Port über die Jungfrau

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Der Vortrag über Schillers Drama seinem Buchprojekt „Zusammenhang von Marienfrömmigkeit und Militanz im 18. Jahrhundert“ entnommen. Ziemlich sicher, dass ich „18.“ gehört hab, wär dann das letzte Kapitel in etwa. Der einladenden Goethe-Gesellschaft in Köln (GGK) zuliebe den Ausblick angeschlossen.

Rechts auf der geräumigen Bühne ein Goethe-Aufsteller, links eine weiße Schiller-Büste mit Text dahinter:

Der Mensch ist eine Person, ein Wesen also, welches selbst Ursache, und zwar absolut letzte Ursache sein, welches sich nach Gründen, die es aus sich selbst nimmt, verändern kann.

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Ist aus „Über Anmut und Würde“ (1793), gekappt um „seiner Zustände“.

Ca. 60 Zuhörende im großen Saal. Bis auf drei alle über 60 und niemand deutlich unter 50. Null Studierende. Der Jüngste im Raum der Referent Prof. Dr. Ulrich Port aus Trier. Ganz in Schwarz ist er gekleidet, mit offenem Hemdkragen, keine Krawatte. Jünger nur der Techniker, welcher Port fragt: „Brauchen Sie Strom?“ „Also ich hab’s voll aufgeladen…“ Charmant und gewandt im Kontakt tritt Port auf, konversiert zuvor jungenhaft gewinnend mit älteren Honoratioren, mit dem Präsidenten der GGK Dr. Markus Schwering und begrüßt seinen Habilitationsbegleiter Rudolf Drux, der ihn anmoderieren wird. Dieser schließt augenzwinkernd mit: „Ob Jeanne d’Arc und Maria so viel sympathischer wegkommen als die Erinnyen und Eumeniden [über die Port das vorige Mal als Gast der GGK gesprochen hat]?“

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Einführend will Port die Geschichte der Johanna von Orleans erzählen, also nicht die Textgeschichte, betont er, sondern die Geschichte, die dargestellte Handlung. Das tut er und lenkt unsern Blick dann zur Problematik hin. Ist Schiller eine religionsgeschichtliche Unkorrektheit unterlaufen? Denn aus den historischen Quellen wissen wir, dass Johanna sich auf den Erzengel Michael, die heiligen Katharina und Margarete und allerhöchstens noch Jesus Christus berufen hat, aber nicht auf die Gottesgebärerin Maria. Das sei ein Anachronismus. Die Ikonografie des Dramas lehne sich an das Zeitalter der Gegenreformation an. Zur Erinnerung: Hundertjähriger Krieg 1337 bis 1453, Gegenreformation ab 1545.

Port will die nächste Folie zeigen, kann es offenbar selbst nicht tun, sondern der Techniker oben im Regieraum soll es machen. Der reagiert aber nicht auf Zuruf und winkende Zeichen. „Der Herr oben guckt sich, glaube ich, gerade was anderes an: Youtube-Videos.“ Gelächter. Dann klappt’s. Port, der sich selbst einen „fröhlichen Positivisten“ nennt, spricht mittelleicht ironisch über die Theologismen. „Hyperdulie“ hörte ich, „vorzügliche Verehrung“, vielleicht sogar militante H..

Interessant die These Ports der Verschmelzung von Gottesmutter und Bauernkind durch Schiller. Im Französischen sei noch zwischen La Vierge für Maria und La Puisselle (oder so ähnlich) für Johanna, die sich selbst so bezeichnet habe, unterschieden worden, bei Schiller beide Jungfraun. Port wagte, dass man Schillers Titel als Bezeichnung für Jesus‘ Mutter Maria verstehen könne. Beim Nachlesen – muss zu meiner Schande gestehn, dass ich es vorher nie gelesen hab – kann ich den Gedankengang nicht nachvollziehen. Maria erscheint der Johanna in Dom Remi, nicht Orleans. In Orleans gewinnt Johanna nur im Zeichen der Maria. Meistens hat die erstere Jungfrau ein Attribut vorweg: die reine, die heilige etc.. Die einfache Jungfrau ist im Zweifel immer die Hirtin Johanna. Insofern halten wir als Leser anders als Port den Titel nicht für zweideutig.

Warum, fragt sich und uns Port, hat Schiller so anachronistisch gedichtet. Als Historiker habe er es besser wissen müssen. Als Nachlässigkeit, wie Germanisten vermuten, lässt Port es ihm nicht durchgehen. Es muss Absicht dahinterstecken. Die Fahne, die Schiller beschreibt:

Und eine weiße Fahne laß mich tragen,
Mit einem Saum von Purpur eingefaßt.
Auf dieser Fahne sei die Himmelskönigin
Zu sehen mit dem schönen Jesusknaben,
Die über einer Erdenkugel schwebt,
Denn also zeigte mirs die heilge Mutter.

fand Port in bayrischen Militärfahnen noch zu Schillers Zeit wieder (er zeigt Abbildungen). In Mannheim mag Schiller solche gesehen haben, da die Kurpfalz damals mit Bayern verbandelt war.

Die Germanistik ist irritiert, wenn Schiller anachronistisch dichtet:

Erhabne Jungfrau, du wirkst Mächtiges in mir!
Du rüstest den unkriegerischen Arm mit Kraft,
Dies Herz mit Unerbittlichkeit bewaffnest du.

und sich solches in Bezug auf Tilly bei Jacob Balde (1604 – 1668) findet. Sie zeiht Schiller religionsgeschichtlicher Unmotiviertheit. Port meint, solches sei keineswegs als poetische Freiheit zu nehmen. Im Gegenteil solle es den den Zuschauer ins Stolpern bringen. Eine interessante Theorie, die ich eigentlich auch vertrete. Durch absichtsvolle Fehler den Leser aus konsumierendem Fluss katapultieren und ins Denken befördern. Port meint, dass die Menschen durchs Stolpern aufmerksam würden.

Port referiert nun die Maria militans als „Erzstrategin“, „Heerführerin“ und „Generalissima“ in der Seeschlacht von Lepanto, der Schlacht am Weißen Berg und einer beiden vorangegangenen, deren Name mir entschlüpft ist. In einer bayrischen Kirche sei gemalt, wie sie Blitze wie Zeus und Felsbrocken wie Polyphem in der Odyssee auf das türkische Heer schleudre. Er zitiert Abraham a Sancta Clara: „Wer Maria als ‚Schutzfrau‘ der christlichen Waffen im Schilde führt, und eyffrigst verehrt, der hat an der Victori nicht zu zweifflen.“ Als Gastgeschenk für die einladende Gesellschaft zeigt er da einen drastischen wohl Kupferschnitt:

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(Links Schwering, Mitte Port, rechts Drux)

Ein Flugblatt der dominikanischen Rosenkranzbruderschaft. Inmitten von viel Text, nach außen durch einen Rahmen bewehrt mit vielen scharfen Spitzen nach dem Rand hin, zeigt die Illustration eine triumphierende Marie, den Fuß auf einen erschlagenen, enthaupteten Türken gesetzt, im Arm den Jesusknaben, der hinwiederum in seiner Hand den abgeschlagenen Türkenkopf hält. Das Amüsement der Zuhörenden war groß, mich umblickend bemerkte ich nirgendwo im Gruppenbild türkische Züge.

Nun fragt Port. Schiller stand doch eigentlich in der Tradition einer aufgeklärten Religionskritik à la David Hume. Warum also Maria in Johanna? Wie schafften es die Motive eigentlich durch die Jahrhunderte der Aufklärung? Er schildert den zeithistorischen Hintergrund. Die Aufklärer waren uneins über ihre Sache. Nur in Abgrenzung zu Kryptokatholiken und Proselytenmachern konnten sie sich noch eins wähnen. In der Vendée haben die Gegenrevolutionäre sich auf Maria berufen. Port zeigt eine politische Illustration, die die fünf Kronen der zweiten Koalition 1798/99 zeigt, die Frauenfigur der Revolution flieht vor diesen fünf Männern auf Pferden, über ihnen schwebt eine Marienerscheinung im Himmel. Rezensent denkt, dass Schiller national gesinnt Maria dem erobernden Napoleon entgegensetzen wollte. Weiß aber nicht. Port jedenfalls betont nun die Bezeichnung „eine romantische Tragödie“ und kursiert kurz über Religionskitsch der Romantiker, Wackenroder, Dorothea und Friedrich Schlegel konvertiert, Novalis. In dieser Zeit eine erstaunliche Häufung von Mariendarstellungen. Port versteht also nun die „romantische Tragödie“ als Tragödie des romantischen Marientums, als Kritik an der Katholizismusbegeisterung der Romantiker. (Wie bei Goethe – die Ottilie der Wahlverwandtschaften – erscheint mir das erst mal als befragenswert, zumal nach der Lektüre des Dramas. Eher vermute ich ein gewisses kokettierendes Anschmiegen der Klassiker an die moderneren, die Lesergunst mehr ansprechenden, „kitschigen“ Romantiker.)

Liest Port Passagen vor, hat er einen klar ironischen Tonfall. Er möchte sich nicht in das Gefühl, das der Dichter gestaltete, versenken, sondern sich mokierend drüber erheben. Einem (eventuellen) Spott des Publikums entgeht er damit sicher.

Nun kommt Port zur Pointe, die ihm auch den Anknüpfungspunkt nach Goethe hin bietet. In einem Jesuitendrama hätte er erwartet, dass Johanna schließlich zum Himmel auffährt. Doch bleibt sie irdisch schwer liegen und verschwindet am Ende nur, indem die Adorierenden sie mit Fahnen bedecken und ihren Leib drunter verstecken. Lese ich das nach, käme mir eine Himmelfahrt aber arg zuwider vor. Im zehnten Auftritt des ersten Aufzugs schildert Johanna ihre Vision der Muttergottes, die des Blankverses halber auch schon mal untheologisch „Gottes Mutter“ genannt wird:

Und also sprechend ließ sie das Gewand
Der Hirtin fallen und als Königin
Der Himmel stand sie da im Glanz der Sonnen,
Und goldne Wolken trugen sie hinauf
Langsam verschwindend in das Land der Wonnen.

Dass Johanna da nicht ähnlich himmelfahren kann, ist ja wohl klar. Port aber versteht es als Spott über die katholische Lehre. Er denkt, Schiller lasse mangels Assumptio den Leser und Zuseher „transzendental obdachlos“ (Lukács) zurück. Und kommt auf Goethes vorletzte Sätze des Doctor marianus:

Blicket auf zum Retterblick,
Alle reuig Zarten,
Euch zu seligem Geschick
Dankend umzuarten.
Werde jeder beßre Sinn
Dir zum Dienst erbötig;
Jungfrau, Mutter, Königin,
Göttin, bleibe gnädig!

Problematisch, weil unkonventionell, sei hier die Titulierung Mariae als Göttin. Wiederum bei Balde im Barock findet Port, dass der Maria mit Adressatinnen erotischer Lyrik der Alten wie Horaz in eins gesetzt habe. „Dea“ habe der gesagt. Port versichert, dass Goethe Balde in Übersetzung Herders gekannt habe.

Gemeinsam seien Schiller und Goethe also subtile Distanzierungsrituale von der Marienfrömmigkeit.

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Als Zeit war halb acht bis neun angesetzt. Port begann 10 Minuten verspätet, kündigte einen Vortrag von 50 Minuten an, überzog aber. Fertig war er fünf vor neun. Das Publikum hatte sich auf eine Diskussion gefreut, aber Drux entschied kategorisch, dass jetzt Schluss sei, denn „sonst würden wir in eine andere Finanzierungszone kommen“. Wir beschieden uns und gingen.

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