Altmodisches Schreiben

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Im im Original 2006 erschienenen Roman „Der Überdruss“, der im Englischen „Life and Death Are Wearing Me Out“ und im Original 生死疲劳 Shēngsǐ píláo „Müde des Geborenwerdens und Sterbens“ heißt, ist in der deutschen Ausgabe im Unionsverlag den 800 Seiten des Romans ein vierseitiger Text unter der Überschrift „Romane sind Handarbeit“ angefügt. Dieser Text ist lesenswert, lässt sich in der Übersetzung durch Martina Hasse hier natürlich nicht bringen, aber es lohnt sich vielleicht seine Linien nachzuzeichnen und manche Punkte zu tupfen.

Mo Yan gibt an, dass er den Roman in nur 43 Tagen niedergeschrieben habe. Als Textmengenmaß dient im Chinesischen die Anzahl an Zeichen. Die Medien hätten berichtet, dass er in dieser Zeit 550.000 Zeichen geschrieben hätte, aber es waren nur die 430.000 des Manuskripts, korrigiert Mo augenzwinkernd bescheiden. Auch am Ende hätten die Medien noch ein wenig übertrieben, denn im Druck wären es 490.000 gewesen. (Anmerkung: Es fällt die gleiche Differenz nach oben wie unten auf. – Aber kein Schluss daraus.) Kurzer Einwand, dass der Stoff natürlich länger gegärt habe, aber das soll nicht das Thema sein, sondern – damit schließt der erste Absatz:

我想说的是:为什么写得这么快。

Worüber ich sprechen möchte, ist, warum das Niederschreiben so schnell ging.

Er habe den Computer beiseite gelegt und wieder mit Stift geschrieben. Einem besonderen Stift zwischen Pinsel und Füller, einem „Weichhaarstift“ (软毛笔). Vielleicht ist es so einer. Elastischer als ein Füller, aber man muss ihn nicht in Tusche eintunken wie den Pinsel. Davon habe er fünfzig Stück für den gesamten Roman verbraucht. Erheblich billiger als ein Computer.

Er blickt auf seine persönliche Computergeschichte zurück, sein Literatur dran schreiben, Emails.

我成了一个不习惯用笔的人,但我总是怀念用笔写作的日子。

Ich war zu einem Menschen geworden, der nicht mehr gewohnt ist mit dem Stift zu schreiben, aber immer dachte ich nostalgisch an die Tage des mit dem Stift Schreibens zurück.

Beim „Überdruss“ habe er es wahr gemacht, wieder mit Stift und Papier geschrieben und sich sehr gut dabei gefühlt.

又听到了笔尖与稿纸摩擦时的声音,又看到了一行行仿佛自动出现在稿纸上的实实在在的文字。

Ich hörte das Reiben der Stiftspitze auf dem Manuskriptpapier, sah realen Text Zeile für Zeile wie von selbst auf dem Manuskriptpapier erscheinen.

Dem stellt er die IME-Texteingabe am Computer gegenüber: ans Pinyinalphabet denken, augenzermürbend das Zeichen auswählen, ein Zeichen, das im Zeichenvorrat nicht enthalten ist, leider durch ein anderes ersetzen müssen.

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Statt dieser Beschäftigung mit dem Werkzeug kann man ganz an den Roman denken, an die Menschen und Dinge im Roman. Statt sich mit einzelnen Wörtern befassen zu müssen, folgt man zügig den unaufhörlich sprudelnden Sätzen.

Am Ende des Arbeitstages liege der Stapel beschriebener Blätter konkret da, er könne ihn berühren und die Blätter durchzählen. Beim Ausschalten des PCs dagegen habe er Zweifel am Geschaffenen, der Text scheine wie in die Wolken hinein geschrieben zu sein (eine Cloud gab’s 2006 aber noch nicht.):

那些文字,好像写在云上。

Er sagt, es sei aber was Persönliches. Ein kleines Zurückweichen nach eigenem Gusto. Kein radikales, denn dann hätte er ein Messerchen nehmen und in Bambustäfelchen ritzen müssen. Oder (weiter zurück in der Schreibkultur) in Orakelknochen kerben. Oder noch weiter zurück in die Zeit, als es noch keine Schrift gab, in einer Hütte sitzen, den Mond und die Sterne anschauen und Knoten knüpfen, um Dinge aufzuzeichnen. Umständlichkeit der Sprache habe wohl mit den Schreibwerkzeugen zu tun. Die Knappheit des klassischen Chinesisch habe seine Ursache darin, dass das Schreiben nicht einfach war, sagten manche.

用刀子往竹简上刻,多么麻烦,能省一个字,绝不多用一个字。

Mit dem Messer auf Bambustäfelchen zu ritzen, kostet viel Mühe. Kann man ein Zeichen einsparen, benutzt man kein Zeichen zuviel.

Er sieht den Widerspruch. Menschen, die zurück zur Vergangenheit wollten, zögen zwar vielleicht aufs Land, bauten sich da eine Hütte, deckten das Dach mit Stroh, verputzten die Wände mit Lehm, aber drinnen würden sie sich modern einrichten mit TV, Kühlschrank, Telefon und PC. So hätte er zwar mit Stift geschrieben, aber bei elektrischem Licht, im Sommer bei Klimaanlage, im Winter bei Heizung (ist da ein Widerspruch zu den 43 Tagen?). Und nach dem Schreiben habe er jemanden gebeten, es in den PC einzugeben, die Überarbeitung habe er am PC durchgeführt und das Manuskript dann per Mail an den Verlag geschickt. Die Bequemlichkeit der Schnelligkeit lässt sich nicht aufhalten.

对我来说,电脑依然是好东西。

Für mich bleibt ein Computer eine gute Sache.

Also es war nur ein Stürmchen im Wasserglas von ihm. Martina Hasse spricht von einem „Herumspinnen“. Lässt mich an einen Arbeitskollegen denken, der oft vom Spinnen anderer spricht. Abfällig meint er es, aber mich fasziniert das selten mehr gehörte Wort und muss immer einen Moment lang der Metapher nachspüren. Zuletzt postuliert Mo Yan, dass die Qualität eines Textes nicht vom Schreibwerkzeug abhänge:

好作家在状态好时,面对着电脑口述照样可以吐金嗽玉,坏作家在状态不好时,即便是用钻石刀往金板上刻,也刻不出好文章。

Ein guter Schriftsteller in guter Form, der vorm Computer sitzt und diktiert, kann „Gold spucken und Jade husten“. Ein schlechter Schriftsteller außer Form, der mit einem Diamantmesser in eine goldene Tafel ritzt, muss keinen guten Text fertig bringen.

Damit schließt dieses „Nachwort“.

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