100 Jahre Swann

Auf dem Hinweg der Blick an einer Tafel vom Bürgerverein Köln-Müngersdorf e.V. hängen geblieben:

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In diesem Haus – von ihm erbaut – lebte von 1954 bis 1969 der Schriftsteller Heinrich Böll.

Hier hat er die Voraussetzungen für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahre 1972 geschaffen. In dieser Zeit entstanden zum Beispiel die Prosawerke „Das Brot der frühen Jahre“, „Irisches Tagebuch“ und „Ansichten eines Clowns“ [musste ich in der Schule lesen].

An keinem anderen Ort lebte Böll länger als in Köln-Müngersdorf.

Ankunft im Kämpchensweg:

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Das Faktotum heißt Max, ein schlanker, junger Mann mit schmalen, blassen Lippen, der sich ums Draußen kümmerte. Er ließ mich hinein, war gerade vor der Hecke was am Machen und sprach mich an: „Sie wollen …?“. Er kündigte an, der Sammlungsbesitzer komme gleich, und verschwand ihm Bescheid zu sagen.

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Speck, nachdem er mich eine halbe Stunde lang durch die Sammlung geführt und sie mir erklärt hat: „Max wird Sie hinauslassen.“ Die persönliche Betreuung überraschte. Klar war mir klar gewesen, dass es keine gewöhnliche Ausstellung ist. Die kleinen Öffnungszeiten schon wiesen darauf hin. Aber sie standen im Stadt-Anzeiger, daher auf auch Ottonormalbürger als Zielgruppe geschlossen. Meine Fantasie war so gewesen, dass vielleicht eine Dame am Eingang mich zur Rede stellen würde, und reüssierte ich, mich in die Ausstellung entlassen würde, wo ich mich allein umsehen könnte.

Max führte mich zur Garderobe. Sei besser so, weil recht warm geheizt. Vorsorglich hatte ich mich gut gekleidet. Sie befindet sich in der Schale des Gebäudes. Später erläutert Speck Ungers‘ Philosophie: Alles Alltägliche soll aus dem Innern verbannt sein. Doppelte Fensterfronten lassen im Zwischenspalt Platz für Stauraum. Die großen Räume inmitten darum fast leer. Ungers habe ja hier gelebt, so Speck. „Ich war sein Urologe.“ Das Gebäude so gelungen, weil Ungers Architekt und Bauherr zugleich gewesen. Ok, der mittlere Erdgeschossraum hat an beiden Binnenwänden schwarze Regale. Da sei Ungers‘ Architekturbibliothek untergebracht gewesen. Helle Namen über den Regalfächern zeigen das noch, Vitruv las ich da, Palladio, Bramante, Loos … Die eine Wand beherbergt nun Specks Petrarca-Sammlung, die drittbedeutendste der Welt, gab er an. Erzählte was von einem Brand im Louvre, aber da hab ich den Zusammenhang verloren. Seitlich am anderen Regal hatte Ungers die feste Fachhöhe für Hochformatiges unterbrochen. Speck dankbar dafür und nutzt es für Bildbände über Proust.

Oben war eine Dame, die neugierig aufblickte, mit dem Aufbau der Ausstellung zu Claude Simon in Deutschland beschäftigt, aus dem ich Speck gerissen hatte mit meinem Besuch. Außer mir kam kein weiterer Besucher in diesen zwei Öffnungsstunden. Leider habe ich ein bisschen überzogen, so um zehn Minuten oder eine Viertelstunde. Extra gut gekleidet hatte ich mich, um Eindruck zu erwecken, aber hatte einen schlechten Geschmack im Mund und roch sicherlich draus. Speck versuchte mir einen Beruf zu entlocken, ohne Erfolg. Woher ich käme? Ganz aus der Nähe, mit dem Bus. Ob ich Sinologe sei, als ich mich an Übersetzungen ins Chinesische interessiert zeigte. Gleich seine erste Frage hatte darauf abgezielt, was für jemanden er vor sich habe. Ich gab damit an, dass ich die Recherche zweimal gelesen hätte, einmal als junger Mensch, 19jährig, und vor kurzem noch einmal. Und dass die Ausstellung wegen des Jubiläums von Swanns Erscheinen stattfinden würde. Den Artikel im Stadt-Anzeiger vergaß ich zu erwähnen. „Ich wollte Sie nicht examinieren“, stoppte er mich freundlich.

Während seiner Führung musste ich nun mehrfach vernehmen: „wie Sie sicherlich wissen“. Einmal wehrte ich mich: „Ich bin kein Experte.“ Später über Illiers: „Sie waren bestimmt da!“. Musste verneinen. Das Peinlichste, dass ich nur Rechel-Mertens‘ Übersetzung kenne, nicht mal Luzius Kellers Revision, was Speck überraschte. Manches Schweizerische darin könne man bemängeln, aber der Apparat sei natürlich Spitze (er drückte sich gepflegter aus).

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Bestimmt sei ich da gewesen, meinte Speck. Nein, leider nicht. Hatte leider nicht davon gewusst, erst nachher in der Zeitung drüber gelesen. Muss ein schöner Abend, əh Vormittag gewesen sein.

Ein Foto zeigt Eva Rechel-Mertens und wie gediegen sie in Heidelberg gelebt hat. War gut verheiratet, begründet’s Speck.

Speck sah mich über den Brillenrand hinweg freundlich an, ich ihn durch meine Gläser. Ein Vierteljahrhundert älter ist er, agil und ohne Altersflecken auf den Händen. Um vor den Ausstellungsstücken etwas zu entziffern, musste hinwiederum ich unter dem Brillenrand hersehen.

Habe immerhin auch was da lassen können. „Vielleicht interessiert Sie das“, und bezifferte ihm, welche Zeichen des sechszeichigen Titels für Swanns Namen stehen, nämlich 斯萬, ausgesprochen sī wàn. Eine der drei chinesischen Ausgaben, die ich im Haus sah, ist in traditionellen Schriftzeichen gesetzt, wie sie noch in Taiwan, Singapur und Hongkong verwendet werden. Zwei in vereinfachten Schriftzeichen, die in den 50er Jahren in der Volksrepublik eingeführt wurden, um die Massen zu alphabetisieren. Da schaut Swanns Name dann so aus: 斯万. Die 12 Striche des Zeichens wàn, das wörtlich „zehntausend“ bedeutet, sind auf 3 reduziert. Leider versäumte ich Speck darauf hinzuweisen, dass Swanns 斯 sī in der Transkription des Autornamens wiederkehrt, nämlich 普鲁斯特 pǔ lǔ sī tè.

Zum zweibändigen Exemplar im Obergeschoss erzählte Speck eine Geschichte, wie in Peking ein junger Literaturstudent ihn auf dem Moped mitgenommen habe durch die Buchhandlungen, und daher stamme dieses Exemplar. Das Exemplar ist vom Verlag „Wald der Übersetzungen“ (译林出版社) und heißt 追忆似水年华, vielleicht ungefähr „den wie Wasser verflossenen Jahren nachtrauern“. Es ist zweibändig, die Bände mit 上 „oben“ und 下 „unten“ unterschieden. Als Festpreis für beide Bände zusammen sind 68,00 Yuan eingedruckt. Wären es drei, wäre der mittlere mit 中 „Mitte“ wie im Reich der Mitte (中国) bezeichnet, so wie hier:

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Erst übersehen hatte ich die beiden chinesischen Ausgaben im Ausstellungsraum gleich hinter dem Gästebuch, da war mir nur Japanisches ins Auge gefallen, als ich auf Max‘ Geheiß auf Speck wartete. Aber doch, hier steht ein Band Swann. Klein vor dem Titel 去斯萬家那邊 „Gehen nach der Seite von Swanns Heim“ steht 第一卷 „erster Band“. Darunter klein 第一部 „erster Teil“, groß 斯萬的爱情 „Eine Liebe von Swann“, gefolgt von klein 第二部 „zweiter Teil“ und groß 地方與地名:地名 „Orte und Namen: Ortsnamen“. Darunter folgt die Zeile 【法國】馬塞爾·普魯斯特, das ist „(Frankreich) Marcel Proust“. Als Trenner bzw. Doppelpunkt fungiert ein doppelter Kreis ◎. Denn nach ihm steht 著 zhù, das heißt auteur. Es folgt der Name des Übersetzers 周克希 Zhou Kexi, und offenbar hat jemand illustriert, nämlich 李又白 Li Youbai. Natürlich nimmt man das Buch nicht raus und blättert drin. Der Verlag ist schwer zu entziffern, weil in Schmuckschrift: 時報出版 Shibao Chuban, er sitzt in Taiwan. Die Reihe heißt Masterpiece 大師名作坊. In ihr trägt der Band Swann die Nummer 86.

Die dritte chinesische Ausgabe stammt wieder von Festlandchina, aus den Editions Yilin (denn auf den Rücktitel ist alles auf Französisch gedruckt). Das ist das 译林 der Ausgabe im Obergeschoss. Der Titel lautet gleich 追忆似水年华 und der Untertitel 在斯万家那边. Das erste Zeichen ist gegenüber der taiwanesischen Ausgabe verändert, hier „geht“ man nicht nach Swann hin, sondern es „ist“ auf der Seite von Swann. Meine, Speck habe Schwann gesagt. Moi, ich blieb beim banausigen Ssswann.

Seltsamst war ein Brief in deutscher Sprache angeblich von Marcel. Sein Name in Schreibschrift in die linke obere Ecke gedruckt. Schon der Neunjährige habe also mit seinem Namen bedrucktes Briefpapier besessen, so Speck. Der Brief datiert von Februar 1881. In Sütterlin beginnt er mit „Geliebte Großmutter / Ich wünsche dir viel Glück zum Geburtstag“ und vielleicht noch drei- oder viermal so viele Worte mehr. Die Handschrift sieht ganz anders aus als Prousts „Sauklaue“, wie Montesquiou mal festgestellt habe. Zum schönen Vergleich ist auch Montesquious eigene Handschrift ausgestellt. Sagte nichts außer Oh und Ah, frage mich aber, ob’s nicht ein Lackmustest gewesen. Da ich’s schluckte, nicht das Sesam sprach, blieben vielleicht „wahre“ Schätze mir verborgen?

Etwas überzeugender eine ganzseitige farbige Illustration – wie eine Karikatur – vom Bruder Robert, wie er eine herausoperierte Prostata in der Hand hält. Sein Gesicht dem Original ähnlich. Vom Vater ist ein dickes Hygienewerk ausgelegt, der Traité d’hygiène.

Mein Highlight die Erschießung des Figaro-Herausgebers Gaston Calmette durch Mme Caillaux, Frau des Finanzministers, dem Calmette ans Bein gepinkelt hatte. Never ever davon gehört. Dafür kam Dreifuß nicht vor. Manchmal fürchtet man, einem wissenschaftlichen Scherz aufzusitzen. Jedenfalls ist die Figaro-Ausgabe von Mardi 17 Mars 1914 zu sehen, die titelt „Assassinat de Gaston Calmette“. Und der Titel der L’Illustration von Samedi 21 Mars 1914 zeigt eine Lithographie, die Mme Caillaux in Mantel und Muff zeigt, wie sie auf die Audienz bei Calmette wartet. In dem Muff verbarg sie die Pistole. Die Bildbeschriftung lautet: „L’Attente / Mme Caillaux, un revolver dans son manchon, attend M. Gaston Calmette au « Figaro », le 16 mars, de cinq heures à six heures et quart.“

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