Gong Gong, der Titan

In Mo Yans Überdruss heißt es auf Seite 400 von 806, Zeile 6 erst sinngemäß und dann wörtlich:

Ein Verrücktgewordener schlägt seinen Kopf immer wieder gegen einen Baumstamm. Normalerweise hält der Schädelknochen so was gar nicht aus. Aber:

但人一旦疯了,头也就变硬了——这就是神话传说中的共工头撞不周山令天柱折地维缺的原因——

Wenn aber ein Mensch verrückt wird, wird er hart im Kopf. Nur deshalb konnte auch der Mythos entstehen, zu dem der taoistische Klassiker Huainanzi vermerkt: „Gong Gong schlägt seinen Kopf gegen den Buzhoushan-Berg. Dadurch brechen die Himmelspfeiler, und die Verankerungen der Erde reißen ein.“
(übersetzt von Martina Hasse)

Gong Gong (共工 gòng gōng, also einmal im fallenden, einmal im hohen gleichbleibenden Ton ausgesprochen) kämpfte gegen den Urkaiser Yao (尧, 2353 – 2234 v.u.Z.) wie ein Titan gegen seinen Vater. Hesiod schrieb ja, in deutsche Hexameter gebracht von Thassilo von Scheffer:

‚Ankam ‚mit der ‚Nacht der ge’waltige ‚Uranos, ’sehnend

‚Schlang er ‚[wohl eher]sich ‚[eher weniger]voller ‚Liebe um ‚Gaia und ‚dehnte sich ‚endlos

‚Weit. Da ’streckte der ‚Sohn [Kronos] aus ’seinem Ver’stecke die ‚linke

‚Hand und ‚griff mit der ‚rechten die ‚unge’heuerlich ‚große,

‚Schneidende, ‚zahnige ‚Sichel und ‚mähte dem ‚eigenen ‚Vater

‚Eilig ‚ab die ‚Scham und ‚warf im ‚Fluge sie ‚wieder

‚Hinter ’sich; ‚[oder hier]sie ent’flog nicht ‚eitel und ‚unnütz den ‚Händen.

Denn draus entsteht die schaumgeborene Aphrodite.

Wikipedia zitiert aus dem Huainanzi:

《淮南子》記載:「昔者,共工与颛顼争为帝,怒而触不周之山,天柱折,地维绝。天倾西北,故日月星辰移焉;地不满东南,故水潦尘埃归焉。」

Einst kämpften Gong Gong und Zhuanxu um die Kaiserwürde. In ihrer Wut stießen sie gegen den Berg des Unvollkommenen. Des Himmels Stützen brachen und der Erde Bindung löste sich. Der Himmel neigte sich nach Nordwesten, weshalb Sonne, Mond und Sterne von ihrem Platz wichen. Die Erde füllte den Südosten nicht mehr aus, weshalb Wasser über staubige Deiche hinweg heimkehrte.

Diese Stelle ist Huainanzi 3.2. Meine Übersetzung äußerst fragwürdig, bitte Notiz nehmen, bene? Aber auch in 1.11 wird er genannt:

昔共工之力,觸不周之山,使地東南傾。與高辛爭為帝,遂潛於淵,宗族殘滅,繼嗣絕祀。越王翳逃山穴,越人熏而出之,遂不得已。由此觀之,得在時,不在爭;

Einst stieß die Kraft des Gong Gong an den Berg des Unvollkommenen, was die Erde sich nach Südosten neigen ließ. Er kämpfte mit Gao erbittert um den Kaisertitel und verbarg sich dann im tiefen Wasser. Seine Sippe ging grausam zugrunde und aller Nachkommen verlustig. Der König von Yue verbarg sich in einer Berghöhle, das Volk von Yue räucherte ihn heraus und seine Dynastie war am Ende. Von da an herrschte die [geschichtliche] Zeit, nicht mehr der [Götter-]kampf.

Der „Berg des Unvollkommenen“, Buzhoushan, ist vielleicht unvollkommen übersetzt.

Im Tianwen (天问), „Der Himmel fragt“ oder Himmlische Fragen, 35 erscheint er (nach Wang Yi, Tang Bingzheng und Li Daming) unter dem Namen Kang Hui (康回):

康回凭怒,地何故以东南倾?

When Kang Hui was enraged,
Why did the earth collapse in the southeast?
(übersetzt von Stephen Field)

Und im Shanhaijing (山海经), dem Buch von den Bergen und Meeren, am Ende des erstes Absatzes von Kapitel 大荒西经:

有禹攻共工国山。

Besides there is the mountain ´Where Yü Attacked the Country of Common Work‘.
(übersetzt von Anne Birrell)

Den sprechenden Eigennamen Gong Gong hat sie hier wortgemäß mit Common Work, gemeinsamer Arbeit übersetzt.

Über das Buch von den Bergen und Meeren hat Tao Yuanming (陶渊明, 356 – 427) geschrieben:

泛览周王传,流观山海图。

Now I turn the pages of the Book of King Chou,
And glance over the Maps of Mountains and Seas;
(übersetzt von Roland C. Fang)

und Lu Xun (鲁迅, 1881 – 1936) auch was: 阿长与《山海经》, eine lesenswerte Kindheitserinnerung.

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Lu Xun schreibt:

一面又在渴慕着绘图的《山海经》了。

Ich wünschte mir sehnlichst eine illustrierte Ausgabe des „Buchs der Sagen von Bergen und Meeren“.

[Denn sein Großonkel mit umfangreicher Bibliothek hatte ihm davon erzählt:]

他说给我听,曾经有过一部绘图的《山海经》,画着人面的兽,九头的蛇,三脚的鸟,生着翅膀的人,没有头而以两乳当作眼睛的怪物,……可惜现在不知道放在那里了。

Mein Großonkel erzählte mir, es gäbe eine illustrierte Ausgabe vom „Buch der Sagen von Bergen und Meeren“, worin Tiere mit Menschengesichtern abgebildet seien, neunköpfige Schlangen, dreifüßige Vögel, Menschen mit Flügeln und Ungeheuer ohne Kopf, die ihre Brustwarzen als Augen benutzen… Leider hatte er es verlegt.

[…]

玩的时候倒是没有什么的,但一坐下,我就记得绘图的《山海经》。

Solange ich spielte, war alles in Ordnung; aber sobald ich stillsaß, fiel mir das illustrierte „Buch der Sagen von Bergen und Meeren“ wieder ein.

[Seine Amme Ah Chang – ihr Name das eine Element des Titels dieser autobiografischen Erzählung und der Buchtitel das andere – fragt ihn aus nach seinem Wunschbuch und drei Wochen später hat sie es besorgt:]

高兴地说道:——“哥儿,有画儿的‘三哼经’,我给你买来了!”

„Hier, mein Sohn!“, sagte sie strahlend. „Ich habe dir dieses Sagenbuch mit den Reimen und Bildern gekauft.“

我似乎遇着了一个霹雳,全体都震悚起来;赶紧去接过来,打开纸包,是四本小小的书,略略一翻,人面的兽,九头的蛇,……果然都在内。

Ich war wie vom Donner gerührt. Hastig griff ich nach dem Päckchen und wickelte das Papier auf. Es waren vier schmale Bändchen, und wahrhaftig, als ich sie durchblätterte, fand ich das Tier mit dem Menschengesicht, die neunköpfige Schlange… nichts fehlte.

[…]

书的模样,到现在还在眼前。可是从还在眼前的模样来说,却是一部刻印都十分粗拙的本子。纸张很黄;图象也很坏,甚至于几乎全用直线凑合,连动物的眼睛也都是长方形的。但那是我最为心爱的宝书,看起来,确是人面的兽;九头的蛇;一脚的牛;袋子似的帝江;没有头而“以乳为目,以脐为口”,还要“执干戚而舞”的刑天。

Noch heute sehe ich sie vor mir. Nur scheint mir im Nachhinein, dass Druck und Bilder äußerst grob und primitiv waren. Das Papier war gelblich und die unbeholfenen Darstellungen bestanden eigentlich nur aus geraden Strichen, die sich irgendwo trafen; selbst die Augen der Tiere waren als einfach Rechtecke gezeichnet. Aber trotz aller Mängel war dieses Buch mein kostbarster Schatz. Hier konnte man wirklich dem Tier mit dem Menschengesicht und der neunköpfigen Schlange begegnen, dem einfüßigen Ochsen, dem sackähnlichen Ungeheuer Di Jiang und dem kopflosen Xing Tian, der „seine Brustwarzen als Augen und seinen Bauchnabel als Mund benutzte“ und „mit Schwert und Schild tanzte“!

[…]

《山海经》也另买了一部石印的,每卷都有图赞,绿色的画,字是红的,比那木刻的精致得多了。这一部直到前年还在,是缩印的郝懿行疏。木刻的却已经记不清是什么时候失掉了。

Vom „Buch der Sagen von Bergen und Meeren“ erwarb ich noch eine andere lithographierte Ausgabe mit Illustrationen und Versen am Ende eines jeden Kapitels. Dieses Buch – mit grün gedruckten Abbildungen und rot gedrucktem Text – war viel hübscher als die Holzdruck-Ausgabe; ich hatte es noch bin vorletztes Jahr in meinem Besitz, eine kleine Ausgabe mit einem Kommentar von Hao Yixing. Wann mir die Holzdruck-Ausgabe abhanden kam, weiß ich nicht mehr.
(übersetzt vom Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing)

Bild5241

Birrell hat Illustrationen der Fabelwesen in ihrem Penguin Classic Band drin, übernommen von einer Ausgabe von um 1600:

1. The deity Muddle Thick, also known as the gread god Long River, ein fettes Schwein ohne Kopf mit vier Füßen und vier Flügeln (Seite 27)
2. The ugly-coarse, ein Pferd mit einem Einhorn und schielenden Augen (36)
3. The what-not fish, zehn Fische, deren Leiber sich in einem Kopf vereinen (38 und obiges Foto)
4. The banereptile-niece, ein Löwenkörper mit neun Hundeköpfen und neun Hunderuten (60)
5. The god of luck, Great Meet, eine Art Affe mit langen dünnen Zehen und Fingern und einem Menschenkopf mit streng zurückgekämmtem langen Haar. Aus den Schlitzaugen schießen zwei gerade Linien heraus, die leicht auseinander zielen (73)
6. The deity Aide Willow, eine Schlange mit neun Menschenköpfen, auf dem Papier als drei mal drei angeordnet wie ein Sudoku (122)
7. The nine-tailed fox, ein Fuchs eher mit Löwenpranken und halt neun Schwänzen (129)
8. Awestruck, eine Art mageres Rind mit nur einem Bein, dem hinteren, dem Betrachter zugewandten (163)
9. The deity Strong Good, ein aufrecht stehendes Tier mit vier Pfoten in menschlicher Kleidung, einem felligen Kopf und einer Schlange im Maul (184)
+ sechs Gestalten auf dem Cover, die auf dem Backcover identifiziert sind als:
10. Responding Dragon, ein Drache mit vier Greifvogelklauen und einem Kopf, der schwer zu beschreiben ist
11. Highhorse Reptile, ein Mensch mit Schurz und zwei Köpfen
12. The long-snake, eine lange Schlange
13. The winged-landfish, ein schuppiger Fisch mit Flügeln und Beinen und Schwanz wie ein Huftier und Schnauze wie ein, öh, Bär?
14. The hoggy, ein Affe mit Zebrastreifen, mächtigem Haarkranz und vier Ohren
15. The deity Land My, ein Tiger mit menschlichem Kopf, auf dem noch acht kleine Menschenköpfe gewachsen sind.

In der Note zum Text schreibt sie:

In the late Ch’ing, the edition of Wang Fu (1692 – 1759), also probably based on a Sung edition, Shan hai ching ts’un, was published in 1895, with over 400 illustrations, mostly by Wang Fu.

Eine Ausgabe, die mit Lu Xuns Erinnerung leider (可惜 kĕxī) nicht zusammenpasst😦 Erst dachte ich, kann sein, bis ich von der schlechten Qualität (wieder-)las und ist auch anachronistisch, da war er vierzehn.

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