Lenčo über Literaturkritik

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Der Slowake Ján Lenčo (1933 – 2012) spottete über Literaturkritik. Gegen Ende seines Romans „Das letzte Kollegium“ von 1978, erschienen 1981 beim Verlag Volk und Welt in der Übersetzung Barbara Šudíks, heißt es ab Seite 343:

Er stellt sich ein ziemlich dickes Buch mit einfarbigem Umschlag vor, mit seinem Namen und dem Titel „Rückbesinnung“. Und er stellte [sic] sich vor, was weiter geschieht, danach, wenn das Buch das Licht der Welt erblickt hat. Er kann sich genau vorstellen, wie das dann in der Realität aussehen wird.

Er begibt sich im Geist wieder von der Konferenz fort und denkt mit logischer Konsequenz zu Ende, was in der angenommenen Situation eintreten wird. Wie ein ausgehungertes Raubtier wird sich die Literaturkritik auf sein Buch stürzen.

Literaturkritik, überlegt Ján Kameník, wie harmlos und zugleich bombastisch das klingt! Wer den wirklichen Stand der Dinge nicht kennt, sieht darin etwas Ehrwürdiges, Seriöses, einen geistsprühenden Intellekt, in dem sich Bildung, Umsicht und ein empfindsames Wahrnehmungsvermögen verbinden. Aber wie weit ist das von der Wirklichkeit entfernt!

Der Ärger, der Kameník überkommt, ist mehr als gerechtfertigt. Literaturkritik … unwillkürlich packt ihn aus Erfahrung gewonnen Unlust. Kaum etwas hasst er so sehr wie die Literaturkritik. Kaum etwas ärgert, reizt und empört ihn so wie diese. Nicht, dass er sie als Ganzes verdammte, Gott bewahre! Er kennt unter den Literaturkritikern viele gebildete und seriöse Leute mit Geist und Urteilsvermögen, die was von der Sache vestehen und an der Literaturentwicklung Anteil haben.

Was Kameník bis zur Unzurechnungsfähigkeit reizt, ist die taube und blinde amorphe Masse bedeutungsloser Rezensenten, die von Literatur noch weniger verstehen als eine Gans vom Bier, in unverschämter Anmaßung die Kulturspalten mit ihren unqualifizierten Ergüssen füllen und als Belohnung für die Beschränktheit fette Honorare einstreichen.

Mit Vergnügen gräbt Kameník in seinem Gedächtnis nach Äußerungen der Großes des Geistes und des Wortes über die Literaturkritik.

Als erster kommt der alte, majestätische Rat Goethe zu Wort: Erschlagt diesen Hund, er ist ein Kritiker! Dann Tolstoi, der den Schriftsteller mit einem schwer arbeitenden Pferd vergleicht und den Literaturkritiker mit einer Pferdebremse, die ihn aufdringlich belästigt, unaufhörlich stört und boshaft irritiert. Dann unser großer Zeitgenosse Max Frisch, der sich in seinem Tagebuch über die Literaturkritik etwa so aussprach: Der Literaturkritiker nimmt eine Kartoffel, schnitzt daraus eine Birne und beweist dann der Öffentlichkeit, dass die Birne schlecht ist.

Diese Aussprüche treffen auf die Mehrheit unserer zeitgenössischen Kritiker und Rezensenten zu.

Kritik … dieser Blutegel, der nahrhaftes, gutes Blut aus den Büchern saugt, der ihnen gierig das lebenspendende Element entzieht, um schließlich trunken und gesättigt von der Literatur abzulassen.

Diese Schnecke, die sich einbildet, der Mittelpunkt der Welt zu sein, der Führer, dem angeblich Hunderte fleißiger Arbeiter des Wortes folgen, die in Wirklichkeit jedoch unglaublich langsam hinter ihnen herkriecht.

Dieser Esel, der glaubt, mindestens ein biblischer Richter zu sein, in Wirklichkeit aber nur ein stumpfsinniges Tier ist, eben ein Esel, der verstockt auf der Strecke geblieben ist und noch verstockter dort steht.

Dieses unförmige und überaus dumme Mammut mit dem riesigen Körper, dem winzigen Kopf und dem noch winzigeren Gehirn, das allerdings im Unterschied zu seinem urzeitlichen Vorfahren nicht einmal so viel Intelligenz besitzt auszusterben und sich bis heute von der menschlichen Dummheit nährt.

Dieser verschreckte Hase, der kopflos über das lebendige Feld der Literatur hoppelt und sich gefräßig von den schmackhaftesten Früchten ernährt, um sie unmittelbar darauf mit primitivem und hysterischem Abscheu wieder auszuspucken.

Im Stillen bittet Kameník den Blutegel, die Schnecke, den Esel und das Mammut [sic: Hasen nicht] um Verzeihung, dass er sie durch den Vergleich mit der Kritik derart beleidigt hat.

Kritik … dieser widerliche Schmarotzer, der verschleiert, statt zu erhellen, der am Komplex des Erlösertums leidet, in Wirklichkeit aber arm und lächerlich ist, der sich einbildet, ohne seine pseudowissenschaftlichen und unqualifizierten Urteile würde die gesamte Literatur ins Verderben stürzen oder zumindest eine falsche Richtung einschlagen.

Kameník ist sich der schädlichen Tätigkeit dieser ungebildeten und im besten Falle halbgebildeten Bande von literarischen Schmarotzern bewusst. Er weiß, dass sie nicht fähig sind, ein Werk so zu begreifen, wie es wirklich ist, in seinen Geist und seine Struktur einzudringen, seine Spezifik und die Logik in der Entwicklung des Autors zu respektieren. Niemals wird er die Angriffe der Rezensenten auf die Zweit- oder Drittwerke seiner Freunde vergessen. Dieselben, die sich mit trunkener Kritiklosigkeit an den Erstlingswerken dieser Autoren begeisterten, zogen ihre weiteren Werke in den Schmutz. In ihrem Größenwahn fixierten sie ihre Vorstellungen auf der Grundlage des ersten Werkes und konnten sich nicht damit abfinden, dass die Autoren nicht mehr diesen Vorstellungen entsprachen, dass sie eine Etappe ihrer Entwicklung überwunden, dass sie nun etwas anderes geschaffen hatten als das, was von ihnen erwartet wurde. Sie wollten nicht begreifen, dass sich diese Autoren weiterentwickelten und differenzierten. Noch viele Todsünden der Kritiker ließen sich aufzählen: Unbildung, Narzissmus, geistloses Herumwitzeln und so weiter.

Eine muss Kameník jedoch noch nennen: die Verabsolutierung eines bestimmten Modemodells der Literatur. Daraus hervorgehend Intoleranz und Verdammung von Farbigkeit und Heterogenität in Namen eines einzigen Typs. Als könnten in dem unübersehbaren Garten Literatur nicht alle Bäume, Sträucher und Blumen gedeihen, als hätten in ihr nicht alle Arten, Typen und Genres eine Existenzberechtigung.

Vor Kameníks innerem Auge taucht wieder das Büchlein mit seinem Namen und dem bescheidenen Titel „Rückbesinnung“ auf. Und er stellt sich vor, was geschieht. Er stellt sich ein Rudel hungriger Wölfe vor, die über das Buch herfallen, es mit ihren scharfen Zähnen zerfetzen und dabei ein perverses Wollustgeheul von sich geben.

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