kann ihn nicht mehr finden. Er ist wohl vor dem 4. Juli erschienen, aber höchstens drei Wochen her. Deutschsprachig. Lieber wäre mir eine Dauerperformance gewesen, dass ich hingehen kann in dem Wissen, mich der Ohnmacht des Beschriebenwerdens auszusetzen. Hm, dass die Artothekarin nun von mir beschrieben wird, weiß sie noch nicht.

Natürlich wäre so eine Dauerperformance für auf Effektivität setzende Künstler von heute viel zu aufwändig, außer Abramović. Also bleiben nur Fotos oder Videos, die das Geschehene dokumentieren. Bei den gezeigten Videos missfällt mir, dass man das Gesamte der Vernissage nicht zu sehen bekommt. Die Menschen im Raum, Besucher und Beschreiber durchmischt. Die Situation auf der Vernissage teilt mir die Artothekarin mit. Sie ist also mitteilenswert gewesen. Was man freilich als eine schöne weitere Form der Verwörtlichung verstehen kann. Sie erzählt, dass die Diktierenden nahezu unerkennbar unter die Vernissagegäste gemischt gewesen seien und den Schreibenden vor den vier Leinwänden ihren Text souffliert hätten. Sie wären natürlich an ihrer Verkabelung letztendlich doch erkennbar gewesen.

Das stelle ich mir sehr reizvoll vor, der Journalist hat es ja beschrieben. Man betritt den Raum, es sind andere Gäste da. Man sieht, dass welche was aufschreiben. Nur das Englische kann man lesen, ein Glück. Neugierig schaut man, was da geschrieben wird. Nanu, eine Frau mit weißen Schuhen betritt den Raum? Man blickt sich um und sieht eine Frau mit weißen Schuhen den Raum betreten. Ein kleiner Adrenalinstoß kommt auf. Sie könnte was über mich schreiben. Zum Glück verschwindet das Aufgeschriebene wieder, wie man beim Griechischen gerade sehen kann. Oh Gott, wenn die Griechin über mich geschrieben hat? Und jemand im Raum Griechisch verstünde?

Die Kosten für die Dauerperformance mal überschlagen. Zwei reichen bei den wenigen Besuchern, am besten in Englisch, wenn schon nicht Deutsch. Wenn wir beide mit einem Stundenlohn von 6 Euro bezahlten, kämen schon 324*6 gleich knapp 2000 Euro zusammen. Das wäre ein Fünftel des Audi Art Award for New Positions-Preisgelds, das die Ausstellung und seinen Katalog finanziert.

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Als wir so über die japanische Schrift sprachen, erzählte die Artothekarin, dass die Englischschreibende eine Chinesin gewesen sei, aus Kanada. Sie habe sie gefragt, ob sie den Text lesen könne. „Nein, das ist Japanisch, kein Chinesisch.“ Deswegen also war sie skeptisch gewesen, als ich auf 一人 zeigte und behauptete, da stehe „ein Mensch“, dann die Sache mit den Kanji ausführte und dass ich Hiragana und Katakana dagegen gar nicht verstehen würde.

Interessant war, wie, als ich auf zwei Glyphen starrte, die aussahen wie 二人 („zwei Menschen“), zwei dickflüssige Tropfen leicht von einem der beiden Querstriche herunterzurinnen begannen. Was ist das nur für eine „bestimmte Tinte“, so die Artothekarin unkonkret? Es gibt ja diese Zitronenschrift für geheime Briefe, aber dickflüssige dunkle Tinte, die fast geräuschlos verdunstet? Hoffentlich wird Aufklärung im Katalog erfolgen, den ich leider noch nirgends konkret angekündigt sehe, oder ich habe ihn auf dem Tresen übersehen. Heidrun Wirth am 12. Juli in der Kölnischen Rundschau schreibt: „Man staunte über die Technik, mit der der geheimnisvolle Bildträger bei Nässe transparent wird und die Schrift unsichtbar macht.“

Im Gegensatz zu meinen verschwurbelten Ausführungen sind die Texte jedenfalls erquickend konkret:

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