Demokles

Morgens in der Stadtbahn unterhielten sich zwei Lehrerinnen. Erst ging’s um Sitzplan und Setzpolitik und was gerecht wäre, auch wenn man Fabian dann leicht übersehen könnte in seiner Ecke da hinten. Die ältere unterrichtet Biologie in einer 9. Klasse. Die jüngere sprach von Donnerstag als Demoklesschwert. Da muss sie wohl Zeugnisnoten fertig haben. Das Gespräch lief weiter und ohne Zusammenhang und auf etwas anderes gerichtet benutzte die ältere dann selbst die Metapher mit richtigem Vokal. Hat die jüngere, skandinavischer Typ, wimpernlos, Rot und Weiß ihres Gesichts Hauptfarben, vielleicht an Demokratie gedacht?

Eigentlich hatte ich die Pendelzeit lesen wollen. Doch ihr Gespräch zog meine Aufmerksamkeit vom Gerät ab. Ich schaute drauf, aber las nicht. Dann sprach mich auch noch ein kleiner Mann, der mir gegenüber saß – er sah aus wie vielleicht ein Kulturredakteur vom Rundfunk, gediegen gekleidet, kurzer, blonder Kinnbart als eigene Note, ein wenig Junge geblieben und warm eingepackt -, an. Ob das ein Translator sei? Aufgeschreckt musste ich mich sammeln, aber mir gelang noch halb eine geordnete Antwort: „Ein E-Book-Reader.“ Dachte, es wäre vielleicht noch eine Erklärung fällig. „Hab was Chinesisches draufgeladen.“ Halb hatte ich geschwankt, ob nicht besser den deutschen Begriff verwenden. Buchlesegerät klingt nicht schlecht, finde ich, aber ist nicht so etabliert. Hatte den Ausschlag gegeben, dass ich mit englischer Bezeichnung weitermachte, wie er eingeführt.

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Die beiden Lehrerinnen verpassten ihre Haltestelle. Gab ein Gelächter, als sie die Fassaden um den Neumarkt in Bewegung gesetzt erkannten. Bald hatten sie eine andere Route ausbaldowert und der erste Vorschlag wieder zurückzufahren war vom Tisch. Ich hörte Hohe Pforte, als die ältere von früher erzählte. Was immer das ist in Köln. Da ich daher wusste, dass sie die nächste aussteigen würden, erhob mich zeitig, um sie bequemer herauszulassen von ihren Fensterplätzen und drehte nicht nur mein Gesäß und damit die Knie um neunzig Grad, wie es gang und gäbe ist in diesem Bahnmodell. Lehrerinnen haben Respekt verdient und Unterstützung. Glaube die kleine Geste ist auch angekommen.

Einen Stichtag mit dem Damoklesschwert zu bebildern, ist aber fraglich. Mich brachte das so durcheinander, dass ich die Geschichte dahinter nachschlagen musste. Hatte nur ein Schwert, das gefährlich nur an einem dünnen Faden über einem hängt, im Kopf, aber nicht warum und warum es nach Ablauf einer Frist fallen wird. Stellte mir kurz eine Kerze vor, deren Flamme den Faden durchsengt, aber verwarf es gleich wieder ohne Hoffnung, dass ich die Umstände dahinter würde erraten können. Muss man nachgucken. Tatsächlich stellte sich dann heraus, dass ich die Geschichte dahinter vielleicht nie gewusst habe. Allein das Bild der beiden Dinge hatte sich eingegraben. Drohendes Ungemach, das einem Genuss vergällt, sich auf einem schmalen Grat bewegen, Drahtseilakt. Muss man sich besser spät als nie jetzt endlich mal merken.

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