Kontaktfreude

Sie thront auf dem Gangsitz eines Vierers in Fahrtrichtung, die Beine breit in den Gang hinein gestemmt. Hinterrücks im Türraum ihr Rollator. Als ich einsteige, tätigt sie Geschäfte über ein altmodisches Handy. Eines ihrer Telefonate in der laut in der Kurve kreischenden U-Bahn dreht sich um eine Wegwerfkamera, die sie zum Entwickeln gebracht hat und sich den Entwicklungsauftrag nun wohl bestätigen lassen will. „Eine Wegwerfkamera!“, wiederholt sie ins schmale Gerät. Ihre Stimme volltönend, tief und klangvoll in kölschem Singsang.

Auf dem Lesegerät lese ich in Yang Jiangs Roman gerade von einer „标准美人“. Der Begriff ist in Anführungszeichen gesetzt. Modellschönheit, ein Mensch, schön wie ein Model, interpretiere ich. Zuhause im Wörterbuch heißen die beiden ersten Zeichen aber Standard, Norm. Jedoch schwingt einer „Standardschönheit“ für mein Sprachempfinden etwas Abwertendes bei, wie 08/15. Die Übersetzung, die ich daheim aus dem Briefkasten fischen konnte, hat „perfect beauty“, was „makellose Schönheit“ besser aussehen lässt.

Etwas später wird 标准 biāozhŭn dann doch Standard sein: „你是社交的笑,全合标准。 Yours is the standard social smile.“

Im Laufe der 1, 2, 3, 4, 5 (一、二、三、四、五) Stationen spricht sie laut alle an. Allesamt sind wir junger Mann respektive junge Frau. Sie selbst nicht gar so alt, mir vielleicht zehn Jahre voraus, schätze ich.

Nachlässig gekleidet ist sie, aber nicht unbedingt heruntergekommen. Die Haare wenig geschnitten, aber doch gekämmt oder gebürstet. Die Kleidung nachlässig, vielleicht praktisch, aber ohne frischen Farbsinn gewählt. Der Mund steht offen, die dicke Unterlippe wie zum Schlucken kleinerer Fische bereit.

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„Junger Mann, haben Sie vielleicht ein paar Euros [sic] übrig für mich?“
„Nein.“
„Haben Sie Internet auf Ihrem Handy?“
„Das ist kein Handy.“
Alle starren auf ihre Bildschirme. Sie schaut skeptisch und gibt sich zufrieden.

Nach 5 Stationen macht eine magersüchtig Aussehende den Fehler, sich in ihren Vierer zu setzen. Die Alte: „Hätten Sie vielleicht ein paar Euro [sic] für mich?“ Mit slawischem Akzent verneint sie freundlich.

Wie bei einer Schalte über Satellit kommen ihre Antworten um drei Sekunden verzögert. Ihre Augen wirken gehetzt, will sich keine Angst anmerken lassen und agiert defensiv mit größtmöglicher Unverfänglichkeit, um niemanden zu verärgern, interpretiere ich.

„Wie heißen Sie?“ Sie nennt einen unverständlichen Namen. Die Alte wiederholt ihn eingedeutscht.
„Haben Sie vielleicht ein Foto von sich dabei?“
Keine Reaktion.
„Könnten Sie mir einen Gefallen tun und mal nachschauen, ob sie eins dabei haben?“
Sie versucht, energisch zu werden: „Ich gebe keine Fotos raus.“

„Darf ich fragen, wo Sie aussteigen?“, die Alte lauthals nach wie vor.
„Rudolfplatz.“, die Jüngere, vielleicht Dreißigjährige. Was nur eine Station weiter ist.
„Ich auch.“ Kurze Pause. „Können Sie draußen wohl mal schauen, ob Sie ein Foto bei haben? Sie bekommen dann auch eins von mir.“
Ein großzügiges Angebot, das die Slawin für ihre Verhältnisse unwirsch ablehnt: „Ich steige aus und dann gehe ich geradewegs.“
Sie steigt aus und die Kontaktfreudige kommt nicht hinterher, muss sie sich doch erst in ihren Rollator klemmen.

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