Baumwolls Fan

Die Schwierigkeit: Hab nur 8 Bilder, die können nur 9 Textteile trennen, aber die Erzählsammlung hat derer 18. Aber vielleicht gibt es gar nicht so fiel zu bemerken.

Bild5196(Alle Fotos: 27. Februar)

Von der Erstlektüre vor einem Monat in Erinnerung sind mir nur geblieben zwei Geschichten: die mit Prätz in der Natur (Idyllen. Chillen heißt sie) und das Abenteuer in Japan (Seekühe der Kunst).

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Das Birkenhäuschen beginnt mit Durchgestrichenem. Ein Typoeffekt, den es in Bleisatz vermutlich nicht gegeben hat, und man fragte sich schon bei HTML, wozu?, benutzte es aber manchmal als Gag.

Leicht heute auch fremde Lettern, Unicode sei Dank. Drei Kanji kommen vor: 龍 der Drache, der in Festlandchina heute nach der Schriftreform 龙 geschrieben wird, was eine Strichersparnis von 5 gegen 16, also um 11 bedeutet. Trotz seiner Komplexheit stellt der alte 龍 eins der 214 Radikale (Grundzeichen) dar, unter die seit dem Kaiser Kangxi (康熙) alle Zeichen rubriziert sind, sodass man für Wörterbücher eine Sortierung zur Verfügung hat, zunächst nach Radikalnummer (die 214 Radikale sind aufsteigend nach ihrer Strichzahl geordnet) und dann feiner nach der Anzahl der zusätzlichen Striche und ganz fein nach nichts mehr, höchstens vielleicht noch nach Verwendungshäufigkeit.

P5030337_heller(Nur dieses von heute)

Der alte 龍 hätte somit den Code 212.0, übertroffen nur noch von den Radikalen Schildkröte 龜 mit seinen auch 16 Strichen, auch das heute vereinfacht zu 龟 mit nur 7 Strichen, sowie 龠 yuè mit 17 Strichen, keine Ahnung, was das heißt. Im modernen Wörterbuch 现代汉语词典 steht:

古代容量单位,等于半合(gĕ)。

Ein Volumenmaß also wohl. Ein halbes 合. Darunter nachgeguckt: 10 Löffel 勺 sind ein 合, 10 合 sind ein Liter 升. Fünf Löffel also. Esslöffel wohl, mit zehn Milliliter Fassungsvermögen gibt das verhundertfacht den erforderlichen Liter. 50 Milliliter somit.

Aber in der älteren 辞源 „Wörterquelle“ (aus dieser stammt die Radikaltafel oben) steht als erste Bedeutung für 龠 ein Musikinstrument, eine Flöte mit drei Löchern drin, drin. Auch Haenisch gibt es als Flöte an.

Wo war ich? Ja, ein Kanji im schaudernden Fächer ist der Drache. Es steht am Ende des Birkenhäuschens und beschließt einen Brief, dem ein Papierdrachen beiliegt, „der sich aufblähte, wenn man ihn am Stock schwenkte“, und zwar gleich vierfach, so angeordnet, aber kleiner gesetzt:
龍龍
龍龍

Das zweite Kanji ist „今 (ima, jetzt)“, in diesem Wortlaut beschließt es die Erzählung Reiben.

Das dritte ist mir beim Durchblättern des Buchs damals in der Mayerschen Buchhandlung, als ich es noch nicht kaufen, aber gern die japanischen Zeichen in Augenschein nehmen wollte, von denen eine Rezension sprach, entgangen. Es ist 亡 im laufenden Text kurz vor Schluss, im Zweiseiter Gachan. „(nakunara, BO, verschwinden, sterben)“ fügt Cotten an, es soll aber den Schatten der Erzählerin darstellen, wie sie ihn von der Schreibtischlampe geworfen auf der Wand erblickt und somit ihre krumme Körperhaltung erkennt.

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Ein paar Mal kommen kyrillische Zeichen vor, aber ich weiß nicht, ob ich alle notiert hab: Самолёт с серебрЫэним крЫлом, ein Flugzeug mit silbernen Flügeln in Des Todes dummer Bruder, das ist auf Seite 36 in Zeile 7. Auf Seite 66 in Idyllen. Chillen in der zweiten Zeile nennt die Erzählerin Lermontovs „bitteren Koller“ ЗноЍ, was Google zufolge Wärme ist. Auf Seite 72 in derselben Erzählung hat sie ein Black Circle Festival noch mal als плек чркл Фестивал, wie es in beiden Schriften wo aufgesprüht sei. Und schließlich auf Seite 202 zu Beginn der Erzählung Der rote Wedding an die Weiße Stadt heißt es как скоро он …!, was Google übersetzt als „sobald er …!“

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Auf Seite 133 springt ein Frosch ins Wasser: „Furuike … ein Frosch springt in den Teich.“ So beginnt Bashōs berühmtes Haiku 古池や蛙飛こむ水のおと Furuike ya kawazu tobikomu mizu no oto. Solche Anspielungen sind billig, sie bieten sich geradezu an. Jeder Japanerstkontakter wird damit ankommen und sich an der Freude, dass Hinterwäldlerwestler ihn nicht verstehen, weiden. Bildung klann verblüffen. Vielleicht macht Cotten es besser, aber als solider Hikikomori wird man den Verdacht nicht los, dass sie nicht so tief in fremde Kulturen eintauchen will oder kann. Obwohl ich die Story Noto ganz gelungen finde. Aber auch das ein touristischer Topos. Denke im Kontrast an William Gibson’s Idoru, das jedoch in einer ganz anderen, billigeren Liga spielt und Pulp Fiction ist. Vgl. drei Abschnitte weiter.

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Interessanter als Prätz – Liebesgeschichten sind nicht so meine Sache, bin froh, über das Alter hinweg zu sein – fand ich die Seekühe der Kunst. Man fragt sich ja oft, was ist authentisch? Die angegebene Kneipe Shooters im Netz gesucht. Leider ist Honshu groß, keine Stadt, wie ich erst dachte, eine ganze Insel😛 Findet man dann mal ein Shooters, findet man aber rechts oben kein Foto vom Swingabend. Das wäre doch mal ein Beleg von Authentizität gewesen! Am Ende dankt sie einer Frau in Osaka für den langen Aufenthalt, liegt vielleicht Osaka auf Honshu? Wikipedia hat es im Westen von Honshu, das könnte zum Südwesten bei Cotten passen. Eine U-Bahn, mit der die Protagonisten vom Bauernhof zum Shooter’s fahren, gibt es auch. Aufgegeben.

Die Leute wollen also Authentizität. Warum das? Weil sie sich nicht verschaukeln lassen wollen. Am besten etwas zutiefst Schicksalhaftes, an dem sie ihre eigenen Wehwehchen emporranken lassen können. So können sie in die persona schlüpfen, die der Autor geschaffen hat und die der Welt Achtung abnötigt. Achtung, derer sie in ihrem kleinen Alltag allzu oft entbeeren. Kommt aber raus, dass der Autor erfunden hat, ist das Geschrei groß. Warum? Ist es nicht künstlerisches Geschick, wenn der Schreiber sich in Personen, die anders sind als er, hineinversetzen kann und sie plausibel darstellen kann? Zeugt das nicht vom Empathie, von sozialem und psychologischem Wissen? Aber die Leute wollen lieber Confessiones lesen (natürlich nicht die, die sind ihnen zu umständlich geschraubt) und wehe, die sind nicht echt. Was, Dostojewski hat nicht in einem Kellerloch geschrieben? Madame Bovary war ein Mann? Tom Kummer hat erfunden? Skandal!

Ottilie Normalleserin will Autorin gern auf ihr Level herunterziehen. Dann fühlt sie sie nach und sich ihr nah und nicht so schrecklich unterlegen wie in der Schule.

Bei Cotten scheint die Frage mir aber müßig. Denke, sie spielt in allem dem Ihren die Hauptrolle. Zumindest in diesem Buch kommt’s mir so vor. In den Florida-Räumen hatte sie sich noch in einen Hund versetzt oder in den Mann Torsten Werckescheidt. Nun scheint sie selbst die Hauptrolle übernommen zu haben, wogegen ja erstmal nichts zu sagen ist. Ist Bernardo Soares nicht Pessoa selbst gewesen? Nein, nihct ganz, glaube ich, denn er hatte keinen Job als Hilfsbuchhalter. Bukowski dagegen hat selbst Post ausgetragen. Man müsste mal überprüfen, ob Cottens Japanaufenthalt mit den Fächerstellen in Übereinstimmung zu bringen ist, ob sie mal in Algerien war, wo der Klappentext die Wüste aus Reiben verortet, während ich sie chinesischer Wasserflaschen wegen in Zentralasien fand, und die Berliner Spätiszenen. Stimmte das grob, könnte es auf Wahrheit beruhen und manche verewigte Person möchte sich vielleicht schämen, wenn sie auch nicht erkennbar genug ist, um gegen Ezra einen Prozess anzuzetteln, oder, weil er uns näher liegt und wir ihn augenblicklich auf seiner Kreuzfahrt verfolgen, Meere.

Peinlich nur ein bisschen, wenn im Symposion – verlockender Titel, gleich noch mal lesen! – sich alle Personen als sie selbst herausstellen😦 Hat sie keinen Mut, echte Gegenspieler zu kreieren? In Prätz können wir auch nicht neikriechen. Ist sie autistisch bissi?

– Hm, das Symposion doch nicht so schlecht. Prätz wird körperlich lebendig, bisschen eklig, nicht so schön. Auch was Kyrillisches noch drin gefunden: Вий, Golem.

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[Nachzutragen: Gedanken über Schöenheit] *)

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[Nachzutragen: Überlegungen zu literarischem Wert] *)

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