Kissenbilder (Forts.)

Teil 1

*

Am nächsten Tag sitzt Zhu bei Zhao bei Tee, als Sanjiao aus der Schule kommt. „Stell mal deine Tasche ab und dann komm mal her mit deinem Notebook.“ Sanjiao tut’s gespannt. „Also ich hab da noch mal drüber nachgedacht. Wenn wir die Ebenen mit immer gleicher Deckkraft übereinander malen, dann bekommen sie nach hinten hin ein immer größeres Gewicht. Malen wir Rot als letztes, hat das Ergebnis einen Rotstich. Bei Grün einen Grünstich. Können wir das nochmal sehen, Sanjiao?“

Der schreibt eine weitere Schleife drumherum und das Ergebnis sieht im Browser so aus:

farbkeile_0

Maler Zhao: „?“ Sanjiao: „Die Deckkraft ist immer ein Drittel. Es sind sechs Zeilen. Oben male ich zuerst mit dieser Deckkraft ein rotes Rechteck von ganz links bis ganz rechts, danach ein grünes über die rechten zwei Drittel von dem roten und zuletzt ein blaues über das letzte Drittel. Ganz rechts ist damit nacheinander Rot, Grün und Blau mit Deckkraft ein Drittel auf den weißen Untergrund gemalt worden. Da drunter ist die Deckkraft dieselbe, die Farben auch, nur die Reihenfolge anders. Von oben nach unten lasse ich den Rechner in solchen Reihenfolgen malen: RGB, RBG, GRB, GBR, BRG und BGR.“ Zhu: „Und wir sehen, dass in der ersten und dritten Zeile, wo Blau zuletzt gemalt wird, rechts ein Blauton vorherrscht, in der zweiten und fünften ein Grünton und in der vierten und, naja der sechsten weniger, ein Rotton.“

Zhao streicht sich über das Kinn: „Mir gefallen diese Farben überhaupt nicht.“ „Schön sind die nicht, da geb ich dir recht. Aber wir wollen hier etwas demonstrieren.“ Sanjiao blickt ihn gespannt an. „Weißt du, was Kommutativität bedeutet, Sanjiao?“ „交换律, ja. Das hatten wir in der Schule. Egal, ob ich 2 plus 3 rechne, oder 3 plus 2, immer kommt 5 raus. Genauso kommt bei 2 mal 3 und 3 mal 2 immer 6 raus. Aber bei 4 durch 2 kommt 2 raus und bei 2 durch 4 einhalb. Auch kommt bei 3 minus 2 eins raus und bei 2 minus 3 minus 1.“ „Sehr gut. Das sind die Grundrechenarten. Die Addition wie die Multiplikation sind kommutativ. Die Subtraktion und die Division eigentlich auch, wenn du sie so schreibst:
3 – 2 = 3 + (-2) = 1 = (-2) + 3 = (-2) – (-3)
4/2 = 4*(1/2) = 2 = (1/2)*4 = (1/2)/(1/4)
Vertauschst du die Terme, musst du sie durch ihr Inverses ersetzen, dann stimmt’s wieder.“

Sanjiao wartet, wo das hinführt. „Ich hab darüber nachgedacht, wie wir das Malen kommutativ machen können, und bin darauf gekommen, dass die Ebenen mit immer schwächerer Deckkraft übereinander gesetzt werden müssen. Wenn wir in der ersten Zeile das letzte Blau schwächer drübermalen als vorher die anderen Farben, dann schimmern die mehr durch und das rechte Feld verliert seinen Blaustich.“ „Leuchtet ein.“, stimmt Zhao zu. „Also schreibe mal 1/(i + 1) für dein globalAlpha, wenn du die i-te Ebene malst, kannst du das tun?“ Sanjiao tut’s und das Ergebnis sieht so aus:

farbkeile

„Prima!“, freut er sich, „Jetzt ist alles am Ende dasselbe Grau, egal ob zuerst Grün, Blau oder Rot gemalt wird.“ „Ja. Und wir sehen, dass dasselbe Kaki rauskommt, egal ob wir zuerst Rot und dann Grün malen oder umgekehrt. Genauso beim Violett gemischt aus Rot und Blau und beim Türkis aus Grün und Blau.“ „Fantastisch!“, freut sich Sanjiao.

„Und wenn das Grau jetzt etwas heller rauskommen soll?“, fragt Zhao. „An den Deckkräften können wir nichts mehr drehen. Guckt man sich die Formeln an, nach der sich die resultierende Farbe berechnet, sieht man da, dass mal eine der drei Deckkräfte alleine steht, mal zwei miteinander multipliziert werden und mal alle drei, und aus diesen Termen wird dann die Summe gebildet. Somit können wir die Deckkräfte nicht skalieren, weil der Skalierungsfaktor mit Exponenten von 0 bis 3 ins Ergebnis eingehen würde.“ Die beiden anderen schauen unverständig. „Aber warum die Deckkraft ändern, wir können die Ausgangsfarben ändern. Sanjiao, mal mal mit halbem Grün und halbem Blau im vollen Rot und bei den andern Grundfarben analog!“ Sanjiao tut’s:

farbkeile_1

„Jetzt haben wir rechts ein Grau von 75 Prozent. Vorher hatten wir 50 Prozent.“ „Noch hässlicher!“, Zhao spuckt aus, „Als ob man in Nebelsuppe tappt.“ „Es ist halt eine additive Mischung am Bildschirm. Für ein helleres Ergebnis müssen blassere Farben gemischt werden.“ „Ich denke, reines Rot, reines Grün und reines Blau zusammen ergeben volles Weiß am Bildschirm?“, wundert sich der Knabe. Zhu streicht sich das Kinn: „Dann liegt es am Übereinandermalen, dass es doch eine suktraktive Mischung wird.“ Er hat keine Lust darüber nachzudenken.

„Grässlich, die Farben!“, zetert Zhao. „Dann lass uns zuletzt was Schönes sehen, Freund Zhao!“ Der steht auf und holt eine Rolle aus dem Nebenzimmer. „Aahhh! Eine Fahrt zur Roten Wand!“, lobt Zhu.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

„Nicht von mir. Von Qiu Ying (仇英) im 16. Jahrhundert gemalt.“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: