Museume

„Sind Museume Marketingmaschinen?“, fragt Karin nach dem Erwachen.

„Museums, ääh, Museen!“, korrigiere ich.

Also machen wir uns auf in die Stadt.

*

Doch zuerst zu Dirk Bachs Grab, weil wir gelesen hatten, dass dort eine rosa Bank aufgestellt worden ist. Wir kamen zu einer guten Zeit, dachten wir, hin, denn niemand sonst betrat neben uns den Friedhof. Doch als wir einbogen, sahen wir schon eine kleine, dicke Mutter mit pummeliger Teenagertochter ergriffen am Grab stehen. Die Mutter erinnert auf dem Foto – das wir hier leider nicht zeigen wollen, äußerst schade! – ein wenig an Trude Herr. Beschreiben wir es. Sie trägt Turnschuh, weite Bluejeans mit umgekrempelten Röhren, weil sie zu lang sind, eine Regenjacke und auf den Rücken hat sie sich einen Rucksack gepackt. Ihre Haare sind, oder waren mal, rot gefärbt, mit allen Problemen, die das bei einer dunklen Grundfarbe mit sich bringt. Die Tochter trägt Segelschuhe mit weißen Schnürbändern, schwarze Sneakersocken, eine schwarze, ich weiß nicht, wie man das nennt, Gymnastikhose?, dann guckt ein weißes Oberteil mit Spitzen raus und es folgt eine helle Jeansjacke und ein dicker schwarzer Schal. Sie guckt skeptisch.

Die Mutter zu uns: „Muss man doch mal fotografieren.“, und tut es mit dem Smartphone. „Obwohl man das eigentlich ja nicht macht.“, entschuldigt sie sich. Wir tun’s auch:

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Derweil die Tochter ruft: „11 Uhr 11!“

In der Stadtbahn dann sitzt eine alte Dame mit schlohweißem Haar und persischen Gesichtszügen. Sie liest in einem äußerst kleinformatigen Buch mit arabischen Schriftzeichen, macht dazu lautlose, aber ausdrucksvolle Lippenbewegungen, als lerne sie diese Sprache. Viele dunkelhäutige Menschen fallen uns heute auf, mehr als sonst. In Junkersdorf schon war einer mit uns aus dem Bus gestiegen und gelaufen, um die Bahn noch zu bekommen, aber umsonst. Wir sahen nur noch ihre Rücklichter. Nun an Melaten traten plappernd zwei Weibliche auf den Bahnsteig, deren Alter schwer abzuschätzen, zwischen Kind und Erwachsen, so 16, 17, schätzen wir. In der Bahn selbst waren dann wieder verschiedenste Nationalitäten unterwegs. Wir hörten eine Frau, die nicht slawisch aussah, Slawisch in ein Telefon sprechen. Die kleine Pummelige neben ihr, die exotisch aussah und einen weißen Faden am dunklen Jacket hatte, was uns irritierte – wir hätten ihn gerne entfernt – sprach eine Sprache, die wir nicht zuordnen konnten. Wir hätten Indisch gewünscht. Rabiat kämpfte sie sich den Weg durch die Massen zur Tür.

Im Rautenstrauch-Joest-Museum gähnt Leere. Eine Museumsshopverkäuferin putzt die Glasfläche der Kassenvitrine. Eine Mutter in rosa Turnschuhen mit einer dunkelblauen Tüte von Kämpgen (= Schuhe) streunt mit ihrem blonden Sohn durchs Arrangierte. Eine andere junge Frau spielt mit Nippesstiften, ohne sich zu entscheiden. Nein, da sind es schon zwei Verkäuferinnen. Den Blick nach rechts gewandt, kauft ein Mann, dessen Frau die Toilette aufsucht, eine Museumskarte. Ein gelber Regenschirm trocknet. Gelb, weil als Motiv eine Sonnenblume draufgedruckt ist. Hinter dem Reisspeicher Alang Sembang aus Sulawesi, der in einem Einfamilienhaus mehrere Etagen einnehmen würde, steht eine Tür offen. Wir begeben uns hin. Vor der Tür erklärt eine Frau hinter einer Theke einer Frau vor dieser Theke was. Wir vernehmen „Designer“ und „Nachhaltigkeit“. Komischerweise sind da nicht wenige Leute drin. Eintreten wollen wir nicht, aber man kann ja mal Prospekte mitnehmen:

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Zurück zum Museumsshop durch die große Halle, in der die Stimme der Kassiererin hallt, wenn sie eintrittswillige Museumsbesucher berät – wenige – und wo die Kartenabreißerin, die eine interessante Frisur hat, nämlich altersbleiche Haare, einfach so langgekämmt oder gelassen, sich langweilt, indessen auf und ab schreitet. Wo eine weitere hinter der Kasse ein Stück Kuchen vermampft. Also zum Museumsshop, wo die Verkäuferin, nicht mehr so jung, vielleicht 50, ganz langsam was auf ihr Handy tippt. Die andere ist verschwunden. Bis 11:43 (von 11:34) ist noch nichts über den Ladentisch gewandert. Nein, der Schirm trocknet nicht. Sie verkaufen Schirme und einer ist aufgespannt.

Das Kolumba hat keinen dezidierten oder dedizierten Shop. Es verkauft Kataloge an der Kassentheke und hat die Regale mit Figurinen aufgehübscht. Ob die auch zum Verkauf stehen oder just Deko sind, haben wir nicht erfahren, sind schnell wieder entflohen.

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Im Römisch-Germanischen Museum unterhalten sich zwei Damen hinter der Kasse: „Have a look!“ Dazu gesellt sich eine Frau in weißem Kittel und Schlappen, wie eine Klofrau oder Putzfrau. Der Shop links davon besteht aus vielen Büchern, darunter auch ein ganzes Regal mit Reclam, und zwar mehr orangene (zweisprachig) als gelbe. Ein Obelixaufsteller fällt, oder nicht, ins Auge. Der Kartenabreißer spricht einen Akzent, den wir Schwierigkeiten haben einzuordnen. Am ehesten würden wir auf Jugoslawisch oder Polnisch tippen, aber er hatte auch was anderes. Wie klingt Weißrussisch? Während wir das aufschreiben, fixiert uns die eine Kassiererin, eine Frau, die an eine amerikanische Dallas-Schauspielerin gemahnt, mit so einer Art gestriegelter Löwenmähne, dabei ihren dürren Körper in ein schlicht aussehendes, weiß und schwarzes Outfit gehüllt, aber wohl nicht ganz billig. „Practice alarm – Probealarm“, lesen sie von einem Display ab. Tatsächlich haben kurz zuvor die Sirenen geheult, gefolgt von Glocken.

Eine Viertelstunde halten wir uns auf, eine Menge Leute kommen, international. Manchmal sehen wir welche oder Kinder in den Postkarten blättern, aber niemand kauft. Wir sehen eine Familie, bestehend aus Großvater, Vater und Sohn. Der Vater verhandelt erst was mit dem Shopclerk, aber wir wissen nicht was. Der Sohn blättert in Büchern ohne Kauflust. Dann reden der Vater und der Großvater über irgendwas, was wissen wir nicht. Am Ende hat nach unserer Viertelstunde dort unseres Wissens niemand was gekauft.

Das Museum Ludwig hat noch geschlossen. Doch der Shop, eigentlich eine Buchhandlung, nämlich Walther König, hat geöffnet. Hier sehen wir was über den Ladentisch gehen. Doch müssen wir unsere Köpfe gleich wieder zurückziehen, denn neben dem einen, jungen, markanten (im Sinne von Filmschauspieler) Verkäufer erkennen wir die schöne Ella Mang, ein Jugendschwarm von uns. Komisch, dass man ein Gesicht, dreißig Jahre her, wiedererkennen kann. Wie macht der Mensch das? Eine Frage, die uns immer wieder fasziniert, besonders, seit wir mal mit einer Frau mit Prosopagnosie (Gesichtsblindheit) befreundet gewesen sind.

Wir versuchen uns unsichtbar zu machen, weil wir ihr mal verliebte Briefe geschickt haben. Wie damals geht sie eine rauchen. Wir erinnern uns, wie sie übernächtigt geschlafen hat, es muss eine Art Abifeier gewesen sein, aber nicht unsere. Vielleicht die ihres Freundes Thosten mit seinen harten schwarzen Haaren. Wenn wir sie jetzt so sehen, erkennen wir ihre hochgezogenen Augenbrauen wieder, mit denen sie einen ansieht, interessiert, aber man verdächtigt sie, vielleicht auch spöttisch. Ihre Augen strahlten derweil warm. Unerfahren damals, aber heute auch nicht sicherer, wusste ich nie, ob sich darin eine Wärme der Seele widerspiegelt, oder ob sie die Lampe nach ihrem Willen anknipst. Ihre Unterarme hingegen, als wir sie heute im Museumsshop sahen, hatten sich verändert.

Bei manchen Dingen fragt man sich ja schon, ob es Kunst ist oder Handwerk:

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Die Glastür öffnete sich von selbst. Im Rautenstrauch-Joest-Museum war das auch so gewesen, nur wusste man nicht genau, welche der vielen Glasscheiben am Eingang sich nun zur Seite schieben würde. Im Kolumba dagegen öffnet ein Portier einem die Glastür. Da hatten wir ein wenig Schwellenangst. Nun im Museum Ludwig lärmte die Glastür schrecklich. Außerdem ist sie zu empfindlich gegenüber den Bewegungen der Passanten einstellt. Wir denken, dass Königs Nachfolger Kaiser sich auch um solche Trivialitäten mal kümmern sollte, ein wenig Öl würde wohl genügen.

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Wundern tat uns auch, warum die Ansage der Schließung gleich dreifach erscheint, der vierte Screen dagegen schwarz bleibt:

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Aber irgendein in der Wand versteckter Konzeptkünstler kann uns sicher erklären, warum es genauso sein muss. Eine Attraktion in der großen Halle ist eine Orchidee, die in einem engen Radius betörenden Duft aussendete:

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Im Wallraf-Richartz-Museum brummt der Shop. Auch hier er ein Buchladen. Wir sahen was über die Ladentheke wandern. Viele Kunden hielten sich drin auf. Ok, die Uhrzeit war vorangeschritten, vielleicht halb eins jetzt.

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Ungers Buchtitel von Vitruv kopiert. Bei jenem Titel – links im weißen Hemd der Chefverkäufer des Shops – mussten wir rätseln:

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Wir schauten links und rechts, fanden keine Fortsetzung auf dem Einband, bis wir Buchstaben der „Geheimnisse der Maler“ drin erkannten.

In der Stadtbahn heim dann wieder Yang Jiang:

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„Steine“ (石子), sagt sie, die von Wellen am Strand hinterlassen worden sind.

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