Augenschein, 5. Juni

Abends fährt Hugo in die Stadt hinein. Erst bleibt er auf dem hiesigen Ufer, will hinübersehen, sieht aber nichts. Also geht er über die Hohenzollernbrücke aufs dasige und nach Norden, gen den Niederlanden. Die Flut ist nicht so hoch gestiegen wie befürchtet. Das unklare Wasser schwappt gegen die Mauer, aber sie sinkt schon wieder.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hinter dem Beach ist das Kreuz errichtet.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Etwas weiter, und Hugo kann über die spielzeugkleinen Gleise der Parkbahn den Zaun erreichen und die Messe als Gast erleben. Als Hugo ankommt, hört er sagen: „Lasst uns beten für unseren Herrn Jesus Christus, der uns die heilige Eucharistie geschenkt hat.“ Erwähnt wird, dass der Tag des Bonifatius sei. Des Apostels der Deutschen, denkt Hugo.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der Sprecher freut sich über den plötzlichen Sonnenschein, der die Reihe schlechter Tage beendet hat. In der Tat beleuchtet warme Abendsonne Laub, welches sich in frischem Wind wiegt. Vögel zwitschern, gegen die eine menschliche Botschaft ihre Stimme durchsetzen will. Plötzlich spannen sich rote Regenschirme auf. Noch sind es drei, und Hugo fragt sich, ob es aus heiterem Himmel regne. Mehr und mehr werden es, bis es an die fünfzig sind. Hugo beobachtet, dass die Schirme als Magnet wirken, denn unter ihnen wird das Allerheiligste verteilt. Sind es fünftausend Besucher, wie später zu lesen sein wird, kommen einhundert auf jeden Geistlichen unterm Schirm. Die Rechnung mag stimmen, denn nach fünf Minuten schon ist die Speisung im Großen und Ganzen vollzogen. Die Schirme ziehen durch die Menge zu einem Ausgang hin, wo sie vielleicht die Prozession anführen wollen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hugo eilt ihr voran gen der Schweiz und über die Brücke zum Dom. Passend zum Tag stampft eine niederländische Immaculata gegen den Strom an. Auf dem Brückenkopf will er die Prozessierenden empfangen. Nach einer langen Weile werden immer mehr Bereiche, ausgehend vom Brückenkopf, von Ordnungskräften abgesperrt. Funfans, die tätowiert auf Fahrrädern diesen ersten Sommerabend genießen wollen, ärgern sich, dass sie nicht über die Brücke gelassen werden.

Hugo umkreist den Dom und bleibt auf der Platte vor der Sakristei stehen. Hier ist genug Rückzugsraum Schaulustige, derer noch wenige sind, aufzunehmen. Ein junger bleicher Geistlicher ist vor die Tür der Sakristei getreten. Bebrillt wartet er im Habit der Kirchenschweizer auf die Ankunft der Prozession und unterhält sich mit einem älteren in Zivil, der ihn trotz seiner Jugend zu achten scheint.

Die Ordnungshüter sperren immer mehr Zonen ab. Passanten strömen an Hugo vorbei Richtung Rhein und kehren bald wieder zurück. Nun ist die Absperrung nahe an Hugo herangerückt und er fragt sich, ob er seinen Platz verlieren wird. Plötzlich klingelt es, alle sind aufgeregt und sie sind da. Junge Leute tragen ein Kruzifix voran, es folgt eine Menschenschlange. Der schmale Strom zieht eine Weile dahin und Hugo zweifelt, ob er den Erzbischof noch zu Gesicht bekommen wird. Er fürchtet, dass die Prozession sich in zwei Äste geteilt haben mag, der eine rechts herum um den Dom, der andere links herum durch den Durchgang zwischen Dom und Römisch-Germanischem Museum. Überflüssige Spekulation, denn der Erzischof langt an, nachdem ein Klingeln die vielen Kobischöfe gestoppt hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der Zug rinnt wieder, als gerade vor Hugo Meisner erstarrt, die Arme ausbreitet, sich einen Mantel umhängen lässt, dann die Kölner Monstranz wieder in die Hände nimmt und sie unter einem Baldachin, von vier Männern an Stöcken getragen, um die Ecke herum in den Dom hinein trägt.

Der Strom der Gläubigen drängt sich in die Kirche hinein, mit Fahnen und in Trachten. Auf der anderen Rheinseite war angekündigt worden, dass der Dom nur eine kurze Station sein werde, die Monstranz werde dann weiter nach Mariä Himmelfahrt getragen. Groß jedoch war eine Lichtbeleuchtung angekündigt worden, Lux eucharistica, betont auf der drittletzten Silbe. Viele Zuströmende sind eher darauf scharf, denkt sich Hugo.

Ein Kirchendiener unterbricht den dichten Strom und schließt die schwere Tür. Eine hübsche Südländerin, die kurz vor dem Ziel gestanden hat, dreht mit von innerem Schmerz verzerrtem Mund ab. Sie fügt sich, aber fast befriedigt, dass ihr ihr Gott nicht jeden Wunsch erfüllt. Hugo tut sie leid, aber er möchte seinem Gesicht kein Mitgefühl anmerken lassen. Anstelle geht er auf den Roncalliplatz, wohin Domradio das Event überträgt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Unter den mit Musik untermalten Lichtern, die das Duo Casa Magica auf die vielfach gegliederten Strukturen im Innern wirft, sieht Hugo zunächst nährende Ähren, dann rotleuchtende Feuerbänder, dann Dunkelgrünblaues wie unter Wasser und auch einen Fisch wie den von Jonas. Schließlich etwas, das auf Hugo wie Bücher auf einem weiten, flachen Haufen wirkt. Die Umschläge sind rötlich und bräunlich. Schmale helle Streifen zwischendurch lassen an den Schnitt denken. Doch als das Bild mit immer mehr der rötlich-braunen Elemente zuwuchert, meint Hugo zu erkennen, dass es eher die Liebesschlösser von der Hohenzollernbrücke sind denn Bücher, die er so liebt.

Dass der Ton fort ist, hat Hugo gar nicht mitbekommen. Bei der Begutachtung der Lichtinstallation hat er die Musik nicht vermisst. Doch als jetzt ein Wortbeitrag von Monsignore Robert Kleine stumm über den Bildschirm flimmert, geht der Sinn flöten. Erst denkt er an einen Defekt, aber im Publikum entsteht keine Unruhe und kein Protest. Nein, es werden zehn Uhr erreicht sein und die Stadt setzt den Lärmschutz neuerdings streng um, nachdem Gäste des teuren Dom-Hotels sich beschwert haben.

Hugo verlässt den Platz und so endet der erste Tag.

Augenschein, 6. Juni
Augenschein, 7. Juni
Pilgerweg
Augenschein, 8. Juni

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: