Norbert Scheuer las

in der Zentralbibliothek. 31 Stühle waren erst aufgestellt, reichten aber nicht. Am Ende mag das Publikum 100 gezählt haben. Im Vorfeld hörte ich eine Frau wen fragen: „Haben wir uns auf der Buchmesse gesehn?“

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Vor der Glasfront zu Bölls Arbeitszimmer sprach zunächst Dagmar Fretter von der Kunststiftung NRW in Vertretung der verhinderten Generalsekretärin Sinnreich. Aber erst nachdem Hans-Peter Salentin Trompetenfanfaren abgefeuert hat mit Bergecho, seltsam ironisch nahegehend wie aus der Krimiserie „Mord mit Aussicht“. Biedermeier gebrochen.

Das Publikum altersmäßig durchmischt, auch gendermäßig schien es mir halbe-halbe. Vielleicht wegen sonstigen häufigen Ungleichgewichts wirkte es hier männerlastiger. Fretter trat in petrolgrüner Jacke auf über schwarzem T-Shirt. Die Jacke hatte changierende Applikationen, was zusammen mit den oblongen Knöpfen leicht chinesisch wirkte. Ihre Haare schwarz, ihre Körpergröße klein. Fretter begrüßte im Publikum Regina Wyrwoll, ehemalige Generalsekretärin der Stiftung. Diese Grande Dame trotz faltigen Gesichts vielleicht der haltungsmächtigste Mensch heute vor Ort. Scheuer schnell erkannt, da mir sein Gesicht bekannt. Schon beim Eintritt ins Treppenhaus kam er mir entgegen, womöglich auf der Suche nach einer Toilette. Den anderen Verfasser des Buchs in verschiedenen vermutet, aber immer falsch. Als Andreas Erb dann nach vorn trat, trug er über dicker Nase einen weißen Bubenschopf.

Frau Fretter kündigte an, dass das heute vorgestellte Buch im Januar in Burkina Faso vorgestellt werde. Sie nannte einen Stadtnamen, den ich nicht merken konnte. Und im Frühjahr würde Norbert Scheuer als Thomas-Kling-Poetikdozent in Bonn zu wirken beginnen.

Als nächstes spricht Gabriele Ewenz von LiK. Eine Abkürzung, welche im Flyer nicht aufgelöst ist und für Literatur in Köln steht. Sie trägt einen roten Schal und eine Brille auf der Nasenspitze. Ihre dichten Haare sind kurz und braun. Im Wasser dieses Publikums schwimmt sie wie ein Fisch. Sie trägt einen grünen Janker über weißer Bluse. Zitieren tut sie Simonides von Keos, ungefähr so: ein Bild sei ein stimmloser Text und ein Text ein sprechendes Bild. Bei der vorliegenden Kombination von Bild und Text solle nicht eines das andere illustrieren, sondern beides einander ergänzen. Zu Beginn hat sie sich über den starken Besucherzuspruch gefreut. Musste erst mal – von Worten begleitet – einen Schluck Wasser nehmen wegen Schwitzens und hoffte für uns auf eine nicht so starke Transpiration. Was das erste Gelächter des Abends zur Folge hatte.

Wieder trompetete Hans-Peter Salentin aus Kall. Später sollte er korrigieren, dass er mindestens ebenso lange wie in Kall hier in der Annostraße gewohnt habe. Nun spricht Axel von Ernst vom Lilienfeld Verlag (ohne Bindestrich). Hier wird es etwas ungewöhnlich, weil er vom Scheitern des Buchherstellungsprozesses spricht. Es seien Proofs nach Namibia gegangen (?, nicht verstanden). Dann kam eine Nachricht von der Druckerei: Die Maße stimmten nicht. Gut, das ließ sich beheben. Dann hieß es von der Druckerei, dass eine Charge des Umschlagpapiers „fettig“ sei. Daher das Buch es nicht auf die Frankfurter Buchmesse geschafft hat. Dann gestern die Überraschung. Der Titel war nicht aufs Buch gedruckt. „Da ist nichts!“, habe Viola ausgerufen. Er hatte geprägt sein sollen. Daher habe das Publikum, welches heute das Buch erwerben wolle, einen Schaden, welcher aber vielleicht zum Vorteil werden könne. Denn Scheuer und Erb würden gleich jedes Buch auf Wunsch handschriftlich mit Titel versehen, und zudem könne sich jeder Geschädigte in eine Liste eintragen lassen und würde dann, wenn das endgültige Buch vorliege, ein reguläres Exemplar zum heutigen nachgeliefert bekommen, also zwei für eins. Die Lieferung in die Buchhandlungen würde sich durch den Prägefehler um zwei, drei Wochen verzögern.

Nun beginnt Scheuer mit seiner Lesung. Eine zu große Lesebrille hängt ihm tief auf der Nasenspitze. Das Mikrofon macht Mucken. Hatte Scheuer beim Bachmannpreis Unterm Rauschen vorgelesen, wurde hier seine sanfte Stimme von hässlichem Rauschen übertönt. Dann ging’s, das Mikro war wohl abgestellt worden. Lispelnd las er ein paar der kurzen „Vignetten“, wie sie der Stadt-Anzeiger genannt hat. So fünf bis zehn davon hängen auch in der Ausstellung aus. Die Atmosphäre ist etwas fad. Die Stimmung beobachtend und melancholisch. Man kann es kitschig empfinden, obwohl der Flyer Scheuer als „zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren“ gehörend bezeichnet. Scheuer trägt einen Seitenscheitel im hippielangen Haar, das auf der Spitze licht wird und graumeliert. Er lacht gern und entblößt prächtige weiße Pferdezähne. Als der Trompeter uns alle am Ende zum Mitsingen animieren will, steht Scheuers Mund am Rande geöffnet wie zu einem stummen, staunenden Lachen. Sein zerfurchtes Gesicht kernig wie Messners.

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Links oben Erb, schreibend Scheuer

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Scheuer schreibt den Titel „Von hier aus“ auf sein Buch

In der Verlagsvorschau zu sehen, wie es hätte aussehen sollen:

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Und so sah es aus, nur die Namen, fetter als in der Vorschau:

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Und so dann nach Erbs und Scheuers Bearbeitung:

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Ein paar Bücher lagen auf dem Verkaufstisch, neben anderen vom Autor, und auf dem Boden drei Kartons à 12 Stück vom heute vorgestellten. Schätze, sie sind alle weggegangen.

Eine Antwort to “Norbert Scheuer las”

  1. Fritz (@Fritz) Says:

    Mir gefällt die Präzision sehr. Dahinein gelegt ein paar schöne Worte und Sätze und schon entsteht bei mir eine seltsame Stimmung, ähnlich wie man eine alte Fotografie ansieht. Die nüchterne Präzision sorgt für Entfernung vom Geschehen, für eine gewisse Distanz, wie sie sonst von der Zeit geschaffen wird. Auch die eingefügten Fotos ändern nicht diese Neutralisierung. Schriftsteller können da lernen, wie sehr Schönheit in der Literatur letztlich nie auf etwas anderem beruht als auf Genauigkeit.
    Nur ein Wort sticht mich, dass ich mich kaum damit abfinden mag „Zitieren tut sie …“ „Sie zitiert …“ wäre allerdings vielleicht schon zu formelhaft? Vielleicht: „Sie erinnert sich an einen Satz von Simonides …“
    Ach, ich weiß es auch nicht. „Tut“ ja auch nichts zur Sache😉
    Sehr schöner Bericht.

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