Von Buch zu Buch

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

So ein Pech. Auf Seite 799, nur sieben Seiten vorm ersehnten Ende des Buchs, tischt der Autor einen Link auf ein anderes auf:

“要想我嫁给你,除非你的蓝脸变白。”

„Bevor du mich zur Frau bekommst, Kaifang, muss erstmal dein Blaugesicht weiß werden.“

正所谓“言者无意,听者有心”,对那种爱到人魔程度的男人,可不敢乱开玩笑。读者诸君一定记得《聊斋志异·阿宝》中那个名叫孙子楚的书生,只为了阿宝小姐一句戏言,便毅然剁去自己的骈指。

Es war genau das, was das Sprichwort Der Sprecher denkt an nichts, der Hörende aber an alles (言者无意,听者有心) sehr gut ausdrückt. Mit so einem wie wahnsinnig liebenden Mann ist eben nicht zu spaßen. Meine verehrten Leser erinnern sich bestimmt an die Geschichte von Abao, die sich bei Pu Songling in seinen Seltsamen Geschichten aus dem Studierzimmer findet. Sie handelt von einem jungen Gelehrten namens Sunzi, der sich wegen eines leichtfertiges Spaßes des Fräuleins Abao ohne zu zögern seine zwei zusammengewachsenen Finger abhackt.
(Übersetzung: Martina Hasse)

Die aufgeschlagenen Bücher sind ISBN 7-301-04578-6 und 7-119-00977-X. Die Holzschnitte sind offenbar identisch, nicht wie für Johnny Depp in den Neun Pforten. Seine 自己的骈指 zusammengewachsenen Finger – 骈枝 piánzhī steht als „1) Doppelfinger, Doppelzehe (Anomalie, bei der ein Finger oder eine Zehe doppelt ausgebildet ist) 2) überflüssig“ im Wörterbuch ISBN 7-100-00096-3 – sind bei Pu Songling nachgelesen ein überschüssiger sechster:

粵西孫子楚,名士也。生有枝指。

Sun Zichu, aus Yuexi gebürtig, war eine namhafte Persönlichkeit im Literatenkreise. Er wurde mit einem überflüssigen Finger geboren.

Su Zichu, a celebrated man of letters of Guangxi, had a sixth finger growing on one of his hands.

媒去,生以斧自斷其指。

Die Ehestifterin war kaum fortgegangen, da griff er nach einer Axt und hackte sich damit den unnötigen Finger ab.

After the go-between left the scholar chopped off his finger with a hatchet.

Die Übersetzer sind sich einig. 枝 zhī heißt Zweig vor dem 指 zhǐ Finger => Zweigfinger.

Der Stil hat sich gewandelt in den letzten fünfzig Seiten. Jetzt liest es sich wie Haruki Murakami, dessen paarbändige Lektüre zwar ein ganzes Weilchen her ist, aber könnte sie mit diesem Band hier, umsonst einem Bücherschrank entnommen, nun mal auffrischen:

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Am Ende lässt Mo Yan den Protagonisten als Riesenbaby („kleiner schmächtiger Körper, dafür einen riesigen Schädel mit einem Riesengehirn“) wiederauferstehen, geboren am Neujahrstag 2000 und das Datum würdigend Lan Qiansui (蓝千岁, „Blau Tausendjahr“) getauft. Die postmoderne Volte ist dann, kaum überraschend, dass es zu erzählen beginnt. Und wir vernehmen die ersten Worte des Romans wieder, nur minimal verändert:

我的故事,从1950年1月1日讲起。

Meine Geschichte beginnt im Jahr 1950. Es ist der 17. Februar, der Neujahrstag des chinesischen Kalenders.
(Seite 11)

我的故事,从1950年1月1日那天讲起……

Meine Geschichte beginnt im Jahre 1950. Es ist der Neujahrstag …
(Seite 806)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: