Augenschein, 7. Juni

Augenschein, 5. Juni
Augenschein, 6. Juni

Auf dem zentralen Neumarkt zeigt der Kongress sein populärstes Gesicht. Die Bistümer – manche Diasporen haben sich zusammengetan, wie Hildesheim, Hamburg, Osnabrück – stellen ihre Alleinstellungsmerkmale in weißen Zelten zur Schau. Mitmachaktionen wecken Interesse. So fragt Hildesheim-Hamburg-Osnabrück: „Gott ist für mich …“ und man kann mit rotgebrannten Ziegelkugeln in Plexiglasröhren abstimmen.

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Am Ende der vier Tage wird sich dieses vorläufige Bild verfestigt haben. Gewinnen wird der Freund, Platz 2 das Geheimnis, Dritter allmächtig, 4. die Mutter, fünftens Richter und last not least egal.

Berlins Woelki werde Hedwigsbrot verteilen, war angekündigt worden. Doch findet Hugo ihn beim Netzwerken vor, das weit vom Erdboden entfernte Haupt huldvoll gesenkt. Gute Laune versprüht er und lässt sich bereitwillig in Group Selfies ablichten. Das Brot verteilen derweil Frauen, wie so oft.

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In St. Peter in der Jabachstraße trägt Guido Schlimbach über den Chillida-Altar vor. Die vierzehn Zuhörer bedienen sich von aufgestapelten Stühlen und bilden einen Halbkreis um ihn und das Kunstobjekt aus amerikanischem Granit.

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Schlimbach erzählt, wie es zur Skulptur als Altar kam. Erst sollte es eine von Ulrich Rückriem sein. Die habe aber, als sie bei den Meistermanns in der Eifel draußen gestanden habe, einen natürlichen Riss bekommen. Da Rückriem aber selbst Löcher reingebohrt hatte, hat ihn der zusätzliche Riss gestört und er gab das veränderte Objekt nicht frei. Man habe dann in San Sebastián angefragt. Pina, wie Guido sie vertraut nennt: Wir schenken den Entwurf. St. Peter darf Maße und Material wählen. Vor zwölfeinhalb Jahren ist er als Altar installiert worden. Doch Mennekes schärfte Guido ein: „Sach‘ nie Altar, sach‘ immer Skulptur!“

2003 zeigte Meisner dem Pfarrer zwei Briefe. Der eine sei vom Ritenministerium gewesen, wie Schlimbach flachsend die Kommission für Sakramente etc. nennt. Der Altar entspräche nicht den Vorgaben der RKK. Die fordere eine einheitliche Altarplatte, keine drei Teile. Chillida aber geht es um den inneren Raum, der sich erst im Geist des Betrachters bildet. Eine defensive Argumentation der Kunstverfechter mit einer Parallele zur Trinität scheiterte. Hugo vermutet, dass man sich auf Abschnitt 41 des Sacrosanctum Concilium berufen hat, wo von „dem einen Altar“ („ad unum altare“) die Rede ist. Im zweiten Brief protestierte Joseph Ratzinger, der Mennekes‘ Artikel in den „Stimmen der Zeit“ gelesen hatte.

Aber die Kunstkommission des Erzbischofs habe es doch genehmigt gehabt, so Schlimbach, aber weniger empört denn ironisch. Es gebe Fotos einer Firmung mit Meisner an Chillidas Altar. Die Kunstverfechter versuchten zu retten, was zu retten war, erwägten eine Platte auf die Blöcke zu legen, die drei Elemente zusammenzuschieben oder gar ein viertes zu ergänzen, aber San Sebastián habe es nicht erlaubt. Ist Kunstwerk und fertig so. Was tun? Das Kunstwerk abgeben? Kolumba habe es nicht gewollt. So versetzte St. Peter die Skulptur also ins Seitenschiff und drehte sie um 90 Grad, um nur ja nicht den Eindruck eines Nebenaltars zu erwecken.

Dem Protest der Kirchenoberen stellt Schlimbach nun seine eigene Sichtweise gegenüber. So wie ein Triptychon keine drei Bilder seien, sondern ein einziges, sei eine dreiteilige Skulptur ebenso eine einzige. Er berichtet, wie sie bei der Messe ein Tuch über die drei Teile legten, um die Einheitlichkeit herzustellen. Der mittlere Block trug den Wein, der linke das Messbuch und der rechte die übrigen Schalen und Schälchen. Als der Priester dann beim „Geheimnis des Glaubens“ angekommen sei, sei er ganz natürlich zurückgetreten, um beim Ausbreiten der Arme nicht den Kelch umzustoßen. Wie dadurch mit einer Notwendigkeit der innere Raum, den der Körper des Zelebrierenden vorher ausgefüllt hatte, nun wieder frei wurde, das fand Schlimbach ganz wunderbar und altargerecht. Aber der Vorwurf blieb: „Ihr zelebriert an einer Skulptur, nicht an einem Altar.“ Schlimbach: „Die Situation war verfahren.“ Mennekes habe es pointiert so formuliert: „Es müssen erst drei Personen sterben, damit was geht.“ (Meint wohl ihn selbst, Benedikt XVI. und Joachim Meisner).

Die nach dem Vortrag das Wort ergreifenden Zuhörer sind ganz auf der Seite der modernen Kunst und gegen den Erzbischof. Die Front ist wohl lange herausgebildet und man echauffiert sich lustvoll entlang ihr. Dagegen positioniert sich Schlimbach mäßigend. Nun werden viel mehr Stühlestapel hereingerollt und Helfer tragen sie ab. Denn Stockhausens Tierkreis wird gleich aufgeführt. Hugo erspart sich das. Stattdessen möchte er Jan-Heiner Tück hören über die Wandlung in der Literatur.

In der Kardinal-Frings-Straße spinkst er aufs Klingelschild des erzbischöflichen Palais. Drei Klingeln hat’s: 1. Kardinal Meisner privat, 2. Sekretariat/Boss, 3. Erzbischöfliche Pforte. Als Hugo am Maternushaus eintrifft, tritt gerade Bischof Ackermann neben jemandem die Stufen herunter.

Hier mehr Publikum, nämlich samt Zuspätkommern um die Fünfzig. Erzbischof Ludwig Schick aus Bamberg ist im Publikum. Professor Tück wird von Jochen Schröer vom domradio befragt und die Primärtexte werden von Axel Gottschick verlesen. Tück ist Handkeexperte, Professor für Dogmatik in Wien und publiziert in der NZZ und „Christ in der Gegenwart“. Schröer wundert sich, wie Germanistik und Theologie zusammengehe. Tück: „Ich war von Anfang an hin- und hergezogen, ob ich in die Literaturwissenschaft oder in die Theologie gehe.“ Bis er Celan entdeckt habe. Die erste Lesung ist aus der Lehre der Sainte-Victoire: „Zwei Dorfälteste hörte ich einmal sagen … der Kelch mit den weißen Oblaten … der geschlossenen konkaven Wölbung.“ Die Begriffe Verwandlung, Präsenz, Verdichtung kommen hier schon vor. Tück: „Das kursiv gesetzte ‚Allerwirklichste‚ erscheint mir als Realpräsenz.“ Tück hatte das Glück, mit Handke ein paar Briefe wechseln zu können. Im Internat habe Handke Thomas von Aquins Hymnus Pange lingua kennengelernt. Den Gottschick nun vorträgt (= 2. Lesung).

Nebenan in der Kantine essen Marx und vier weitere Bischöfe zu Abend. Das lenkt die Aufmerksamkeit ein bisschen ab und durch zwei gläserne Fronten seitlich dort hinein.

Tück zitiert Celans späte Augenblicke: „… sammle dich. steh.“ eindrucksvoll, konzentriert, man ist gebannt. Als Drittes liest Gottschick aus Handkes Der große Fall ein sehr umfangreiches Stück. Tück: Ganz wichtig bei Handke sei das gemeinsame Essen. Das sei Agape, Communio im Alltag, im Handwerklichen. Die Rezensenten hätten diese Stelle kaum hervorgehoben. Dabei der Titel. Er möchte sich hinwerfen in der Kirche. Tut es dann aber nicht. Er ist homo viator. Er ist auf der Suche nach dem Angesicht. Tück: „Hier spielt natürlich die aristo-, aristotelische Ansicht eine Rolle.“ Handke oft auch polemisch über Priester, die mit Haushaltsgeräuschen hantieren. An anderer Stelle heißt es mal: „Entschlossen kniete der Erwachsene nieder.“ Tück rechtfertigt das katholische Empfinden gegenüber protestantischem Rigorismus: „Das ist eine Freude, die Leidende nicht verrät, weil sie durch die Leidensgeschichte geht.“

Die vierte Lesung ist aus Ransmayrs Atlas eines ängstlichen Mannes. Sie wirkt ein bisschen angeklebt. Tück wird einen Band über Walsers Rechtfertigungsessay herausgeben. Er soll bei Herder erscheinen unter dem Titel „Was fehlt, wenn Gott fehlt?“. Draußen schimpfen zwei junge Männer in weißen Hemden (Priesteramtskandidaten?) über die Ransmayrlesung: „grausig“. Man hätte sie an den Anfang stellen sollen, damit es sich dann steigere. Ein Bischof kommt Hugo entgegen und nickt volkstümlich. Vielleicht ist es Mussinghoff gewesen.

Pilgerweg
Augenschein, 8. Juni

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