Wellershoff über Richter

Dieter Wellershoffs Buch „Was die Bilder erzählen“ enthält einen Essay über Gerhard Richter. Das Buch ist mit 40 Euro recht teuer. In der Stadtbücherei ist es noch nicht enthalten. Aber sein Verlag Kiepenheuer & Witsch hat ein viertelstündiges Interview mit Bodo Witzke online, in dem Wellershoff von Minute 4 bis 7 über Richter spricht:

DW: Für einen modernen Maler wie Gerhard Richter: kein Motiv mehr. Er hatte einen Auftrag, einen Vorraum für eine Versicherung zu malen, und dann, was macht er dann, er malt einen Farbstreifen, der an den Wänden entlangläuft, den ganzen Raum einschließt. Nicht? Irgendeinen Einfall. Und beim nächsten Mal macht er wieder etwas anderes.

BW: Aber diesen Einfall haben Sie als Design und nicht als Kunst bewertet.

DW: Ja, die Sache ist die, dass er im Gegensatz zu Munch und Van Gogh und Cézanne und all diesen Künstlern kein eigenes Thema hat, das er unbedingt ausdrücken muss, sondern dass er eigentlich findet… Er findet für jede Aufgabe eine malerische Lösung.

BW: Sollte nicht eigentlich ein Künstler von einem Thema getrieben sein? Zeichnet das nicht den Künstler aus?

DW: Das ist die alte Vorstellung, ja.

BW: Was ist die neue Vorstellung?

DW: Die neue Vorstellung, find ich, ist vor allem in den späten Bildern von Gerhard Richter sichtbar. Er versucht einfach etwas und es beginnt damit, dass er eine weiße Leinwand hat und sagt, ich muss, ich muss die Autorität der Leinwand erst mal brechen. Mach n Farbklecks da drauf. So, jetzt hab ich einen Ausgangspunkt, noch was anderes zu machen. Und macht etwas daneben: einen Strich. Und dann sprüht er wieder was. Und dann nimmt er einen Bügel und schiebt das ganze als einen Farbstreifen über die ganze Fläche.

Der Film von Corinna Belz nannte den Bügel Rakel. Weiter im Text:

DW: Immer wieder einen andern. Und tatsächlich entstehen immer erneute Bilder. Die Innovation verschiebt sich auf die Machart. Die Innovation ist: Wie kann man, was kann man noch versuchen? Mit Farbe und Fläche. Was kann man da noch versuchen?

BW: Aber ist das nicht irgendwann ausgereizt? Ist die moderne Kunst…

DW: Das kann durchaus sein, ja. Die kämpfen alle damit, dass sie, sozusagen, eine Autorität gewinnen, indem sie etwas Interessantes machen, und natürlich auch, die sind schon sehr effektisch, ja? Also wenn, was der in diesen großen Farbbildern dargestellt hat, hat ja starken Reiz, muss man sagen. Aber es könnte natürlich auch der Entwurf eines Vorhangs sein oder einer Kleiderschleppe oder was auch immer, ja? Es ist die absolute Befreiung von den Vorgaben der Wirklichkeit.

BW: Das kann dann nur eine Frage des Nichts sein.

DW: Des Etwas. Etwas. Es ist ja, wenn man Malerei als Medium der, sozusagen, Verständigung der Menschen über die Welt undsoweiter betrachtet, dann kann man nicht vorbei. Dann muss man versuchen, n Motiv zu haben, das dann sehr überraschend und polemisch oder verschönernd oder was auch immer sein kann, aber das, sozusagen, einen Blick verrät.

Zwischen 13:10 und 13:40 erwähnt er Richter noch mal:

DW: Also diese Bilder von dem Richter, einige hätt ich haben wollen, die anderen nich. Das ist ne Frage der Auswahl. Es ist ein großer Reiz, zu sagen, eh ich jetzt wieder ne Frau male in nem Abendkleid, und das aber unten zerrissen ist, und dann noch vielleicht n Wolf daneben, der sie gebissen hat, und so, also ne Geschichte erzähl, mach ich lieber reine Farbenspiele.

*

Das Titelbild führt 100 Maler auf, während die Anpreisung nur „fast 80 Künstler[n]“ nennt. Vielleicht hat das Werk aus ökonomischen Gründen verschlankt werden müssen. Auch die 100 Namen füllen das Cover nicht ganz, bei Zentimeter 21 von 24,4 erfährt die Abbildung der Liste auf die Fläche eine Faltung und die Namen beginnen von vorn. Interessant vielleicht, wie sich die Künstler historisch verteilen:

Jahrhundert     Anzahl
15. 5
16. 3
17. 4
18. 1
19. 18
20. 67
21. 2

Braques Vornamen hat Wikipedia als Georges, schreibt Kanowitz amerikanisch Kanovitz, hat Menzels Vornamen in der Schreibweise Adolph, Pallaiuolo als Pollaiuolo und Roselli als Rosselli.

*

UPDATE 30.11.2013

In der Mayerschen nun Wellershoff über Richter gelesen. Fünf Exemplare gefunden auf einem Tisch in der Abteilung „Kunst“, von denen zwei von der Einschweißung befreit waren. Einen alten, abgestoßenen Ledersessel gefunden und niedergelassen. Richter zieht sich von Seite 311 bis Ende 20. Erst eine Werkbiographie auf fünf oder sieben Seiten, die der Autor beendet mit: „Vorübergehend. Nichts ist so wetterwendisch wie der Kunstmarkt. Deshalb zögere ich zu sagen, Gerhard Richter sei ganz oben angekommen.“

Zwei wollten eine neue CD erhalten. Beide beklagten sie sich, Altersunterschied wie Vater und Sohn, bei zwei Buchhändlerinnen, Dialekt sprechend, die CD wollte nicht starten und daraufhin hätten sie gesehen, dass die da am Rand einen Kratzer hätte, schauen Sie mal! Komige Masche. Der Jüngere mit seiner weiblichen, ebenso korpulenten Begleitung wurde daraufhin von einem Alten genervt, der ebenso lautstark irgendwelche Vergleiche über Öffnungszeiten anstellte, ungefragt. Empathie mit den Einzelhändlerinnen wuchs. Als das voluminöse Paar entschlüpfen konnte, suchte sich der Alte ein neues Aufgabenfeld: „Ach, hier sind die Kalender!“

Über die 1024 Farben redet Wellershoff zwar, versäumt aber sie als zwei hoch zehn aufzulösen. Obwohl er andernorts Richters Erklärung zu grauen Bildern anführt, dass sie durch Verstreichen von schwarzer und weißer Farbe entstanden seien. Der Punkt Digital gegen Analog geht ganz an Wellershoff vorbei. Man sieht ihn beim Lesen praktisch mit einer Kleinbildfilmdose hantieren.

Im Anschluss ein einseitiger Text unter der Überschrift „Was ist eine Designeridee?“. Aufhänger Richters Strich, erinnere ich. Jeder, kommt ihm die Idee, hätte sie ausführen können. Wellershoff stellt dem existenziellere, getriebenere Kunst, glaube, Munch erwähnt er, gegenüber. Am Ende werden zehn, fünfzehn Werke abgebildet und das war’s zu Richter. Es folgt Botero, offenbar nach Geburtstag sortiert.

Wellershoff bleibt sehr schwammig. Fast so unscharf wie manche von Richters Bildern. „Als hätte man das Gaspedal ganz durchgedrückt“, meint Wellershoff einmal, blieben die Bilder unscharf am Rand zurück.

Froh, es hier eingesehen zu haben. Erspart mir das Warten aufs von der Stadtbücherei mittlerweile angeschaffte Exemplar, entliehen bis Mitte Dezember voraussichtlich. Und möglicherweise auch die Lesung des 88-jährigen Mittwoch im WRM, Kostenpunkt 5 Euro.

In der Stadtbahn heim ein stabiler Mann mit Fahrrad Kalkhoff Foreigner XXL. Das Rad sah stabiler aus als normal, zwei flache Metallkästen auf dem Gepäckträger. Eine angebrochene Sprudelflasche hatte er im Flaschenhalter am Rahmen und dazu noch eine Menge Fahrradtaschen, am Gepäckträger hängend, aber auch gefährlich in der Mitte des Lenkers. War versucht ihn zu fragen: „Wohin geht’s denn?“. Die vielen Kabel deuteten an, dass das Rad entweder ein ausgefuchstes Scheibenbremssystem, vorne und hinten zugleich, besitzt oder aber elektrisch betrieben ist.

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