Man Ray in Brühl

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAu tunnel

Obwohl ein Rückenakt vor einer Balkonbrüstung steht, findet die Ausstellung im Keller statt. Im Empfangsraum die Ergebnisse einer Mitmachaktion „Solarisieren Sie sich selbst!“. Nicht: Solidarisieren. Sonntags von 14 bis 17 Uhr kann man da mitmachen. Mehrfach erscheinen als Accessoires eine Negermaske, ein Totenkopf, ein Buddhakopf und ein Fächer. Nur einmal eine Diskokugel und ein Feuerlöscher. Wir hegten den Verdacht, dass die Maske die von Noire et Blanche sei. Doch gefehlt, sie sieht anders aus, nämlich so:

OLYMPUS DIGITAL CAMERALe masque

Und die von Noire et Blanche so. In der Ausstellung ist sie prominent gehängt, ganz allein an einer Wand. Im Katalog meinen wir das Foto auch mit Farbumkehr gesehen zu haben, wo das Gesicht dunkel ist und Haare und Maske hell, sind aber nicht mehr sicher.

Die Malerin Dora Maar, 1936. Verschiedene Techniken. Der Hintergrund, das ist ihre Kleidung, ist solarisiert. Ihr Gesicht und ihre Hand nicht, realistisch. Das hebt sie heraus. Verfremdend ein kleines Händepaar aus weißem Porzellan neben ihrem Kinn.

OLYMPUS DIGITAL CAMERASavant de la voie

Einige Fotos von Werbung für Elektrizitätswerke. Einigermaßen als modern herausstechend da die Leuchtschriftreklamen von La Ville, 1931. Ähnlich sehen die Bezüge der Sitze in unseren Bussen aus. Tragen da aber natürlich Schriftzüge vom Times Square. In der Serie „Femmes“ Torsi, die griechischen nachempfunden sind. Einmal, 1934, umfasst das Modell eine antike Büste, deren Arme abgeschlagen sind, hält sie sich sozusagen vor die Brust. Ein andermal, 1930, imitiert das Modell eine solche Büste, indem sie lange, schwarze Handschuhe angezogen hat. Ihre Haare sind mit einem Band zurückgezwungen. Sie trägt einen Schönheitsfleck im Gesicht, die Augen sind geschlossen.

In einem Raum recht zu Anfang laufen Filme. Die Zuschauer bedienen sich an dicken Kopfhörern von einem Tisch. Keine Geduld gehabt, aber annonciert waren: 1. Le Retour á la Raison (1923), 2. L’Étoile de mer (1928), 3. Emak Bakia (1926), 4. Les Mystères du Château du Dé (1929). Auf Youtube schauten wir lieber Kiki de Montparnasse mit auf die Lider gemalten Augen. Halloween pur!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAÇa va?

Das bekannte Selbstporträt von der Seite mit dem Objektiv gibt Rays Gesicht unzureichend wieder. Mehr wie Max Ernst sieht er da aus. Frontal mit den runden Augen und den buschigen Brauen wirkt er eher wie Groucho Marx.

Ray hat mit vielem experimentiert. So auch Mathematischem. Zwei Objets mathématiques sind zu sehen. Das eine zeigt Deux cyclides de Dupin. Einmal aus Holz, einmal als Drahtgitter. Das andere ist auch als Objet mathématique beschriftet, wirkt uns aber etwas zu kompliziert aus einer mathematischen Funktion zu erzeugen. Vielmehr wirkt es wie ein Stuhl mit zwei Sitzflächen und zwei Lehnen gegenüber, auf dem etwa ein Liebespaar Platz nehmen könnte, um sich zu küssen. Seltsam die Negativform von Lippen an der Grenze der beiden imaginierten Körper. Nun ja, Recherche findet heraus, dass es sich hier nicht um ein mathematisches Objekt handelt, sondern um eine Halterung solcher. Jedenfalls verstehen wir die Beschreibung so. Ob Man Ray beim Ausbeuten des Institut Poincaré den Unterschied nicht bemerkt hat, oder ihn absichtlich verwischt hat, qui le sait? Max Ernst hat die Objekte entdeckt und Ray gebeten sie zu fotografieren.

Ein drittes Mathematisches auf dem Cover des Bands „Man Ray Photographie 1920 – 1934 Paris“, erschienen als Cahier d’Art, Paris 1934. Das einzige farbige Bild der Ausstellung, vermutlich nachkoloriert. Ein Frauenkopf lehnt sein Kinn auf seine Arme, die auf einer Tischplatte verschränkt sind. Links ein Fußballkörper, das ist das Mathematische (ein abgestumpftes Ikosaeder). Rechts die bleiche Büste eines Männerkopfes.

Der andere Farbfleck der Ausstellung ist ein Exemplar der Champs Délicieux aus dem Folkwang Museum. Der dünne Band ist groß, fast A3 vielleicht, und dünn. Sein Einband knallend rot. Aufgeschlagen ein Foto, das einen Revolver zeigt und einen Schlüsselbund mit der Nummer 37 dran. Überhaupt spielt der Revolver eine große Rolle in Rays Bildfindung. Wir sehen ein Dada-Gruppenbild von 1921, wo Tzara einen Revolver hält. Ok, die anderen halten auch jeweils ein abgefahrenes Accessoire, aber Tzaras Schusswaffe ist halt das Auffälligste. In dieses Bild hat Ray sich selbst einmontiert, indem er Éluard am linken Rand einen Spiegel hat halten lassen, in den er sich nachträglich einpasste. Ohne Kamera, anders als Velázquez.

Ein anderes Selbstporträt an die Arnolfini-Hochzeit gemahnend. Eine Weihnachtskugel hängt an einer Art Ständer (für was? Für Leuchten? Garderobe?) und spiegelt den Künstler wider in seinem Zimmer, in dessen Hintergrund eine dunkle Treppe emporführt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUrinoir

1926 fotografiert er Kikis Kopf groß im Vordergrund, der einen noch größeren Schatten hinten auf die Wand wirft. Sie hat Brillantine im Haar und trägt Lippenstift.

Die Gräfin Casati, 1922 haben wir falsch verstanden. Sie weist nicht drei Augen auf, sondern drei -paare. Wir versuchen zu eruieren, wie es gemacht ist. In den Lippen finden wir keine Mehrfachbelichtung, in der Basis der Nase zwei Stufen. Kein Wunder, dass das Foto Furore gemacht hat. Die Gräfin muss entzückt gewesen sein. Sie sieht wild aus, wie entrückt, der Wirklichkeit enthoben. Augen sind immer das stärkste Argument.

Rrose Sélavy nicht im Repertoire, aber die Dadaisten im Gendercrossing.

Meret Oppenheim, draußen, einen Shake trinkend. Eines der wenigen lebendigeren, weniger gestellten Fotos. Könnte von heute sein in Berlin.

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Als bekannt abgetrottet die Violinendame, c’est Kiki de Montparnasse. Ihre Gestalt im Gästebuch häufig wiederkehrend. Bei den Perlentränen sind die Wimpern der klaren Augen dick mit Mascara bestrichen, bis zu Tropfen an den Enden. Die Lippen immer stark geschminkt zu einem Kussmund.

Vielleicht hat Yves Klein Inspiration von Man Rays Meret Oppenheim, beschmiert mit Schwärze an der Druckerpresse, erfahren. Meret Oppenheim auch mit Busch liegend, in einem Magazin oder Bildband blätternd.

Gegen Ende eine Serie von Fotos von Mannequins, die die Surrealisten drapiert haben. Darunter ein Wolfgang Paalen, den wir nicht kennen.

Die Fotos alle sehr klein. Wir sind verwöhnt von der Aufgeblasenheit der Pop Art. Vereinzelt noch kleiner Kontaktabzüge, wo Ray den zu vergrößernden Ausschnitt eingezeichnet hat. Groß die Lippen von Lee Miller, 1929. Wie Pop Art, nur fehlt die Farbe. Keine Grobheit per Druckraster wie bei Lichtenstein, sondern vom Sensormaterial her. Das Objekt nur noch erkennbar per Umriss, keiner Feinstruktur mehr.

OLYMPUS DIGITAL CAMERALe temps désolé

Meistens Menschen. In den Rayogrammen Dinge. Sonst ein kugelrundes Straußenei, weiß auf dunklem Grund, eine geöffnete Walnuss, dunkel strukturiert, ein Apfel mit Schraube als Stiel und eine Zantedeschie, als Kalla bezeichnet, überbelichtet mit schmalem Randschatten konturiert. Vor den ungefähr 150 Fotos vielleicht 200 Besucher, sodass vor jedem oftmals einer stand, was uns zuviel war Allerseelen mittags. Ein Publikumsmagnet das Foto von 1937, wo Sonja Mossé Nusch Éluard die langen, blonden Haare leiht und um ihr Gesicht legt.

Etc. usw.. Man kann nicht alles festhalten.

Im Gästebuch schreibt Katja Süss aus Zürich: „Die Modelle bleiben nicht im Hintergrund anonym, sondern werden als Mitwirkende mit ihrer Geschichte präsentiert, das ist fabelhaft. Danke für die schöne Ausstellung.“ Und Joshua (12): „Man Ray ist eine sehr schöne und gewagte ausstellung. Warum gewagt weil zu der zeit erotische akte zu machen ist gewagt. Ich fand es wundervoll.“

*

Jetzt, da Carlsen gewonnen hat … Ein ausgestelltes Foto zeigt Duchamp beim Schach gegen Roussy de Sales 1924. Die Figuren sind modernistisch: die Türme Kuben, die Bauern Kugeln, die Damen Kegel, Könige Pyramiden. Nur Läufer und Springer figurieren als Vasen und Violinschnecken etwas mehr.

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