Bildung und Heirat

Yang Jiang (杨绛, *1911) erinnert sich in „Sechs Aufzeichnungen über die Kaderschule“ (干校六记, publiziert 1981) an ihre Landverschickung während der Großen Proletarischen Kulturrevolution. 1970 mussten sie in Luoshan in der Provinz Henan Gemüsefelder bestellen.

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In der Mitte das 菜园 Gemüsefeld, das sie beackern. In seiner Nordwestecke eine 砖窑 Ziegelbrennerei. Südlich ein 窝棚 Schuppen mit 木门 Holztür. Südwestlich der Hügel, den die Ansässigen „威虎山 Berg des kraftvollen Tigers“ nennen. An seinem westlichen Fuß die 食堂 Mensa. Östlich liegen 田野 Felder hinter Feldern, am Ende 绿树 grüne Bäume, darin benachbarte Dörfer, darunter eines, das 杨村 Yang-Dorf (Dorf der Yangs) heißt, wie Yang Jiang selbst. Südwestlich das 邮电所 Post- und Fernmeldeamt, wo ihr Mann die Briefe und Zeitungen abholt, die er dann zustellt. Am Ostrand des Gemüsefelds ein 小溪 kleiner Bach, über den eine 石桥 Steinbrücke führt. Zwei 宿舍 Wohnheime, im Norden das von 默存 Mocun, wie Yang Jiang hier ihren Mann Qian Zhongshu nennt, und im Westen am Ostende des künstlichen „中心点 Mittelpunkts“ das von „我们 uns“, Yangs Einheit.

Als sie die Saat lichtet, schauen Landmädchen ihr müßig zu. Yang notiert, dass sie den Dialekt lernen musste, um sich mit ihnen unterhalten zu können.

十二三岁的小姑娘,已由父母之命定下终身。这小姑娘告诉我那小姑娘已有婆家;那小姑娘一面害羞抵赖,一面说这小姑娘也有婆家了。她们都不识字。我寄居的老乡家比较是富裕的,两个十岁上下的儿子不用看牛赚钱,都上学;可是他们十七八岁的姊姊却不识字。她已由父母之命、媒的之言,和邻村一位年貌相当的解放军战士订婚。两人从未见过面。那位解放军给未婚妻写了一封信,并寄了照片。他小学程度,相貌是浑朴的庄稼人。姑娘的父母因为和我同姓,称我为“俺大姑”;他们请我代笔回信。我举笔半天,想不出一句合适的话;后来还是同屋你一句、我一句拼凑了一封信。那位解放军连姑娘的照片都没见过。

Die Zwölfdreizehnjährigen standen ihr ganzes Leben lang unter dem Pantoffel ihrer Eltern. Ein Mädchen sagte mir, ein anderes habe bereits eine Schwiegermutter. Das andere schämte sich, leugnete und sagte, das eine habe auch schon eine Schwiegermutter. Sie waren alle Analphabeten. Die Bauern, bei denen ich untergebracht war, waren verhältnismäßig wohlhabend. Beide um die zehn Jahre alten Söhne mussten nicht Kühe hüten, um Geld herbeizuschaffen, sondern gingen zur Schule. Aber ihre siebzehnachtzehnjährige Schwester war Analphabetin. Sie war auf Befehl der Eltern und aufs Wort einer Ehevermittlerin einem in Alter und Aussehen zu ihr passenden Soldaten der Volksbefreiungsarmee aus dem Nachbardorf versprochen. Beide hatten einander noch nie gesehen. Der Volksbefreiungssoldat hatte seiner Braut einen Brief geschrieben und ein Foto geschickt. Er hatte Grundschulbildung und sah aus wie ein einfacher Bauer. Weil die Eltern des Mädchens den gleichen Nachnamen trugen wie ich, nannten sie mich „entfernte Tante“. Sie baten mich, an ihrer Stelle einen Antwortbrief zu schreiben. Einen halben Tag lang hielt ich den Stift in der Hand, aber mir fiel nichts Passendes ein. Schließlich kriegte ich mit ihnen gemeinsam – du ein Satz, ich ein Satz – einen Antwortbrief zusammen. Der Volksbefreiungssoldat hat nicht einmal ein Foto seiner Braut zu Gesicht bekommen.

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