Lengfeld’sche

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Wegen Allergie gegens Deo eines Kollegen spontan Urlaub genommen. So kam ich just knapp vor zehn zur Lengfeld’schen Buchhandlung, die ich sonst erst nach Feierabend aufgesucht hätte. Aufmerksam auf ihr Jubiläum war ich durch die Werbebeilage im Kölner Stadt-Anzeiger geworden. Hildegund Laaff sagt, sie sei Freitag erschienen. Im Zeitungsständer der Betriebskantine habe ich sie erst gestern zu Gesicht bekommen und interessiert gelesen. Aufgefallen darin ist mir eine Art „Anzeige“, in der sich S. Fischer, KiWi und rowohlt bei dieser Buchhandlung für ihr Engagement bedanken:

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Inwiefern das als Anzeige durchgeht, ist natürlich fraglich. Eher stellen die drei Verlage ihre guten Namen zur Verfügung. Kenne mich wirtschaftlich aber nicht so gut aus.

Wie gesagt war ich knapp vor zehn da. Das Programm:

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Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dort noch nie gekauft hab noch je gewesen bin. Zum ersten Mal über den Namen gestolpert auch erst jüngst, als das Börsenblatt über einen Concept Store eines Groschenromanverlags berichtete und nicht vergaß, im letzten Abschnitt auch ein paar richtige Buchhandlungen zu nennen. Eine im Grunde nicht schlechte Idee.

Die Auslage jedenfalls ließ Leseratterichs Herz höher schlagen. Ohne freilich alles zu kennen, habe ich meine Lieblinge mal hervorgehoben:

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Die Lesungen finden im linken Eingang mit der Ventilation drüber statt. Im heller erleuchteten Raum rechts geht derweil das Buchhandelsgeschäft weiter:

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Der linke Raum erinnerte mich an Großvaters Zeiten. Eine alte Kommode mit lackglänzendem Holz. Eine Stehlampe mit leicht glänzendem, goldfarbenen Lampenschirm. Auf dem Boden dicke Teppich derselben Art, wie sie im Hause meines Großvaters lagen und zum Spiel einluden. So mit Matchboxautos Bahnen nachzufahren. Oder ich erinnere mich, wie wir aus dickem Holz gesägte Tiere zu einem Zoo aufstellten. Zäune, welche Gehege abtrennten, waren nicht vergessen worden auszusägen. Erinnere ihre Farbe: Dunkles Gelb. Grüne Bäume exotischer Provenienz ebenfalls nicht. Frage mich, ob der Zoo gekauft war, oder ob mein Opa ihn in der Nachkriegszeit aus Stuhlbeinen gebastelt hatte zwecks Verkauf zwecks Familienunterhalts. Wie einen Kaufmannsladen, mit dem wir Enkel dann auch noch spielten. Fein die Blumenkohlröschen modelliert.

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Doch von der Decke gleißten weiße Strahler. Auf dem Lesepult aufgebaut ein Mikrophon und eine Leselampe derselben Marke, wie ich sie auch im Hause habe, beide schwarz:

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Angeschlossen an eine fette Lautsprecherbox, ebenfalls schwarz. Die Tür blieb derweil offen. Es roch etwas muffig, nach altem Bücherpapier und ungelüfteten Teppichen. Als man mich freundlich hereinbat, trat ich hinein. Bernt Hahn las Marcel Proust. Proust schon im Schaufenster gewesen:

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Die Ode an Proust ist von Paul Morand. Die aufgeschlagene Seite endet mit „Votre voix, blanche aussi, trace une phrase si longue“.

Hahn begann mit etwas aus „Nachgeahmtes und Vermischtes“, kündigte er an: „Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit … Vorräte, die wir unberührt neben uns auf der Bank liegen ließen, während über unserm Haupt die Sonne am blauen Himmel … Kalender der entflohenen Tage …“ Wie weit das gelesen wurde, weiß ich nicht mehr. Die „entflohenen Tage“ zumindest erinnere ich. Es währte nur kurz. Dann folgte was aus der „Recherche“, sagte Hahn fachmännisch. Und begann: „Ich lag mit einem Buch in der Hand“, meine ich jedenfalls gehört zu haben. Nachgeschaut ist es Zeile 14 von Seite 114 vom ersten Band der 13-bändigen Ausgabe in der edition suhrkamp: „… streckte ich mich mit einem Buch in der Hand auf dem Bett in meinem Zimmer aus, …“ Entweder hat Hahn den Satz initialisiert oder er las aus einer anderen Übersetzung als der von Eva Rechel-Mertens. Jedenfalls las er weiter und weiter, es wollte fast kein Ende nehmen, über „zur besonnten Straße“ (S. 115, Z. 4) und „scheinbar unbeweglichen Wasserstrahl“ (S. 120, Z. 2) bis zu „Stunden eingeschlossen habt.“ (S. 121, Z. 8) In meinen Notizen schließt noch ein Abschnitt an, der von „Vom Lesen wollte ich sprechen“ und „Akt, der Lesen genannt wird“ eingerahmt ist, doch den kann ich nun nicht finden.

Man applaudiert:

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Das Publikum vielleicht dreißigköpfig, gendermäßig halbe-halbe. Zwei Frauen und ein Mann sind unter 50, schätze ich. Während Hahn sprach, sprang mein Blick von seinem Bart auf die Bärte von Autoren auf Fotos oder Frontcovern. Bärtig waren Umberto Eco, Proust, Hoffmannsthal, Döblin und Musil jung mit Schnäuzer …

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Hildegund Laaff muss nun entschuldigen, dass eigentlich Angela Spizig, „große Verehrerin unseres Hauses“, die Festrede habe halten wollen, aber verhindert sei. Das Redemanuskript habe sie per Post geschickt, aber es sei nicht eingetroffen. Daher entstehe nun eine Lücke. Als man den Sekt ausschank, erhob ich mich, eine ältere Dame fragte mich, ob der Klappstuhl frei werde, ich bejahte und verließ das Lokal.

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