Metafiktion

Nicht twittern!
(Pindar)

Germanistisch gebildete Literaturkritiker finden immer ganz toll, wenn ein Roman sich selbst zum Thema macht. Daran haben Seminare ihre Freude, denn wenn Theorie, die sie mühsam abgeleitet und erarbeitet haben, künstlerisch gestaltet ist, ist das ein Mehrwert. Und die Ironie, die darin steckt, schreibt ein Roman, hey, ich bin doch nur ein Roman, macht ihn so schön leichtfüßig.

Kinder sind anders. In seinem Roman „Der Überdruss“ (生死疲劳) erzählt Mo Yan (莫言) bzw. sein Ich-Erzähler am Ende des 12. Kapitels, übersetzt von Martina Hasse:

父亲说到这里就停了,我感到很不满足,就追问:后来呢?

Vater erzählte bis dahin und nicht weiter. Mir hatte es sehr gefallen und ich fragte: „Papa, und dann, wie geht es weiter?“

Kinder wollen keine romantische Ironie, sondern die Geschichte soll eine Geschichte sein, also wie wahr, und zu einem anständigen Ende kommen. Die meisten Leser, denke ich, wollen das auch. Aber manche Autoren wollen lieber als beim Leser in sonnenlichtfernen Seminaren reüssieren. Was gewinnen sie damit? Die Anerkennung von Ihresgleichen, wenn’s hochkommt. Bewunderung und Neid, darauf zielen scheinbar manche ab, nicht Genuss bei Otto Normalleser. Rückschlüsse auf Persönlichkeitsdefizite lassen sich vielleicht ziehen.

Aus eigenem Leseerleben kann ich sagen, dass mir vom Dandy Tristan kaum was hängengeblieben ist – außer einer Gartenszene mit einer Nachbarin – und sich Pepys‘ Diary mit dem Londoner Brand tiefer eingegraben hat. Anders als Romanisten, die begeistert sind, dass C. seinen Mann statt nach Saragossa nach Barcelona gehen lässt, fällt mir der 2. Teil doch ab gegenüber dem ersten. Rayuela nur einmal von vorne nach hinten gelesen. Nur bei Jean Paul macht das Meta manchmal Spaß, aber mir fällt jetzt gerade kein Beispiel ein. Oder Hoffmanns Murr.

Was eigentlich ist aus Wolf Haas‘ Missionarsstellung geworden? Hat ein Literaturwissenschaftler sich die chinesische Passage mal übersetzen lassen? Darin schreibt er ja, warum er sie fremdsprachig eingerückt hat. Ist denn niemand von den Kulturheroen mal zur Universität gegangen und hat sich gegen ein kleines Zubrot den Text von einem/r Auslandsstudierende/n (留学者 liúxuézhe) übersetzen lassen? Ich fürchte fast, nicht. Andersherum frage ich mich natürlich, wen Haas mit der Hinübersetzung beauftragt hat. Hat er denn den/die Dienst/e eines/r Studierenden in Anspruch genommen und sie so gefördert oder ein Büro beauftragt? (Hab ja eher @frautravnicek😉 im Verdacht) Ob Haas zufrieden ist mit der verpufften Wirkung, wäre auch mal interessant zu erfahren. Die Passage beginnt – sehr schlecht rückübersetzt – ungefähr so:

Die vorige Passage habe ich zu Anfang nur geschrieben, um sie von jemandem ins Chinesische übersetzen zu lassen. Der Inhalt ist ganz ohne Belang, wichtig ist nur der Effekt, dass der Text, während der Infekt der beiden sich verschlimmert, langsam ins Chinesische kippt. Deshalb habe ich jene Zeilen extrem schnell geschrieben. Ich weiß noch, dass das Treffen mit der Übersetzerin schon verabredet war. Erst in der Stunde vor dem Treffen hackte ich den zu übersetzenden Text in den Computer. Weil der Übersetzerin mysteriöserweise das Leistenband gerissen war, konnten wir als Treffpunkt nur eine U-Bahn-Station ausmachen. Ich schlug ein Kaffeehaus mit Außengastronomie vor, das nur wenige Schritte vom Eingang einer U-Bahn-Station entfernt ist. Ausgerechnet in der Stunde vor dem Treffen aber drohte ein Gewitter. Weil ich nicht wie geplant mit dem Auto zum Treffpunkt kommen konnte und nicht zu spät kommen wollte, musste ich nun noch schneller schreiben. Der Inhalt des Textes war ja ohne Belang. Außer dass er ins Chinesische übersetzt werden sollte, um den Menschen unverständlich zu sein, hatte er keine weitere Funktion. Deshalb ging mir das Schreiben natürlich besonders flüssig von der Hand. Aber die Erinnerung an den Taxifahrer wurde immer klarer und schließlich fand ich es schade um die Worte, die er vorbrachte [es ist eine Kürzesterzählung von Kafka, die der Taxifahrer auf S. 145 unten spricht: der Wunsch, Indianer zu werden]. Im Ergebnis blieb diese Passage auf Deutsch stehen. So konzentrierte ich mich, ließ mich weitschweifiger schreiben und platter plaudern, damit ich nicht ein zweites Mal etwas zurückzunehmen hätte. Aber wieder fand ich den Text auf Chinesisch ins Buch zu bringen zu schade. So flocht ich von neuem eine Füllpassage ein, die außer ihrer Unverständlichkeit für mich und den Großteil meiner Leser keine andere Funktion hat. So wurde und wurde ich nicht fertig. Ich geriet in eine unendliche Geschichte hinein, und das mir, der ich dicke Bücher ungern lese.

Ist die unendliche Geschichte (永远到不头儿的书) denn eine Anspielung auf Ende? Wahrscheinlich bestimmt. Meine Übersetzung ist grottenschlecht, sogar logische Lücken bleiben. Aber zu mühsam, sie, die vom 10. November 2012 stammt, zu überarbeiten, nur manches schnell geglättet, ohne gründlichen Blick in die Seite 146 hinein. (Schön wäre ja, würde Haas seine Urschrift hier als Kommentar anhängen😉 )

Und wenig später heißt es unten auf S. 146: „文字让人看不懂有个大好处,就是你可以肆无忌惮,写一切平时不准自己写的东西。 Ein Text, den Menschen beim Lesen nicht verstehen, hat einen großen Vorteil: Du kannst ganz hemmungslos sein und alles schreiben, was du normalerweise dir nicht zu schreiben erlaubst.“

Aber Schluss mit Haas. Denn sogar Hesiod schon bespricht Fiktion und Wirklichkeit in den Sechsfüßern Thassilo von Scheffers:

So begannen zu mir zuerst die olympischen, hehren
Musen zu reden, die Töchter des aigisschwingenden Gottes:
„Hirten vom Lande, ihr Lumpengesindel und lediglich Bäuche,
Seht, wir reden viel Trug, auch wenn es wie Wirklichkeit klänge,
Seht aber, wenn wir gewillt, verkünden wir lautere Wahrheit.“

Und Pindar via Eugen Dönt in der neunten olympischen Ode ermahnt sich: „Fort mit dieser Rede, mein Mund! Denn Götter zu schmähen ist eine feindselige Kunst. Auch zur Unzeit zu prahlen hört sich wie Wahnsinn an. Sprich jetzt solches nicht aus.“

F. H. Bothe übersetzte:

Hinweg wirf solche Reden, o Mund, mir!
Die göttlichen Mächte schmähen ist hassenswürdige Kunst,
Und Ruhmreden über das Maß stimmt
Zu der Rasenden Tun allein. Drum nicht mir gezwitschert also!

Unsere eigene Erfahrung ist, dass Geschichten als fiktional wahrgenommen werden, aber man tut so, als glaube man sie. Thematisiert sollte das aber besser nicht werden, man fühlt sich sonst wie in der Schule und weicht auf Filme aus.

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