Jens Hagen

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Stöckelschuhschritte
Von Puppenaugen verfolgt.
Der Alptraum beginnt.

Das Ausgestellte wirkt muffig, das einstmals Moderne so alt wie tausend Jahre. Konkrete Poesie feiert Urständ:

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Gebrauchte Tippexstreifen – ältere Schreibmaschinisten werden sich erinnern, man macht einen Rückschritt, klemmt den Streifen zwischen Lasche und Papier und schlägt den zu korrigierenden Buchstaben nochmal an, dann macht man wieder einen Rückschritt und kann den richtigen drüberschreiben – und auch so etwas wie Hinterlegpapier, auf das sich durchschlagende Typen eingedrückt haben. Alles hat Hagen gesammelt.

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Aktuell zur Realismusdebatte eine Vorbemerkung von 1996. Leider erfährt man im letzten Satz, dass das Plädoyer eigener Sache dienen soll.

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Einigermaßen schön die verächtliche Ersetzung des Olymp durch den Brocken. Aber doch zuu ätzend, zu dissend.

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Mein Highlight das Foto vom filmenden Rolf Dieter Brinkmann 1969 in der Hohe Straße. Ein Auszug aus dem Langgedicht „Nie ankommen – Köln Poem“:

Der Geist
Von Rolf DB
Taucht auf.
Trägt unterm Arm
Ein Manifest der Ungeduld:
Bevor ich versinke
Im großen Schlaf
Will ich hören
Den Schrei
Des Schmetterlings

Es wirkt uralt und abgelebt. Unangenehme Erinnerungen an die Schulzeit tauchen auf, als der lange Marsch durch die Institutionen gerade begonnen hatte und die Lehrkräfte uns Gesellschaftskritik vermittelten. Bei der Dokumentarsimulation Smog von Wolfgang Menge, die im Vorabendfernsehprogramm lief, war ich noch Grundschulkind gewesen. Jetzt klagte man Akkordarbeit an und schilderte sympathetisch einfache Arbeiter, die unter den Verhältnissen leiden. Unsere bildungsbürgerliche Herkunft sollten wir verleugnen und uns auf die Seite ungebildeter oder mühsam weitergebildeter Werktätiger schlagen. Für Gewalt wurden nicht tätige Entscheidungen verantwortlich gemacht, sondern wie deterministisch folgte sie aus der strukturellen Gewalt der Verhältnisse.

Jimi Hendrix hat Hagen auch fotografiert, bei einer Signierstunde im studio dumont 1969:

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Da freut er sich:

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Für Zahlenfetischisten interessant seine Schritte vom Schreibtisch zum Hauptportal des Doms, naturalmente nicht hinein*, summa 3.298, kann das sein?

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*) Zitat aus „Mein Projekt“ von 1996: „Der Arbeitstitel des vermutlich nächsten ‚Kapitels‘, zu dem bereits Notizen u. ä. vorhanden sind, lautet: ‚Nie ankommen oder Ein Atheist im Kreuzgang.'“

Als Kind hab ich auch mal Briefmarken gemalt und Stempel. Interessanter aber hier der Siegelschriftstempel. Er sieht einigermaßen echt aus. Woher hatte Hagen ihn? Oder war er in den Umschlag eingedruckt, sieht so sauber aus? Könnte man Siegelschrift, könnte man die drei Zeichen entschlüsseln.

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(Das rechte obere dürfte 静 sein.) Dann geht es wirklich an den „Rand der Wörter“, wie die Ausstellung betitelt ist. „Haiku 546 Anschläge“ vom 25 Januar 1998 ist eine klasse Idee. Wir sind ja schon von wirklichen Haiku mit sozialpolitischer Aufladung erschlagen worden

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aber jetzt zernichtet Hagen sie, indem er auf eine jede Stelle jede Type schlagen lässt.

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Man fragt sich, wie das Haiku vor seiner Entstellung gelautet hat. Schwer zu sagen, nur aus den Wortlängen zu schließen. Aus den Wortlängen zu schließen, scheint es unmöglich hier. So viele Wörter mit zwei Buchstaben nur, und sonst nur drei. Was kommt da in Frage? Er, es, du, paar Präpositionen, Verben ist, war, tun. Versuch…

…gescheitert.

Plausibler bei diesem hier, dass es aus einem wirklichen, sinntragenden hervorgegangen ist:

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Stolz auf seine Erste, mit einer Titelkritik, der Flüchtige Eindruck fehle:

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Bezeichnend für diese ganze vorherrschende negative Stimmung damals in Schland vielleicht sein Gedicht „Fragmente vom Rudolfplatz“:

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(Seinem kleinen a scheint rechts unten was zu fehlen.)

*

Mal versucht das „Haiku 546 Anschläge“ nachzuvollziehen. Gängigste Festbreitenschrift ist Courier, bzw. New:

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Unschön, wo kommt der Pfundfuß nur her? Ah, vom Q. Andere Schriften probieren! Mit GulimChe schaut’s gewünschter:

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Auffällt, das ich 1456 oder, rechnet man drei Zeilenumbrüche noch dazu, 1534 Anschläge brauchte, Jens Hagen aber nur ein Drittel. Ziel: auf eine glatte Zahl kommen. Ja, zählt man nur die wirklichen Anschläge, Buchstaben, Leerzeichen und Umbruch ignorierend, sind es 42. Die behaupteten 546 Anschläge dadurch geteilt ergibt 13, die Hälfte der Buchstaben des Alphabets.

Bestätigen tut sich das beim „Haiku 767 Anschläge“. Da sind es 59 wirkliche Anschläge, mal 13 gleich 767.

Die NZZ hat heute ein Haiku von Sengai drin. Ungefähr so: Wenn stetes Sitzen einen Meditierenden zum Buddha machte, dann wäre ein Frosch schon längst einer. Leider bringen sie die Kalligrafie nicht digital, aber ISBN 3-7701-1605-4 hat sie dankenswerterweise der Handschrift entledigt:

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