Stammheimer Kirchen

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Kommt man in den Ort rein, stolpert man vorm Friseur „Zur Schillerlocke“ gleich über ein Kreuz:

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„O crux ave spes unica!“ steht über der Blume, i.e. „Sei gegrüßt, o Kreuz, du einzige Hoffnung!“. Und darunter: „Zur Sühne für den an dem alten Kreuze am 6. Jan. 1883 begangenen Frevel errichtet von der hiesigen kath. Gemeinde am 12. Juni 1884.“

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Die FAZ schrieb über die evangelische Immanuelkirche. Daher der Ausflug. Auf den Artikel sind sie stolz, haben ihn ans Mitteilungsboard gepinnt.

Ebensoviele Haken gibt es im Vorraum wie im Hauptschiff Stühle. Dran hängen sporadisch Kindermäntel, weil in einem der Gruppenräume in den Seitenschiffen gerade eine Müttergruppe tagt. Es stehen 160 Stühle im Hauptschiff. Laut Bestuhlungsplan sind noch mal 50 in einem Seitenraum und 50 in der Empore anzuschließen. Macht 260 bei einer Einwohnerzahl von Stammheim von 7500 und dem zusammengelegten Flittard von noch mal 7500. Summa geht fast jeder Fünfzigste Weihnachten in die Kirche.

Zur Straße hin nimmt sich das Kreuz zurück:

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Ein zweites – nein, drittes, weil der Turm von beiden Seiten eines hat – in der Andachtskapelle, die, wie geschrieben steht, immer geöffnet ist:

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Automatisch ging das Licht an, als wir eintraten. Im Hauptschiff haben wir keines gesehen. Der Saal soll auch multifunktional verwendet werden:

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Der „halbtransparente Screen“ (Bauherr) besteht aus farbigen Holzlamellen, wie Rossmann ganz recht schreibt. Die Spalten sind breiter als die Lamellen, aber in siebzehn Bändern greifen die Lamellen ineinander, sodass das Halbe mehr oder weniger ist als die Hälfte? Dem genauen Auge mehr, aber der Gesamtoptik nach weniger, denn allzu schlecht ist das dahinter Verborgene zu erkennen. Nur eine Leiter haben wir in Erinnerung behalten.

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Vor dem Screen hängt ein, naja, Screen würden wir’s nennen, eine Milchglasscheibe, die von hinten bespielt wird von einem Projektor, für den man im Screen eine Lücke gelassen hat. Vermutlich sollen auf ihm Kirchenliednummern und Strophen erscheinen, sollte der Software die Seitenverkehrung gelingen:

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Ob die Lamellen nach oben hin wirklich heller werden oder die Wirkung dem Licht geschuldet ist, wollen wir nicht entscheiden. Einsicht könnte mehr der Entwurf von Sauerbruch Hutton bieten als unser Eindruck vom Sichtbaren. Imposant aber, mit wie wenig Außenlicht das Innere auskommt. Mag dem fast weißen Holzfurnier geschuldet sein.

Doch drei Gebote mussten sie ihrer Gemeinde erlassen:

1. Du sollst keine Streichhölzer stehlen!
2. Du sollst die Blume stehen lassen!
3. Du sollst die Orgel nicht anfassen!

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Der Traum vom schlichten Leben und naturnahen Bauen spiegelt sich in Pfarrer Vorländers Foto der neuseeländischen Kirche des guten Hirten am Lake Tekapo:

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Von Karl Band 1969 das katholische Pendant Johannes der Evangelist. Aber leider nicht geöffnet.

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Ein Spähen durch die Glastüren hinein erwirkt einen deutlich dunkleren Lichteindruck:

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Die Südfront erweist, dass es schmale Bänder von farbigem Glas sind, die Gottes spärliche Zuwendung in kirchenfernen Zeiten erweisen:

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Schön der Frontbaum mit den gelben Äpfeln.

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Mariä Geburt von 1903 auf der Ecke des Schlossparks extra muros.

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Im Vorraum ein Missionskreuz mit den Jahren 1911, 21, 30, 51 und 67 aufgehängt. In einer seltsamen Schraube bittet man, Briefmarkenspenden in einen Briefkasten einzuwerfen:

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Hier liegt ein Faltblatt aus von Kardinal Meisner bezüglich der vor zwölf Tagen eingerichteten ewigen Anbetung in der Kapelle des Maternushauses. Man sucht noch Beter. Im integrierten Anmeldeformular kann man sich von einer halben Stunde bis zu sage und schreibe vier Stunden eintragen (plus ein Freitextfeld).

Der Familienaltar im Seitenschiff zeigt geschnitzt Jesus mit geöffnetem Buch, den Finger deklamierend erhoben, Maria mit einem Buch, das sie gerade öffnet, ihren Sohn zu überprüfen, oder aber seufzend schließt, und Josef ohne Buch in seiner Zimmermannswerkstatt. Vielleicht ist es Lukas 2,50: „Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen redete.“

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Nach dieser dritten Kirche in den Schlosspark. Denn neben Kindern und Kirche ist auch Kunst des Redens und Streitens wert.

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