Pilgerweg

Augenschein, 5. Juni
Augenschein, 6. Juni
Augenschein, 7. Juni

In St. Peter sieht Hugo an der Südwand einen kleinen Tisch stehen, hinter dem eine Person sitzt. Sie ist dafür zuständig, Pilgern einen Stempel in dieses Faltblatt zu drücken, als Nachweis, dass sie hier waren:

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Hugo ist das zu blöd. Er sieht aber auch keinen anderen das machen lassen, an keiner der sieben Stationen. St. Peter ist Station wegen Rubens‘ Kreuzigung des Namensgebers:

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Johann Georg Jacobi notiert am 24. Juli 1774 ins Tagebuch:

Mein Bruder, Herr Rost [Heinse], Goethe und ich setzten uns, morgens um 5 Uhr, in den Wagen, um das Schloß Bensberg zu besehen. […] Nachdem Goethe die Natur und das wahre Leben einiger Jagdstücke [von Weenix] genug betrachtet, und ich bei dem Reize der artigsten Nymphen und Göttinnen mich aufgehalten hatte, reisten wir nach Köln … Unser erstes Geschäfte war, ein Gemälde von Rubens in der St. Peterskirche aufzusuchen. Dieses stellt die Kreuzigung des h. Petrus vor …

Damals war Goethe 24. Im Alter von 65 Jahren trifft er am 25. Mai 1815 wieder in Köln ein. Über die Reise am Rhein, Main und Neckar schreibt er:

Nach einer glücklichen Rheinfahrt wurden wir in Köln von Freunden und Bekannten, ja von Unbekannten mit dem frohen Gruße überrascht: dass jenes von Rubens für seinen Geburtsort gemalte, die Kreuzigung Petri vorstellende, der Kirche dieses Stadtpatrons gewidmete Bild von Paris zurückgebracht werde und nächstens im Triumph zu seiner ehemaligen frommen Stelle wieder gelangen solle.

Hugo bedauert, dass er gestern nicht hier war, als Guido Schlimbach diesen Rubens erklärt hat.

Weil er bei der vierten Station begonnen hat, kreiert Hugo jetzt seine eigene Reihenfolge. Seine zweite Station ist die Antoniterkirche in einer für Fußgänger reservierten Einkaufsstraße. Mag sein, dass das Kreuzpilgern keinen so großen Anklang findet, weil es ökumenisch ist. Die Antoniterkirche ist evangelisch und in ihr hängt eine Kreuzigung von Ernst Barlach. Bekannter ist der schwebende Engel, aber die Kreuzigung findet Hugo auch. Er muss sich aber durch eine Region kämpfen, in der ein Keyboard und viele Kabel auf dem Boden liegen, um die Figur zu erreichen. Misstrauisch beäugt die Musikerin ihn, als wollte er was klauen. Den Pilgerstempel gibt wohl der stabile und bärtige, noch nicht soo alte Protestant, der auch den Eingang bewacht und Schriften verkauft.

Hugos nächste Station ist die Minoritenkirche. Vor ihr ist ein Jahrmarkt charismatischer Bewegungen aufgebaut. Ein Zelt ist jetzt leer, wird sich abends füllen, wenn enthusiastische Jugendliche von Nightfever hier was veranstalten mit Weltmusik. Drinnen sind Back- und Steuerbord mit Reihen von Klerikern besetzt oder bestanden. Unterschiedlichste Gesichter und Körper, verschiedenste Typen und Habite. Hier harren sie, dass jemand den spirituellen Impuls aufnimmt und seinem Schöpfer sein Herz ausschüttet, sein Innerstes offenbart und hofft, dass ihm verziehen werde. Sie langweilen sich. Backbordig befindet sich der Sarkophag für Johannes Duns Scotus mit unter anderem seinem so schwachen Argument eingemeißelt: „Es ziemte sich, er konnte es, er tat es.“ An Adolf Kolpings Grab am anderen Bord sieht Hugo zwei Frauen neben Blumenschmuck ein Wachslicht entzünden. Die zu besuchende Kreuzigung ist eine moderne von Thomas Kesseler. Die Glasseite, die die Praktizierenden sehen, zeigt den Gekreuzigten tot, mit hängendem Kopf. Die Glasseite, die die Gemeinde sieht, zeigt ihn mit erhobenem Kopf triumphierend. Man soll sich Gedanken darüber machen, dass es auf den Blickwinkel ankomme, schreibt die Pilgerbroschüre.

Hugos nächste Station ist Maria im Kapitol. Auch hier wird Musik vorbereitet. Ein riesiges Mischpult mit Kabeln über Kabeln wird Musik und Licht steuern, wenn heute abend das Programm für die Jugend beginnt. Das zu besuchende Kreuz ist das bekannte Gabelkreuz aus der Gotik.

Über den Rhein geht es nach Alt St. Heribert. Zwar sind die Stationen so gewählt, dass sie fußläufig zu erreichen sind, doch für den Weg über die Brücke nimmt Hugo doch lieber die Straßenbahn. Alle sonstigen Wege im Rahmen des Pilgerwegs aber legt er zu Fuß zurück. Die weiße Kirche heißt nun Entschlafen der Gottesmutter und wird orthodox genutzt. Das zu besuchende Kreuz ist das kleinste der Siebenzahl. Es hat drei Querbalken, den untersten schräg. Aus schwerer Bronze ist es gegossen und liegt auf einem roten Kissen, von ihm getrennt durch eine weiße Spitzenklöppeldecke, die rautig gelegt ist. Als Hugo sich herabbeugt, um das Kreuz zu studieren, kommt eine mütterlich-korpulente Griechin auf ihn zu und fragt, ob er einen Stempel möchte. Hugo richtet sich auf und verneint.

Im Dom ist es das Gerokreuz. „Sacro sanctae et individuae trinitati“ steht drüber, aber keineswegs ist was Individuelles, sondern eine Unteilbarkeit der Dreifaltigkeit gemeint.

Die letzte Station, die als erste gedacht war, hat Hugo Schwierigkeiten zu finden. Der Plan im Faltblatt zeigt sie auf der Mauer des Doms an. Drinnen ist sie nicht, aber draußen ist dort der Domherrenfriedhof. Wo ist das Baptisterium? Zum Glück sieht Hugo einen aus Anlass des Kongresses improvisierten Wegweiser. Er führt einst moderne Treppen hinab aufs Straßenniveau unter der erhobenen Domplatte. Hier in diesem schäbigen Bereich findet Hugo eine Stange mit Wimpel, drunter einen kleinen Tisch, an dem ein jugendlicher Mann sitzt. Hugo nickt ihm zu und blickt sich um, ach so da! Er tritt hinter die Betonwand und sieht im Dämmer das Taufbecken. Auch hier kein Mensch. Wie überhaupt Hugo kaum jemanden die Pilgerroute annehmen sieht. Schnell will er wieder verschwinden, da ruft der jugendliche Mann ihm hinterher. Eine Kopfwendung nur andeutend, erwidert Hugo: „Nein, danke, keinen Stempel.“ Er will schnell wieder weg. Doch der jugendliche Mann hat was Anderes gemeint. Er bittet ihn ihn zu fotografieren. So knipst Hugo ihn unter dem Wimpel, damit der Helfer, der dem Dialekt nach aus einem anderen Bundesland kommt, sein Andenken bekommt.

Zwei Monate später wird es hier so aussehen, denn der Bereich wird reformiert:

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Und noch mal zwei Monate später so:

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Augenschein, 8. Juni

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