Handkes Dankesbrief

In der Doku „Griffen“ von Bernd Liepold-Mosser über Handkes Geburtsort liest die jetzige Lehrerin der dortigen Schule Handkes Dankesbrief von 2005 für eine Lesung von Handkewerken durch Griffener Schüler vor.

handkes_dankesbrief

Der Brief geht so:

Liebe Frau Pleschiutschnig.

Es ist nun an der Zeit, dass ich mich für die gute und schöne Stunde in der Hauptschule von Griffen – Klammer – elf Tage ist es her – Klammer zu – bei Ihnen und den nicht wenigen anderen bedanke. Vieles habe ich zu wenig wahrgenommen, den Baum mit den Büchertiteln zum Beispiel, und überhaupt die Schule selber, und das genau so zählende Drumherum. Leider war ich etwas fieberkrank. Doch im Nachhinein blüht und leuchtet einiges auf, für das ich im Moment dort nicht die rechte Geistesgegenwart hatte. Es leuchtet, wenn ich etwa das Brot von Griffen morgendlich anschneide oder fitzle, an ihm rieche oder schnuppere. Und einmal hab ich am Abend auch schon am Hausbrand genippt. Naja, ein bisschen mehr als genippt.

Jedenfalls Ihnen, den Kindern, den Lehrern Dank und alles Gute, nicht nur für den Frühling, der es doch wohl vor Ostern etwas grünen lassen wird.

Ihr Peter Handke.

Beim „genau so zählenden Drumherum“ stockt sie etwas, bewältigt es aber. Beim Anschneiden des Brotes, wieso da was leuchtet, ist die Hürde zum Verständnis zu hoch. Beim Alkohol dann löst sich natürlich die Fremdheit und’s menschelt. Das Grünen des Frühlings vor Ostern schon macht dann wieder Schwierigkeiten, des gewundenen Satzbaus halber. Und rein technische Hürden freilich die Handschrift.

Die andern Griffener lesen Handke nicht. Besonders „Wunschloses Unglück“ kennt man und schätzt man natürlich nicht. Die Wahrheit sei anders gewesen. Ein Griffener wundert sich, dass H. „Die Angst des Tormanns vorm (sic) Elfmeter“ geschrieben habe, wo er doch nie Fußball gespielt habe. Einer sinniert drüber, wenn die halbe Menschheit wäre wie Handke, Außenseiter. Einer erzählt, dass Japanerinnen kämen H.s Geburtshaus zu fotografieren. Liepold-Mosser kann’s kaum glauben. Die Schulbibliothek natürlich hat Bücher von Handke und auch in der Dorfbücherei stehen welche:

handke_bücher_in_der_dorfbibliothek

Den Untertitel fragt Liepold-Mosser zwei Kinder, die er in der Bücherei antrifft.

2 Antworten to “Handkes Dankesbrief”

  1. Gregor Keuschnig Says:

    http://www.satt.org/film/12_10_griffen.html

    Der „Dankesbrief“ von Handke an den Regisseur ist nicht mehr online. Er ist aber sehr sprechend.

  2. Gregor Keuschnig Says:

    Ha, doch noch gefunden! Hier – Seite 5 – ist der Brief von PH an BLM abgedruckt (Achtung: pdf-Dokument): http://stadtkinowien.at/media/uploads/filme/648/stadtkino_506.pdf

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: