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Mir gefällt es, wie Libbys Locken sich mit den meinen mischen und ihnen gleichen, bloß dass sie in andere Richtungen verlaufen und hassenswert sind.
(Ann Cotten, Florida-Räume, S. 110)

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Bis(s) zum Ende vom Cocker. Vielleicht muss man Schopenhauer gelesen haben. Aldi Hunde, man fühlt sich pudelwohl (FR 110.13) und Sch. der Lieblingsphilosoph des Okapis (FR 94.-10).

Schön ist die Textur im Abendlicht am Ententeich (FR 103). Der Hundeheld liest ein Blatt Papier, das auf dem Boden liegt und auf dem was erzählt wird. Die Geschichte interessiert uns nicht, aber schnell geht’s in den Körper des Textes hinein. Auf weißem Blatt sind es „schwarze Charaktere“. Die ungewöhnlichen Charaktere – mein anthroposophischer Kollege, der selbst schreibt, Lyrik wie Prosa, und bei bod.de veröffentlicht, findet das gesucht. An anderer Stelle gibt es sehr wohl Buchstaben – lassen mich aufhorchen. Findet sich ein autobiographischer Bezug? Chinesische Schriftzeichen heißen auf Englisch characters und Cotten, finde ich, war 2008 in Japan. Sind diese Charaktere vielleicht von Kanji inspiriert? Doch wir entscheiden uns, dass die Dichterin, die keinen Doppelsinn unausgebeutet lässt, es zugleich auf die Buchstaben wie die Figuren der Geschichte, welche die Buchstaben verlebendigen, bezogen haben will. Nun verschwinden auch die Buchstaben und der Blick liegt auf dem Blatt. Die untergehende Sonne teilt winzige Erhöhungen in einen kalten blauen Schattenhang (chin. 阴 yīn, alt 陰 geschrieben) und einen orange (so irrt unsere Erinnerung, eigentlich peinlich!) leuchtenden Sonnenhang (chin. 阳 yáng, alt 陽 geschrieben). Was wir Erhöhungen genannt haben, nennt sie „Textureinheiten“. Wir schauen uns ein Blatt Papier an, keine Buckel, keine Schlaglöcher. Wir halten’s gegen’s Licht und sehen Wolken. Wir blicken wieder drauf, keine Struktur zu erkennen. Zu Zeiten von David Séchard wurde Papier aus Lumpen gemacht. Wären die Lumpen noch Stoffe, könnte Papier noch Struktur haben wie ein Gitterrost. Doch Heßlings Holländer hat die Lumpen ausgeschlagen, da ist Struktur vorsätzlich in Fasern aufgebrochen worden. Auch wenn es uns also nicht so recht nachvollziehbar ist, ist das Bild draußen in der Natur schön.

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Dem anthroposophischen Kollegen die Erwähnung Rudolf Steiners (FR 85.-7) gezeigt. „Naja, den Namen hat sie zumindest schon mal gehört.“, schmunzelt er. Meine Erwartung, er blätterte drin, um als Arbeitskollege zu sehen, wie sie Lyrik handhabt, wurde enttäuscht. Nach dem einen Satz gab er mir den Band schon wieder zurück. Lyrik verkaufe sich fast gar nicht, er. Am besten liefen noch seine anthroposophischen Büchlein. Da ist er Fachmann, ergänze ich im Kopf.

Ein ähnlich schönes, konkretes Bild wie das Blatt im Abendlicht ist ihr Gegenentwurf zur „Zentralperspektive des Verfremdungseffekts“ (FR 67.-1): eine alternd milchig werdende Plexiglasscheibe. Zwei Mitten hat sie, weil sie von zwei Seiten her betrachtet werden kann. Aber das solltet Ihr selber lesen. Schöne Erkenntnis: „Es gibt nur halb so viele [Scheiben], wie man glaubt.“ (FR 125.-3)

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Was ist ein Florida-Room? Wiki hat uns in die Irre geführt. Es verweist auf Arizona-Room und wir verstanden’s als Gegenteil. Dieser ein verglaster Aussichtsraum, geschützt vor Hitze und Mücken, ergo jener ein offener Innenraum wie ein Atrium. Die Google-Bildersuche aber zeigt was wie Wintergärten ohne Pflanzen. Im Cocker scheint es, wenn nicht als Metapher verstanden, eine verglaste Tribüne zu sein. Einmal (FR 137.8) wärmt ein Heizstab den Floridaraum, gespeist vom Herzen der feurigen Dichterin im Keller. Wenig weiter hilft dieses im Salon Littéraire. Einmal (FR 124.-1) „dieses“ Florida-Room (aber nicht ganz sicher, das Demonstrativpronomen könnte man, wollte man, auch auf ein allgemeines „es“ im Sinne eines Geschehens verstehen), sonst generisch maskulin. Wir erinnern uns, wie wir vor Jahren die sehr fähige Kommunikationsverantwortliche der Internetklitsche fragten, ob es der, die oder das Workspace heiße. Sie erläuterte uns, dass man das Geschlecht der Entsprechung im Deutschen entnehme. Was aus der hochgewachsenen Vera wohl geworden ist? Zwar heißt das Buch Hmhmhm-hmhm, aber im Cocker: „Etwa beschlossen wir, Florida-Rooms zu sagen und nicht Florida-Räume. Warum? Weil man es besser heulen kann.“ (FR 132.-3)

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Verliebt in die Sprache ist die Cotten. Mal (FR 136.9) stabreimt sie: „Provinzschönheit, die mit zwei Sätzen Proust protzt“. Mal (FR 190.7) heißt es: „Eine Kraft, kraft welcher“. Eine nimmt einen aus/an/auf (FR 97f.). Reime fallen im Fluss der Prosa auf. Uns ist es manchmal zuviel, so kalauert sie „Bob Tale“ (FR 122.9). Und ganz überraschende Sprachspiele wie die Kombi einbläuen und ich weiß (FR 129.-4). Viel wirft sie mit Namen. Wir freuten uns, dass sich jemand an Johannes Itten erinnert. Die Odyssee des Hundes durch Berlin, sein Lauf, erinnert an den Salon Sucre der Torik. Der Morgenmantel des Schrebergärtners am Ende an Buck Mulligan. Mut ein zentraler Begriff im Text, aber mit Unmut Neomurr gelesen, denn auf Hoffmanns Kater war man schon vorher gekommen.

Das Lesen dieses Textes lohnt auf jeden Fall. Er breitet sich auf 92 Seiten aus. Cotten verpackt Theorie in eine rasante Story. Unser Rostrum stößt an viele schöne Konkreta. Ob die Theorie haltbar ist, können wir als Nichtphilosophen nicht entscheiden, ob es eine Theorie überhaupt ist, gar nicht. Und nicht -splitter. Auffiel uns die Idylle am Ende, die etwas Neues reinbrachte. Etwas, das man als Zugewinn – zum Kopf Herz dazu – verstehen kann oder als deprimierendes Sichfügen. Damit sind wir noch nicht so ganz fertig. Übrigens im Zuge dieses Schrebergartenidylls (ist das Herrchen vielleicht der Torsten Werckescheidt des Herausgebernachworts?) ein schöner Realismus: „Vom Amt, steht da, Ihr Zeichen – leer – Mein Zeichen – eine Zahl, und dass sie, um Zeit und Geld zu sparen, manchmal mehrere Briefe am Tag schicken.“ (FR 151).

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(Oben schrieb ich, sie handhabe Lyrik. Zu meinem Bedauern bleibt die Hand jedoch bislang in ihrem Werk (Stand Seite 190) eine Leerstelle. Körper kommt vor. Die Läufe des Hunds. Aber die Hand kommt zu kurz. Das Wunder der Hand als Werkzeug des Begreifens.)

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