Die Schöne in der Loge

Der siebente Spannungsbogen im Nachsommer. Dieser reicht über fast das halbe Buch.

7. Die Schöne in der Loge

Als der Erzähler von seinem ersten Besuch im Rosenhaus zurückkehrt zu seiner Familie in die Stadt, ist es nicht allein eine Heimkehr ins Gewohnte, denn seine Schwester Klotilde und er wachsen ja heran.

Ich fing auch in jener Zeit an, das Theater zuweilen zu besuchen. (21,95 %)

Die Zeitung kündigt einen berühmten Schauspieler als König Lear an. Der Erzähler lässt sich das nicht entgehen. Wie die anderen im Publikum überwältigt ihn das Stück:

Da er die drei letzten Worte milder sagte, gleichsam bittend, so flossen mir die Tränen über die Wangen herab, ich vergaß die Menschen herum und glaubte die Handlung als eben geschehend. (22,53 %)

Das hatte ich nicht geahnt, von einem Schauspiele war schon längst keine Rede mehr, das war die wirklichste Wirklichkeit vor mir. (22,60 %)

Als ich mich ein wenig erholt hatte, tat ich fast scheu einen Blick auf meine Umgebung, gleichsam um mich zu überzeugen, ob man mich beobachtet habe. Ich sah, daß alle Angesichter auf die Bühne blickten und daß sie in starker Erregung gleichsam auf den Schauplatz hingeheftet seien. Nur in einer ebenerdigen Loge sehr nahe bei mir saß ein Mädchen, welches nicht auf die Darstellung merkte, sie war schneebleich, und die Ihrigen waren um sie beschäftigt. Sie kam mir unbeschreiblich schön vor. Das Angesicht war von Tränen übergossen, und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie. Da die bei ihr Anwesenden sich um und vor sie stellten, gleichsam um sie vor der Betrachtung zu decken, empfand ich mein Unrecht und wendete die Augen weg. (22,67 %)

Was bei Petrarca noch die Kirche war, ist jetzt das Theater. Beim Hinausgehen fängt er ein Signal der Schönen auf:

Ich gab mich einem größeren Zuge hin, der langsam bei dem Hauptausgange ausmündete. Plötzlich war es mir, als ob sich meinen Blicken, die auf den Ausgang gerichtet waren, ganz nahe etwas zur Betrachtung aufdrängte. Ich zog sie zurück, und in der Tat hatte ich zwei große, schöne Augen den meinigen gegenüber, und das Angesicht des Mädchens aus der ebenerdigen Loge war ganz nahe an dem meinigen. Ich blickte sie fest an, und es war mir, als ob sie mich freundlich ansähe und mir lieblich zulächelte. Aber in dem Augenblicke war sie vorüber. Sie war mit einem Menschenstrome aus dem Logengange gekommen, dieser Strom hatte unseren Zug gekreuzt und strebte bei einem Seitenausgange hinaus. Ich sah sie nur noch von rückwärts und sah, daß sie in einen schwarzseidenen Mantel gehüllt war. (22,75 %)

Vorbildlich bittet der Erzähler am nächsten Morgen, nachdem er schlecht hat einschlafen können, seinen Vater um die Werke Shakespeares, und zwar im Original, „damit ich sie nicht in einer Übersetzung lesen müsse.“

Das Gesicht in der Loge entschwindet einigermaßen schnell aus seinem Sinn, zumal er seine Züge nicht mehr heraufbeschwören kann, sich nur erinnert, dass sein Urteil „schön“ gewesen ist. Er beginnt sich fürs Zeichnen von Gesichtern zu interessieren:

Aber unter allen Köpfen, sowohl den gemalten als auch den wirklichen, war kein einziger, der ein Angesicht gehabt hätte, welches sich an Schönheit nur entfernt mit dem hätte vergleichen können, welches ich an dem Mädchen in der Loge gesehen hatte. Dieses eine wußte ich, obwohl ich mir das Angesicht eigentlich gar nicht mehr vorstellen konnte und obwohl ich es, wenn ich es wieder gesehen hätte, nicht erkannt hätte. Ich hatte es in einer Ausnahmsstellung gesehen, und im ruhigen Leben mußte es gewiß ganz anders sein. (23,01 %)

Sonderbar war es, daß ich nie auf den Gedanken kam, meine Schwester zu betrachten, ob ihre Züge zum Nachzeichnen geeignet wären, oder den Wunsch hegte, ihr Angesicht zu zeichnen, obgleich es in meinen Augen nach dem des Mädchens in der Loge das schönste auf der Welt war. Ich hatte nie den Mut dazu. Oft kam mir auch jetzt noch der Gedanke, so schön und rein wie Klotilde könne doch nichts mehr auf der Erde sein; aber da fielen mir die Züge des weinenden Mädchens ein, das die Ihrigen zu beruhigen gestrebt hatten und von dem ich mir einbildete, daß es mich im Vorsaale des Theaters freundlich angeblickt habe, und ich mußte sie vorziehen. Ich konnte sie mir zwar nicht vorstellen; aber es schwebte mir ein unbestimmtes, dunkles Bild von Schönheit vor der Seele. (23,10 %)

Damit entschwindet das Mädchen in der Loge aus dem Gang des Romans und wir denken, es soll so bleiben und einer vagen Verlockung ohne Erfolgsaussicht in der Stadt wird der Autor praktikables, aussichtsreicheres, bodenständigeres Brautwerben auf dem Land vielleicht entgegensetzen wollen.

Fast über die Hälfte des Romans bleibt es dabei, bis, als die jungen Leute auf der Bank bei der Brunnennymphe einander ihre Liebe eröffnen:

Nach einer geraumen Weile sagte Natalie: »Und von dem Abende im Hoftheater habt ihr auch nie etwas gesprochen.«
»Von welchem Abende, Natalie?«
»Als König Lear aufgeführt wurde.«
»Ihr seid doch nicht das Mädchen in der Loge gewesen?«
»Ich bin es gewesen.«
»Nein, ihr seid so blühend wie eine Rose, und jenes Mädchen war blaß wie eine weiße Lilie.«
»Es mußte mich der Schmerz entfärbt haben. Ich war kindisch, und es hat mir damals wohlgetan, in euren Augen allein unter allen denen, die die Loge umgaben, ein Mitgefühl mit meiner Empfindung zu lesen. Diese Empfindung wurde durch euer Mitgefühl zwar noch stärker, so daß sie beinahe zu mächtig wurde; aber es war gut. Ich habe nie einer Vorstellung beigewohnt, die so ergreifend gewesen wäre. Ich sah es als einen günstigen Zufall an, daß mir eure Augen, die bei dem Leiden des alten Königs übergeflossen waren, bei dem Fortgehen aus dem Schauspielhause so nahe kamen. Ich glaubte ihnen mit meinen Blicken dafür danken zu müssen, daß sie mir beigestimmt hatten, wo ich sonst vereinsamt gewesen wäre. Habt ihr das nicht erkannt?«
»Ich habe es erkannt und habe gedacht, daß der Blick des Mädchens wohlwollend sei, und daß er ein Einverständnis über unsere gemeinschaftliche Empfindung bei der Vorstellung bedeuten könne.«
»Und ihr habt mich also nicht wieder erkannt?«
»Nein, Natalie.«
»Ich habe euch gleich erkannt, als ich euch in dem Asperhofe sah.« (66,38 %)

Ein paar Mal flackert es noch in Gesprächen auf, um dem Erzähler Aufklärung darüber zu verschaffen, was bei der Verschmelzung der Figuren Natalie, Tarona und Logenschöne in eine Person ihm unverständlich geblieben ist, dann ist die Sache abgeschlossen, auf eine nicht sonderlich befriedigende Weise. Aber hat Goethe das Rätsel der heilenden Amazone denn so viel besser aufgelöst?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: