Verblasstes Papier

„Wo ist Sanjiao?“ Mathematiker Zhu ist seinen Freund Zhao besuchen gekommen und hat dessen Enkel nirgendwo erblickt. „Er inspiziert die Jesuitenmission.“ Zhu schaut verständnislos. „Na, das verfallene Haus, wo die Christen einst ihre Missionsstation hatten.“ „Im Tal der tausend Pfirsichblüten?“ „Genau da. Ich hoffe, er kommt in einer halben Stunde heim. Er hatte es versprochen.“

Als sie so Tee trinken, kommt Sanjiao ins Haus rein. Er ist ein bisschen schmutzig, seine Haare sind verfilzt von Spinnweben und Kletten, kleine Zweige kleben an seinem T-Shirt, von dessen Weiße nicht viel geblieben ist. „Du siehst ja aus!“, seufzt Zhao.

„Ich hab was gefunden!“ Er zerrt einen Zettel aus der Hosentasche, entknüllt ihn, streicht ihn glatt und hält ihn Zhu hin. „Ich seh nichts. Ein leeres Blatt?“ „Nein! Schauen Sie genau hin, Onkel Zhu!“ Zhu kippt den Zettel gegen das Licht und meint manchmal was zu erkennen:

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Sanjiao spricht weiter, sich überstolpernd: „Vielleicht ist das ein Schlüssel, denn da liegt ein Buch rum, das kryptisch geschrieben aussieht.“ „Das ist aus dem Zhuangzi.“, flicht Zhao ein.

„Und wie sah das Buch aus?“, fragt Zhu. Sanjiao kramt einen weiteren Zettel aus der Tasche. „Mein Smartphone hatte ich nicht dabei. So fängt das Buch an.“ Zhu streicht den Zettel glatt und legt ihn vor die drei:

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„Für eine Kryptoanalyse ist das sehr, sehr viel zu wenig.“ Zhu streicht sich den Bart. „Aber wir haben ja den mutmaßlichen Schlüssel und können Vordereingänge probieren.“ „Wie würde Kryptoanalyse gehen?“, will Sanjiao wissen. „Naja, hättest du das ganze Buch mitgebracht und kriegten wir es irgendwie digitalisiert, dann könnten wir verschiedene Schlüssellängen probieren und gucken, wann die Häufigkeitskurven am ähnlichsten sind.“ Die anderen gucken verständnislos. „Angenommen, der Schlüssel ist sechs Zeichen lang.“ „Ist er ja!“, ruft Sanjiao. „Dann würde ein A an erster Stelle des Urtexts anhand des ersten Zeichens des Schlüssels auf einen bestimmten Buchstaben abgebildet und landete so im Kotext. Kotext soll kodierter Text heißen.“, erklärt Zhu. „Ein A an zweiter Stelle des Urtexts käme aber auf einen anderen Buchstaben zu liegen. Erst ein A an siebenter Position würde wieder auf denselben Buchstaben kodiert, weil hier wieder der erste Buchstabe des Schlüssels greift.“ Die anderen lassen sacken.

„Also würden wir – besser gesagt: du, Sanjiao, mit deinem Notebook – nur jeden sechsten Buchstaben des Kotexts auszählen und daraus eine Häufigkeitskurve erstellen. Das würdest du sechs Mal tun, nämlich immer den Offset eins weiterrücken, und wenn die Häufigkeitskurven ähnlich genug sind, wüssten wir, dass der Schlüssel wirklich die Länge sechs hat.“ „Ähnlich genug?“ „Naja, wenn bei allen sechs Zählungen der häufigste Buchstabe im Kotext 0,32 +- 0,02 mal erscheint, der zweithäufigste 0,27 +- 0,02 mal und so weiter, oder so ähnlich.“

„Es tut mir leid. Ich hatte nur einen so kleinen Zettel bei mir und die Seite herauszureißen, habe ich mich nicht getraut, vielleicht ist das Buch ihnen heilig. Besser, ich hätte es im Ganzen der verfallenen Missionsstation entnommen.“ „Auch dann hätten wir es erst einmal digitalisieren müssen, also nicht schlimm.“, konstatiert Zhu. „Wir sollten nun also umgekehrt raten, wie sie den Schlüssel wohl eingesetzt haben.“

Sanjiao hat sein Notebook aufgeklappt und die wenigen Buchstaben, die er sich notiert hatte, eingetippt. Zhu fährt fort: „Die Jesuiten waren Ausländer. Vermutlich ist der Urtext ausländisch. Vielleicht haben sie vom Schlüsselzitat die Aussprache verwendet.“ Zhao: „Nicht die Zeichen, sondern ihr Pinyin? Lè quán zhī wèi dézhì?“ „Probier das mal, Sanjiao, kannst du das? Ohne Töne und Leerzeichen einfach hintereinanderschreiben.“ Sanjiao hackt. „Die Schlüssellänge wäre dann 17.“ Sechs hatte ihm besser gefallen. Er dreht den Schirm zu den Alten:

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„Und das ist?“, fragt Zhao, der Maler. „Der Urtext, wenn man den Kotext mit lequanzhhiweidezhi entschlüsselt.“ „Offenbarer Unsinn.“, konstatiert Zhu. „Was können wir noch probieren außer der Pinyin-Aussprache der sechs Zeichen?“ „Ihre Strichzahl“, schlägt Zhao vor. Er überblickt den Zettel und diktiert Sanjiao: „Fünf, sechs, vier, elf, elf und sieben.“ Sanjiao ergänzt eine Funktion, lässt sie ausführen und weist das Ergebnis vor:

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„Auch rubbish!“, entfährt es Zhu. Zhao blickt ihn strafend an: „Keine Anglizismen! Die Sinoreinheit wahren! Nicht Xinhua gelesen?“ „废话!“

„Was können wir noch probieren?“, fragt der Knabe. „Die Position im Kangxi-Wörterbuch“, schlägt Zhao vor. Sanjiao sucht im Netz. „Da gibt es keine absolute Position, nur eine Seitenzahl und die relative Position auf der Seite.“ „Probieren wir halt mal die Seitenzahl und ignorieren die Position des Zeichens auf der Seite.“ Sanjiao kann die Funktion, die er für die Striche geschrieben hat, verwenden und zeigt nicht viel später vor:

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„Andere Vorschläge?“, fragt Zhu. Sanjiao sagt, dass die Zeichen als Kanji genommen im 大漢和辞典 absolut nummeriert wären. „Aber warum sollten die Missionare hier mit 日本 ankommen?“ „Probiers halt aus, kostet uns ja nichts“, meint Zhu. Sanjiao tippselt und dreht den Schirm:

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„Seh ich da ‚grow‘?“, fragt Zhao. „Nein, ‚qrcw‘!“, liest der Junge. „Was bleibt?“, fragt Zhu. „Vielleicht Four-Corner, 四角号码…“, meint Zhao. „Das bildet ein Zeichen auch auf eine Zahl ab“, erkennt Zhu an. „Und immer schön modulo sechsundzwanzig nehmen, 三角!“ „艾“

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