Lesen

Das schönste Lesen ist in der Stadtbahn, weil da kein Internet ablenkt. Zuhause noch besser, weil ruhiger, aber da ist die Versuchung zu groß, sich vom Netz ablenken zu lassen. Anders als andere, die in der Stadtbahn online sind, genieße ich es, da offline zu sein. Das sagte ich so auch einer jungen Frau, einer in Bochum Studierenden, die mich Montag ausfragte nach meinem elektronischen Lesegerät.

Man kann die Blicke ja mal schweifen lassen, die meisten Pendler sind einem bekannt, und sich dann wieder ins Buch versenken. Diese Lesezeit will ich mir nicht stehlen lassen. Mal spricht einen eine Fremde an, dann unterhält man sich, das ist ja ok und interessant. Aber wenn sich wie gestern eine Arbeitskollegin neben mich setzt, dann steigt ein Groll in mir auf. Auf dem Pendelweg möchte ich von Arbeitskollegen verschont bleiben. Anders als bei fremden Zufallsbekanntschaften kann man sich mit Arbeitskollegen gut auf der Arbeit unterhalten und muss das nicht in der Freizeit tun. Andere freuen sich, möglichst weite Strecken neben Bekannten zuzubringen, anders ich. Empfinde es als Zumutung, wenn ich die Leute auch in meiner Freizeit wie Kletten nicht loskriege. Anders auf der Arbeit, da ist es ok und ich akzeptiere soziale Interaktion mehr oder weniger. Aber nicht, wenn ich frei bin. Keine Minute!

Wir grüßten uns, ich in einem kurzen Flash, dann ostentativ wieder versenkt. Sie war irritiert, es störte sie, aber wohlerzogen und höflich genug, mich in Frieden zu lassen. Dass sie sich setzen musste, war mir klar, ihres Beines wegen. Und es war der einzig freie Platz in Türnähe. Konnte sie also nicht als aufdringlich empfinden. In kurzen Wellen überflutete mich die Verhärtung der Abwehr, aber bald versank ich wieder in der Küste der Lektüre. Sie war aber auch zu spannend, interessant und Freude schenkend. So sprachen wir außer der Begrüßung nichts, während wir über vier Stationen hinweg nebeneinander saßen. Als die Studierenden einstiegen, hob ich den Blick mal, um sie zu mustern, sind ja auch immer interessante Typen dabei, aber vermied, für sie wahrscheinlich deutlich spürbar, sie in mein Gesichtsfeld aufzunehmen. So können Blicke sprechen.

Als unsere Station kam, blieb ich etwas heuchelnd sehr lange ins Buch versunken. Sonst reloziere ich mich früher in den Türraum. Des Beines wegen blieb sie sitzen, bis die Bahn stand. Dann erst packte ich meine Dinge zusammen und folgte ihr somit erst in größerem Abstand. So kam es, dass auf der Rolltreppe ich wenig hinter ihr stand. Als wir im Zwischengeschoss ankamen, entpuppte sich doch noch ein Gespräch. „Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht, dass du die Rolltreppe nimmst. So sportlich, wie du bist.“ Ich wunderte mich selbst darüber, war ich doch zuhause noch die vier Stiegen herunter gestiegen, anstatt den Aufzug (电梯) zu nehmen, fast aus Prinzip, aber an dieser Stelle hier wähle ich eigentlich immer die Rolltreppe (电梯). Ungefähr so sagte ich das auch. Dann entschuldigte sie sich: „Ich nehme den Bus.“ Ich äußerte Verständnis, ihres Beines wegen, und unsere Wege trennten sich.

Frei bahnte ich meinen bekannten Weg entlang, ohne weiter behelligt zu werden. Kurze Verschnaufpause an zwei Boulevardzeitungskästen, um die Schlagzeilen zu studieren. Die bekannten Personen wie eh und je. Eine korpulente dunkelhäutige Mutter mit unschönem, aber intellektuellen Gesicht kommt mir entgegen mir einer schon ebenso obesen Tochter. Ebenso zwei Schwestern mit fast identischen Gesichtern, die Beine in engen Jeans, die ihre Form sehr herausstellen. Ihren Typ hübschen sie oft mal mit Hut auf. Überholen tue ich immer eine türkischstämmige Kleingruppe rein weiblichen Geschlechts, die die volle Breite einnehmen. Zwei Familien sind’s, nehme ich an, der optischen Ähnlichkeiten wegen. Zwei befreundete Mütter bringen ihre insgesamt drei oder vier Kinder zur Schule, viele Ranzen und Kleidungsstücke sind in Pink. Manchmal einen Kaffee im Papierbecher in der Hand. Ob ich im Gehen auch lesen könnte? Fürchte nicht.

Auf der letzten Strecke droht dann wieder Ungemach. Mancher Kollege beiderlei Geschlechts wird da überholt, starren Blicks ihn ignorierend. Meine letzten freien Sekunden sind mir kostbar. Auf den letzten fünfzig Metern dann der Spießrutenlauf. Aus parkenden Autos können Kollegen aussteigen. So auch die von vorhin, aber heute ja nicht, ein Glück. Einer aus einer anderen Abteilung, mit dem ich aber noch fast nie ein Wort gewechselt habe, raucht vor dem Fabriktor, ich drücke mich vorbei. Einmal im Leben, glaube ich, grüßte ich ihn.

Nun strebe ich dem Eingang zu und meistens trifft es sich, dass just aus der anderen Richtung ihm die Meute zustrebt, die den Bus genommen hat. Dann muss man seine Geschwindigkeit so regulieren, dass man mit möglichst wenig Kollegen beim Eintritt sich nahe kommt. Klingt verrückt, aber hat man ein persönliches Distanzbedürfnis, dann ist das so. Das Lesegerät habe ich auf Standby geschaltet, denn ich hoffe, bin ich doch früh dran, dass ich vor der Sirene umgezogen im Arbeitsbereich sitzend das Buch noch mal aufrufen kann. Obwohl das eher unwahrscheinlich ist und in weniger als der Hälfte der Fälle eintritt, die Kollegen beiderlei Geschlechts fordern eher Smalltalk ein.

Zwischen der Kollegin und mir blieb den Tag über eine Spannung bestehen. Ich unbeachtete sie etwas zu deutlich, hätte besser einen losen Spruch gebracht, um die gemeinsam erlebte Situation zu entschärfen, konnte mich aber nicht aufraffen. War halt spürbar, dass da was Ungeklärtes geblieben war. Vielleicht irgendwann einmal werde ich diesen Hintergrund, mein Bedürfnis nach Freiheit, danach, lesen zu dürfen anstatt quatschen zu müssen, leichthin äußern ihr gegenüber und sie wird es verstehen, dieses Niveau hat sie.

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