Augenschein, 8. Juni

Augenschein, 5. Juni
Augenschein, 6. Juni
Augenschein, 7. Juni
Pilgerweg

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In St. Peter diskutieren im Stehen das Thema „Zwischen Anbetung und Sightseeing“ der evangelische Professor für Religionspädagogik Meyer-Blanck, die Architektin Susanne Groß, der Generalvikar des Bistums Essen Klaus Pfeffer, der Professor für Liturgiewissenschaft Albert Gerhards und das Mitglied des Landtags Thomas Sternberg. Vielleicht sechzig Menschen hören auf Stühlen zu.

Die Katholikin Groß plädiert dafür, ungenutzte Kirchen auch anderen Religionen zur Verfügung zu stellen. Pfeffer stellt zuviele Kirchen in seinem Bistum fest. In den fünfziger Jahren seien extrem viele Kirchen gebaut worden. Heute hätten sie zuwenig Priester und zuwenig Gottesdienstbesucher. Doch die Alten sperren sich gegen Schließung. „Wenn meine Kirche mir genommen wird, dann geh ich auch nicht mehr in die Kirche.“, zitiert er aus einem Brief einer Seniorin. Pfeffer muss in die Zukunft sehen, die Situation in zehn, zwanzig Jahren berücksichtigen. Meyer-Blanck mit Luther-Pathos: „Das Evangelium braucht keine Dome. Es kriecht in jede Hütte und hält sie warm.“ Als Sternberg, der rhetorisch routiniert spricht, sagt: „Wir sind hier in einer der zwölf romanischen Kirchen.“, schüttelt Gerhards den Mahnfinger, aber Sternberg merkt’s nicht, weil er ins Publikum blickt. Sternberg sieht die Zukunft in Autobahnkirchen. Sie würden gut besucht. Pfeffer ist für nicht Megakirchen, aber wenige, neue Zentren, die auch Kirchenfremde ansprechen können, was jetzt nicht gehe. Groß sieht die Zukunft in Bethäusern, die mehreren Religionen zur Verfügung stehen. Sternberg fordert, die Bänke zu entfernen, die auf Heiligabend ausgelegt seien, das würde den Räumen gut tun. Und dass sie nicht ständig auf 22, 23 Grad geheizt werden sollten. Pfeffer fordert, den Blick auf die Kirchensteuerzahler zu lenken, weil die das Geld bringen, und nicht immer nur auf die regelmäßigen Gottesdienstgänger, die immer weniger werden. Man müsse Katholiken, die nur zu Weihnachten und bei Hochzeit und Taufe in die Kirche gehen, mehr Angebote machen, um sie am Zahlen zu halten. Sternberg stellt fest, dass derzeit viele Kapellen und Andachtsräume gebaut werden. Auch neutrale oder multireligiöse Räume. Er wirbt aber dafür, den Bestand an großen Kirchen nicht zu schnell in Frage zu stellen, sondern erst mal abzuwarten. Auch Gerhards empfiehlt, auch über den christlichen Tellerrand hinauszuschauen.

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Extra für die Jugend ist eine fast durchgängige Anbetung in St. Gregorius im Elend eingerichtet. Hugo schaut erst kurz in St. Johann Baptist rein. Im Zentrum hält hinter Vorhängen gerade ein älterer Erwachsener Jugendlichen, die auf dem Boden sitzen, eine Katechese. Hugo findet ein Chronogramm aus dem Jahre 1605. Draußen verkaufen an einem Stand zwei Jungs den YOUCAT. Den Weg zur Nachbarkirche hat wer markiert:

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Den Eingang der Elendskirche behütet eine junge Frau. Sie fordert Hugo auf, ob er nicht hineingehen wolle. Er lehnt ab, sieht nur von draußen rein und hört einen englischen Chor singen. Die Chorleiterin begleitet auf einer elektronischen Orgel. Eine Alte im schwarzen T-Shirt mit zwei Katzen auf dem Rücken kommt im Rollator herangerollt. Die junge Wächterin fordert auch sie auf. Auch sie lehnt ab: „Ist wegen dem Weihrauch.“ Sie kratzt mit der Zeigefingerspitze die Nasenspitze. „Bin bisschen allergisch.“ Dreht um und zieht langsam wieder ab. Ein Priester ist herausgetreten. Er geht in den Schatten des kleinen Gärtchens, legt den Priesterschal ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Auf der Bank unter dem Baum sitzt ein junger afrikanischer Priester mit Priesterschal und betreibt Seelsorge an einer Frau neben ihm.

In Groß St. Martin sind Gewinner eines Schulwettbewerbs ausgestellt. Das religiöse Spiel von der Realschule Florastraße in Düsseldorf, von dem er in der Zeitung gelesen hat, findet Hugo leider nicht. Auch als er später ein zweites Mal nach ihm sucht, kann er es nicht finden. Fragen will er nicht. Ein anderer ausgezeichneter Beitrag ist eine „Monstranz“:

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Es sind die Geschwister Scholl, Janusz Korczak, Martin Luther King, Papst Franziskus, die heilige Walburga und Adolf Kolping als Vorbilder. Die andere Seite wirft das Spiegelbild des Betrachters zurück:

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Im Domforum hält nun Professor Gerhards, der vorhin noch in St. Peter gesprochen hat, obwohl er dort nicht im Programm angekündigt war, einen Diavortrag „Eucharistie und Kirchbau durch die Jahrhunderte“. Ungefähr hundert Leute hören zu. Er beginnt in der Antike. Justin beschreibe die Eucharistie um 150 n.Chr.. Nach der konstantinischen Wende wurden die großen Basiliken gebaut und es fanden Prozessionen von einer Kirche zur anderen statt. In San Clemente in Rom war das Messopfer nur versus populum möglich. Das Konzil von Trient führte einen großen Kirchensaal mit freiem Blick zum Hochaltar ein. Und vieles mehr. Der Kreuzaltar/Volksaltar rückt zur Seite. 1927 baute Rudolf Schwarz in Burg Rothenfels Kapelle und Rittersaal. Damals wurde der White Cube erfunden, den die Menschen selbst durch ihre Versammlung gliedern können und sollen. Gerhards zeigt St. Fronleichnam in Aachen, auch von Rudolf Schwarz. Die Änderung der Zelebrationsrichtung in der Liturgischen Bewegung und dem Zweiten Vatikanum.

Draußen geht ein Regenguss nieder und die Menschen auf der Domplatte drängen sich an die Fenster, weil sie dort ein Vorsprung schützt. Weil attraktive Menschen darunter sind, lenkt es ab.

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Er schließt mit der Frage: „Wohin geht die Reise?“. Gewinnt splendor gloriae oder der „Glanz edler Einfachheit“, wie es im Sacrosanctum Concilium 34 heißt? Gerhards sieht es, zumindest ein bisschen, gehen von Splendor, das ist Benedikt XVI., in Richtung auf Einfachheit, Franz. Zuletzt wird sein Buch „Wo Gott und Welt sich begegnen“ an die Wand geworfen.

Im Domforum sieht Hugo auch das Diakoniekreuz stehen, abgestellt wie ausgemustert:

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Im Maternushaus liest nun Ulla Hahn. Ein Heimspiel, da sie gebürtige Monheimerin ist. Allerheiligen erst liefen ihre Erinnerungen im WDR-Fernsehen. Sie interviewen tut Johannes Schröer vom domradio. Er hat den Sammelband „Trotz Natur und Augenschein“ herausgegeben. Der Titel ist zugleich Titel der derzeitigen Ausstellung im erzbischöflichen Museum Kolumba und geht auf Thomas von Aquins Lauda Sion zurück. Darin der Text, um den es heute gehen soll. Hahn ist katholisch und zünde, wann immer sie in Köln ist, bei der Schmerzensmadonna eine Kerze an, sagt sie. Vor fünfzig Jahren war sie als Besucherin auf dem Zweiten Vatikanum. (Da muss sie noch jung gewesen sein, so 19.) Sie findet die ökumenische Kapelle in der Hamburger HafenCity sehr schön. Dort sei ihr um Silvester die Geschichte gereift. Hahn findet die Geschichte von Norbert Hummelt im Sammelband schön. Schröer betont, dass er keine erwartbaren Geschichten im Band haben wollte. Deshalb habe er Martin Mosebach nicht angefragt. Von Norbert Scheuer ist auch ein Text drin, „Wandlungen“, halb so lang wie Ulla Hahns, der mit tschirpenden Uferschwalben beginnt und mit Großvater endet.

Hahns Beitrag „Licht vom Licht“ ist eine ökumenische Utopie, die im Jahr 2101 spielt. Verspielt schildert Hahn, wie die Grabenkämpfe überwunden sind. Die Erzählerin, Tochter einer katholischen Mutter aus Hamburg und eines evangelischen Vaters aus dem Rheinland (beide Erfahrung in der Diaspora), ist Religionslehrerin, was zum Ton ganz gut passt. Hahn liest: „sich den kühleren Temperamentaturen anzupassen“. Hugo glaubt, kein Verhaspler, sondern Absicht, da sie sehr, sehr gut liest. Temperament hat sie.

Nebenan, nur durch zwei Glasfronten getrennt, speisen Bischöfe. Zirka zwanzig, darunter Zollitsch. Das sorgt für manche Erheiterung im sich fortschrittlich verstehenden Publikum. Hahns Story hat an Provokationen zu bieten einen Erzbischof und die evangelische Bischöfin, „ein schönes Paar!“, den Papst, „ein hochgewachsener, schlanker Massai“. Sie schwelgt: „sogar die von der Humanistischen Union“ sind dabei. „Brüder, überm Sternenzelt, muss ein lieber Vater wohnen!“ Ihre Geschichte ist modern: „twitternd und skypend“, „Das Internet quoll über von Beiträgen.“ Sie ist naturwissenschaftlich: „Als hätte man einen Neckerwürfel gekippt.“ Der Clou der Geschichte ist, dass die greisen Eltern der Erzählerin, hoch in den Achtzigern, sich freuen, nun endlich gemeinsam das Abendmahl feiern zu können. Sie hat eine Huldigung an Werner Thissen drin: „den gottesfrohen ehemaligen Hamburger Erzbischof, von dessen wohlgemutem Temperament die Großmutter geradezu wie ein Teenager geschwärmt hatte“.

Es kommt ein Psalm Davids (der 23.) vor. Hahn: „Jetzt hab ich hier ein paar Sachen auf Hebräisch, das lass ich aber weg, das kann ich überhaupt nicht.“ (Im Band steht: Adonaj roi lo echssar bin’ot desche jarbizeni, al mej menuchot j’nahaleni.) Und liest ihn auf Deutsch vor: „Der Ewige ist mein Hirte, mir fehlt nichts. Auf grüner Wiese lässt er mich lagern, an ruhige Wasser führt er mich.“ Doch betont sie die Extreme: „Ein Festkomitee von Hamburgern aller Glaubensrichtungen hatte diese Nachfeier vorbereitet.“ Schluss: „Und da, versicherte ich meinem Leistungskurs, kommt noch einiges ans Licht an Freude und Hoffnung, gaudium et spes.“ Kräftiger Beifall.

Hahns Gatte ist evangelisch, sie katholisch. Schröer: „Licht vom Licht“ komme aus dem großen Glaubensbekenntnis. Bei Hahn ist die neue Liturgie (Vat. II) gar nicht gut angekommen: „Für mich war die Sprache Gottes Latein.“ – „Wir gehen in Hamburg in den Mariendom, und egal wer das macht, das ist jedesmal würdig.“ – „Mein Mann geht eigentlich nur noch in die katholische Kirche. Das ‚eigentlich‘ können Sie streichen. Vermisst sinnliche Attraktivität.“ – „Unsere Kultur, wo Sie hinschauen, begegnen Sie dem Christentum. Leider geht das so ein bisschen verloren.“ – „Gedichte und Gebete haben die gleiche Wurzel. Man muss sich darauf einlassen, sonst bleibt es ein Haufen toter Buchstaben.“ Zum Schluss empfiehlt Schröer noch „Das verborgene Wort“ von Hahn.

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Am 9. Juni nimmt Hugo nicht mehr teil. Schaut nur noch die Messe im RheinEnergieStadion im Fernsehen an. Der Erzbischof hatte Gottesdienste in den Kölner Pfarrkirchen erst untersagt, um die Ränge voll zu kriegen, das aber wieder zurücknehmen müssen. Nun empfehlen also manche Kirchen ihren Schäflein ins Stadion zu pilgern, andere beharren auf ihrem Lokalkolorit.

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