Weiss und die Farben

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Meine Tochter war zwei Jahre alt, als ich mit ihr zu meinen Eltern fuhr. Meine Mutter wollte ihre Pflege übernehmen. Nachdem die eigenen Kinder sie verlassen hatten, war ihr das Haus zu leer geworden. Auf dem Weg vom Bahnhof fuhr ich an der Fabrik vorbei, um meinen Vater von der Arbeit abzuholen. Der langgestreckte Bau lag mit hellerleuchteten Fenstern, rauschenden Maschinen und dampfendem Schornstein am Straßenrand. In den Drucksälen waren die Arbeiter noch tätig, sie hängten die langen bunten Stoffe zum Trocknen auf. Unten in den Kontorräumen erlosch das Licht, nur im Chefzimmer blieb blendende Neonhelle, und der Schatten meines Vaters, umgeben von den Schatten seiner Ingenieure, war auf den undurchsichtigen gewellten Glasscheiben zu sehen. Mit dem Kind auf dem Arm trat ich zu ihm ins Zimmer und er sah uns mit kurz aufglänzender stolzer Freude an. Die Ingenieure begrüßten uns. Herr Politzer, der Druckleiter, kannte mich noch von den Jahren her, in denen ich in der Fabrik gearbeitet hatte. Auf einem Tisch waren Musterzeichnungen ausgebreitet. Daneben lagen Ideenskizzen, Kunstreproduktionen und Photographien. Man erörterte die Ausführung der neuen Kollektion. Politzer hob den Farbdruck von Klees Wald mit gelben Vögeln auf und fragte mich, ob dieses Bild nicht als Unterlage für ein Muster verwertet werden könnte. Politzer hatte ein dunkles, babylonisches Gesicht, mit scharf umrissenen bläulichen Bartschatten, schweren Augenlidern und breiter Nase, deren Flügel in gemeißelten Rundungen verliefen. Mein Vater fragte mich beifällig, ob ich ein solches Muster ausführen könne. Er legte flüchtig seine Hand auf meine Schulter, dann wurde ich wieder hineingezogen in das Gespräch über neue Kompositionen. Da waren Abbildungen von alten Münzen und Wappen, von Fossilen und Eidechsen, von Löwen, Stieren und Drachen, von Helmen, Burgen und Standarten. Da waren chinesische Holzschnitte und afrikanische Steinzeichnungen, Abbildungen von Gemälden von Braque, Picasso, Cézanne, Matisse. Alles konnte verwendet werden. Alles konnte ins Textile verwandelt werden. Hier fand man einen Farbklang, eine Flächenbehandlung, dort die Manier eines Pinsels, den Ausdruck einer Linie, einer Form. In der Kleekomposition müßte man die Vögel fortlassen und die sichelförmigen Bäume und herzförmigen Blätter hervorheben, das Ganze könnte mit einem silbernen prickelnden Raster überzogen werden. Sehr gewünscht wären die orientalischen Motive. Man müßte noch balinesische Sarongs ausfindig machen und dann im Druck das Batikartige herausbringen. Und hier ein Farbfoto aus einem amerikanischen Magazin, das Motiv war brauchbar, die Blätter der Bäume mußten nur in der Art eines Rousseau ausgeführt werden, und dazu die Farben in der Skala von Matisse, doch alles noch etwas schwungvoller, leichter, luftiger. Einem allgemeinen Bedürfnis entsprachen auch abstrakte Muster. Man rechnete im nächsten Jahr mit einer gesteigerten Nachfrage für modernistische, ineinander verschobene Dreiecke, Quadrate und Kreise.
(Peter Weiss, Fluchtpunkt, edition suhrkamp 125, S. 169f.)

Peter hat ein Textildruckmuster für Bettwäsche entworfen:

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Weiss senior zoomt hinein:

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prüft mit der Pipette die drei Farben und verengt die Brauen: „Du weißt, Sohn, dass wir Rot, Grün und Blau in gleichen Mengen verbrauchen wollen!“

Peter beklagt sich bei Anatol über den unzufriedenen Vater. Dem fällt ein, einen kleinen Kreis einzufügen:

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„Welche Farbe der weiße Kreis bekommen muss, Peter, musst du aber selber errechnen.“

*

Peter fragt die Ingenieure des Betriebs seines Vaters um Rat und wartet mit dieser Lösung auf:

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