Beschreibungsnot

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Nach der Brillanz der gedanklichen Achterbahnfahrt der Ann Cotten in Chaves‘ bedächtiges Werk gestürzt und erst so ziemlich drin gepurzelt. Mit Rasanz über Wörter hinweggelesen, die sich nicht direkt erschlossen, übers Ziel hinausgeschossen, gestockt und zurückgelesen. Es benötigte Stunden oder ein, zwei Tage zum Ausbremsen. Nun eingependelt auf den langsameren Rhythmus und – was Wunder – wieder begeistert.

Jonathan Chaves, Professor an der George-Washington-Universität in Washington D.C., hat eine Landschaftsschilderung von Wang Hongdu (汪洪度, 17. Jh.) über die Gelben Berge (黄山) in der Provinz Anhui (安徽) komplett übersetzt, ergänzt um umfangreiche Einleitungen und einen Apparat. (Auch dieses Buch wie Cottens 20 € gekostet.)

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Eine Anekdote, die Wang erzählt, soll hier Thema sein. Im Abschnitt „An Account of the Cloud Oceans“ heißt es, aus Chaves‘ Übersetzung so einigermaßen ins Deutsche übersetzt:

Weiter habe ich gehört, dass einstmals ein Tourist hier am Fenster saß, seine Tusche anrieb und mühsam an Gedichten feilte, als plötzlich eine Wolke durchs Fenster herein ins Zimmer flog an seinen Schreibtisch heran, die Tinte völlig aus ihrem Fass sog und sich verzog, das Tintenfass so trocken wie ausgewischt hinterlassend.

Interessieren täte das Original. Chaves hat „flew“ für die Wolke, nicht „floated“. Heißt es im Original wirklich 飞? Die Bibliography nennt als Quelltexte Wang Hongdu. Huangshan lingyao lu 黄山领要录 („Comprehending the Essential of the Yellow Mountains“). Handwritten MS dated 1775, held by the Anhui Provincial Library, Hefei. Das nächste Item ist _____________. Huangshan lingyao lu. Printed edition in Zhibuzuzhai congshu 知不足斋丛书. Die Anthologie 知不足斋丛书 lässt sich zwar finden, sie ist vor 1813 erschienen, und ihr Band 19 führt den Text auf, den wir suchen. Doch im Internetz ist er nicht zu finden und eine Bestellung des Printwerks über chin. Websites wagen wir nicht. Eine Verkaufsseite eines Nachdrucks von 1921 hat eine Vorschau mit ein paar ausgewählten Seiten abgebildet, allerdings zugepflastert mit Wasserzeichen. Die Seiten 1, 2, 3, 4, 5, 10, 20, 30, 40, 50 zeigt sie. Zu schön, um wahr zu sein, wäre es gewesen, wenn unsere interessierende Stelle darunter gewesen wäre.

Interessant aber vielleicht auf p. 30, dass Gedichte nicht abgesetzt in den fortlaufenden Text gesetzt sind. Die vorletzte Spalte beginnt mit:

壁有诗二首
紫??中便赤脚
白龙潭上看青山
药炉丹井知何处
三??峰烟月寒

何年白日骑鸾鹪
踏……

Auf der Tempelwand gibt es zwei Gedichte:

Im Purpur ? ? kann man bequem barfuß gehn
Über dem Teich des Weißen Drachens die grünen Berge sehn
Die Kräuterpfanne und der Elixierbrunnen, weiß man, wo sie sind?
Über dem Dunst der drei ? ? Gipfel steht kalt der Mond.

Und:

In welchem Jahr ritt am hellen Tag den Phönixvogel
Trat …

Der Teich des Weißen Drachens ist eine Sehenswürdigkeit in den Gelben Bergen. Das überübernächste Kapitel handelt von ihm. Kräuterpfanne und Elixierbrunnen sind Werkzeuge des Laozi, der im alchimistischen Daoismus damit Unsterblichkeitspillen herstellte. Den Phönix reiten können Unsterbliche, die es geschafft haben irdische Begrenztheiten zu überwinden.

Sie sind hier angekündigt mit „Gedichte zwei Stück“ (诗二首) und gehen dann so lang, bis die Parallelführung (Zeilen à 7 Zeichen) endet – und zweitens muss eine gerade Zeilenzahl erreicht sein.

Auch Wang Hongdu gibt keine Quelle an. Man sollte nach Schlüsselbegriffen suchen wie 砚 yàn Tuschereibstein, 云 yún Wolke, 客 kè Gast, Besucher, Reisender, Passagier und hoffen eine parallele Überlieferung der Anekdote zu finden. 客 kè derselbe wie zwei Kapitel später in 祥符寺 Xiangfu si, Temple of the Auspicious Token am Ende in der Auflistung der drei Typen von Vögeln dort. Bei der Lektüre denkt man an Darwin oder Forster. Der erste Typus rottet sich zusammen, wann immer ein Gast oder Tourist sich nähert, und schreit im Chor: 客到,客到。 Kè dào, kè dào. Ein Gast ist gekommen, ein Gast ist gekommen.

Zuvor im Kapitel schreibt Wang, wie sich Wolken in diesen Bergen bilden, ballen und verziehen. So ausführlich tut er es, man denkt an Goethes Howard. Ob es wissenschaftlich haltbar ist, ist freilich fraglich – für manche: fragwürdig. Als Kristallisationskeime macht er Felsspitzen aus. Sein Blick von höchsten Gipfeln aufs Wolkenmeer à la Pétrarque.

Wie ein Wesen weht die Wolke hinein. Stimmt das „flew“, handelt sie aktiv. Bemerkt die Beschreibungsimpotenz des Poeten und saugt sein Tintenfass leer, um ihm zu sagen, versuche nicht zu beschreiben, schaue! Schön, wie sie so sorgfältig den Reibstein auswischt, wie es ein Mensch täte, und kommentarlos wieder verschwindet, verba ne decuerunt. Ohne dass es ausgesprochen wird, sieht man sie als weiße kommen, die grau wieder geht.

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