Abstrakte Landschaft (Forts.)

Ein Knabe hat Zhao und Zhu bei ihrer Arbeit von draußen her durchs Fenster beobachtet. Zhao geht raus: „Sanjiao, komm rein!“ Schüchtern kommt sein Enkel herein und kann den Blick nicht von den in unterschiedlichen Grautönen getönten Waben lösen. „Wie habt ihr das gemacht, Meister der Mathematik Zhu und Großvater?“

Zhu erklärt es ihm. „Ni kan, schau her, wie diese Wabe ihre Farbe erhält.“ Er nimmt roten Siegellack und lässt ein paar Tropfen in die Mitte einer Wabe fallen. Dann zieht er drei feine Linien zu den Rändern hin:

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„Die Farbe der Wabe hängt von den Trigrammen an den Enden der Linien ab. Es sind hier ☴ Sun, der Wind, ☶ Gen, der Berg und ☵ Kan, das Wasser. Drei Trigramme machen neun Striche. Du zählst die Anzahl der Yangstriche. Welches ist ein Yangstrich?“ „Ein durchgezogener.“ „Richtig. Sagen wir, du findest wie hier vier Yangstriche. Bei neun Yangstrichen soll die Wabe vollkommen weiß sein, bei null zappenduster. Wie kriegst du raus, wie hell sie bei vier Yangstrichen ist?“ „Mit einem Dreisatz?“ „Korrekt. Die Tönung zwischen 0 und 100 Prozent ist y/9, bei vier Yangstrichen also 4/9 ~= 44,4 Prozent. Hast du das verstanden?“ „Ja.“ „Willst du es mal versuchen?“, fragt sein Großvater. Sanjiao nickt bestimmt. „Weißt du, wie man mit Schafgarbenstängeln lost?“ „Ja.“ „Dann leg mal los! Am Papier und der Tusche darfst du dich frei bedienen.“

Zhao geht noch mal in die Kochecke, um neuen Tee aufzusetzen. Zhu denkt, was für ein kluger Knabe. Er denkt an seine eigene Jugend zurück. Beflissen zieht Sanjiao die Schafgarbenstängel und notiert, ob sie einen Yang- oder einen Yinstrich ergeben. (Notiz an manche: es heißt Yang (阳), aber Yin (阴) und nicht Ying (鹦)!) Dann malt er die Waben aus. Zhao und Zhu sprechen über alte Zeiten, vergessen die Zeit und als der Mond schon hoch am Himmel steht, erst schrecken sie auf. „Sanjiao, du bist ja noch immer ins Malen vertieft!“ „Ja.“

Vierzehn Bilder hat der Knabe gemalt:

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Nachdem Zhu stichprobenartig ein paar Waben kontrolliert hat, sagt er: „Du arbeitest sehr genau, Junge. Respekt!“ Sanjiao: „‚Respekt!‘ darf kein Älterer zu einem Jüngeren sagen. Das ist ein falscher Name. Konfuzius sagt: ‚Aus falschen Namen entstehen verkehrt gebrauchte Wörter. Verkehrt gebrauchte Wörter lassen Angelegenheiten schief stehen. Stehen Dinge schief, gehen Höflichkeit und Musik den Bach runter. Gehen Höflichkeit und Musik den Bach runter, leidet das Gesetz und die Justiz geht fehl. Ist das Gesetz im Arsch und die Justiz fehlt, wissen die Leute nicht mehr Hand noch Fuß zu regen.‘ Respektieren tun Jüngere Ältere, nicht vice versa.“ Betroffen schweigen Zhao und Zhu und ihre Münder stehen offen. „Respekt!“, sagt Zhu.

„Wie willst du deine Bilder nennen?“, fragt der Maler Zhao. „Am liebsten Untitled 1 bis 13.“ Zhu: „0 bis 13, denn es sind 14!“ Gemeinsam überlegen sie Titel, um die Kunstsachverständigen zu pampern, und kommen auf:

1. Dunkel im Dickicht der Bambuswälder 2. Schattengrün verglüht der Pfad 3. Licht, das leuchtet, illuminiert Buddha 4. Im Schatten dunkler Mädchenblüte 5. Heller Sand, den Xuanzang fand 6. Drei Brombeeren übereinander 7. Sand, und Sand, und ein wenig Laub 8. Der Rucksack der Mary sticht hervor 9. Perfekt symmetrisches Bild einer Uferszene 10. Manche Menschen wirbeln Staub der Unruhe auf 11. Alles wieder ruhig 12. Im Dunkel der großen Blätter ist gut Munkel 13. Sieh, da, links! Der helle Glitzer leuchtet allen ins Aug! 14. So gemessen endet Strandurlaub. In der Dämmerung endet jedes Farbzäpfchen ähnlich.

Sanjiao fragt: „Ihr habt euers ‚Gelbe Berge (kieferlos)‘ genannt. Warum nur Landschaften?“ Zhao führt aus: „Seit Jahrhunderten malen wir Landschaften. Berge und Wässer (= Landschaften) sind vom Himmel geprägt und währen länger als wir Ephemeriden. Erst Sengai wird Menschen malen und Castiglione den Kaiser. Andere werden Blumen und Vögel malen, mal ein Streitross des Kaisers. Palastanlagen werden in Kavalierperspektive visualisiert werden. Chagall wird ein Pferd fliegen lassen wie die Maler von Dunhuang Wesen. Cézanne wird den 圣胜利山 malen und Picasso Frauen – oder nur ihre Idee?“

Sanjiao hat seiner Kunstgeschichte gelauscht. Doch nun erst kommt Zhu zur Crux seiner Ausführung: „Mit dem Zufall allein ist es nicht getan. Du bist sehr fleißig gewesen, hast dem Himmel sein Votum abgelauscht und es exakt in die Bahn (andere mögen sagen: den Weg 道) des Malers überführt. Ist dir bewusst, Sanjiao, dass du ewig so weiter machen könntest?“ „Ja, aber es ermüdet mich. Es scheint zufällig mal so, mal so auszugehen.“ „Das ist korrekt. Denk an 法矛硬. Glaubst du durch Wiederholung einer Wahrheit mehr auf die Spur zu kommen?“ „Kaum.“ „Ist es Kunst, was du machst? Kann es nicht jeder? Ist es nicht Wunst?“ „Jeder, der die Regel begriffen hat, kann dasselbe tun wie ich. Es ist nichts Künstlerisches, Geniemäßiges dabei.“ „Korrekt.“ Sanjiao schweigt. „Was tun?“, fragt Zhu. „Das Künstlertum“, sagt Sanjiao, „muss sich in Auswahl ausdrücken.“ „Korrekt. Jener Borges hat von einer Bibliothek von Babel geschrieben. Du kennst die von Alexandria?“ „Ja. Sie verbrannte.“ „Korrekt. Die von Babel enthält alle möglichen Kombinationen von Buchstaben, als wäre Raum unendlich.“ „Man liest viel Unsinn?“ „Überwiegend. Das meiste, allermeiste ist Unsinn. Es mag auch mal ein Shakespeare drunter sein, aber wie ihn erkennen? Gehen wir von Shakespeare aus, suchen wir ihn, ein Leichtes. Suchen wir aber ein Meisterwerk à la him, nach welchen Kritierien sollen wir zwischen knapp daneben und genial unterscheiden?“ Sanjiao überlegt. „Einen Romeo, dessen Heldin Julian statt Julia heißt, würden wir akzeptieren.“ „Nicht alle.“, schreitet Zhao ein. „In Dunkeldeutschland mögen sie Homoehen nicht.“

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