Sprachen im 《裸命》

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Chan Koonchung’s Roman The Unbearable Dreamworld of Champa the Driver heißt im Original 《裸命》, das nackte Leben. Erst auf Seite 158 von 190 erscheint der Begriff das erste und einzige Mal. Nicky Harman übersetzt:

难道我不就是像飞蠓一样,一条裸命,扑向北京,为了舞出生命中仅有的一次求偶舞?

I’m just a naked human life, just one of those midges, rushing to Beijing to seize my one chance to perform the mating dance.

Im Original ist es als Frage formuliert: „Bin ich nicht bloß wie eine dieser Mücken, ein nacktes Leben, …?“

Champa war in Lhasa gut gestellt gewesen, hat für eine erfolgreiche ältere chinesische Geschäftsfrau als Fahrer gearbeitet und war ihr Toyboy. Halb verachtet er sich als ihr „tibetisches Schoßhündchen“ (小藏獒) und in der Tat ist die Tibetdogge (藏獒) eine beliebte Hunderasse, die reiche Chinesen im Kernland sich als Statussymbol halten. Als er sich in die Tochter seiner Arbeitgeberin verliebt und die wieder zurückfliegt, fährt er ihr mit seinem dicken Wagen über vier Tage von Lhasa nach Peking hinterher. Gleich zu Beginn gerät er in einen Mückensturm. Jede Menge der Mücken verenden auf seiner Windschutzscheibe. Da denkt er darüber nach, was der Sinn des Lebens für diese Mücken ist. Viele, viele verenden, aber ein paar schaffen es, sich fortzupflanzen. Damit sei der Zweck offenbar erfüllt. Nachdem es in Peking mit der Tochter nicht so geklappt und er den Wagen verloren hat, findet er sich als Wanderarbeiter wieder, der rassisch diskriminiert wird und jede Arbeit annehmen muss. Seine Konkurrenten um Arbeit sind Legion. In diesem Zusammenhang erinnert sich Champa der Mücken.

In Lhasa hat er sich immer als halber Chinese gesehen. Auf Seite 118 erzählt er kurz seinen Werdegang. Sein Großvater hatte ihm die Flause in den Kopf gesetzt:

“学好普通话,以后可以去北京。”

„Lerne gut Chinesisch sprechen, dann kannst du nach Peking gehen.“

Putonghua (普通话) ist Mandarin, das mündliche Hochchinesisch. Das lernt er gut, in der Schule wird es unterrichtet und die Umgangswendungen lauscht er sich von chinesischen Touristen ab. Schreiben kann er es nicht so gut. Als er in Peking eine SMS von der Tochter seiner Arbeitgeberin bekommt:

我一般看汉字还行,写不行,用拼音不习惯,后悔手机没装微信。

I was OK with reading Chinese characters but not used to writing them. I wasn’t too good at the western alphabet either, so I couldn’t write Chinese in pinyin very well. Right now, I was sorry that I didn’t have WeChat on my mobile.

到京哈高速,我打贝贝的号,总是占线,只好用拼音发短信:“在哪?”没回信。

When I got to the highway, I called Shell’s number a few times, but it was always engaged. I wrote ‚Zai na?‘ Where are you? But there was no answer.

Vom lateinischen Alphabet ist im Original keine Rede. Da heißt es knapp nur: „Ich war den Gebrauch von Pinyin nicht gewohnt.“ WeChat oder Weixin (微信) kombiniert offenbar Textnachrichten mit Voicemail. Um Shells SMS zu beantworten, muss er die Zeichen über ihre Aussprache, im westlichen Alphabet notiert, eingeben. Das ist das genormte Pinyin (拼音), nach dem auch Wörterbücher heutzutage sortiert sind:

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Als ich mich mal für Gebärdensprache interessierte und einen Volkshochschulkurs belegte, wunderte ich mich über den kulturellen Graben zu den jüngeren Mitlernenden, die Studierende der Heilpädagogik waren und einer ein Jesus Freak. Ich sprach die Problematik an, eine unbekannte Gebärde in einem Korpus aufzufinden, wenn er nicht irgendwie sortiert ist. Sie verstanden mich nicht. Ich fragte: „Was macht denn ihr, wenn ihr eine nicht wisst?“ Sie sagten, sie fragten einen native signer (natürlich mit anderen Worten). Da wurde mir erst heftig der Unterschied bewusst, ob man an einer Sprache interessiert ist oder an Menschen, die sie sprechen.

Vor der letzten Unterrichtsstunde warteten wir draußen vor dem Gebäude auf die Lehrende. Einer zeigte auf den Parkplatz: Da hinten sitzt sie ja im Auto. Sie war noch beschäftigt. Die anderen schienen peinlich berührt. Ich verstand nicht. Ich sah, dass sie telefonierte, aber verstand nicht. Drinnen klärte sie dann auf, dass sie, anders als zu Beginn des Kurses vorgegeben, gar nicht gehörlos sei, sondern bloß schwerhörig. Sie zeigte ihr Hörgerät, dass bislang unter ihrem langen blonden Haar verborgen gewesen war. Sie hatte uns belogen, weil sie wollte, dass wir es erst gar nicht per Lautsprache versuchten ihr gegenüber. Hat auch geklappt. Nur war mir jetzt sehr peinlich, dass ich den offenbaren Widerspruch telefonieren – gehörlos nicht gesehen hatte.

Die Texteingabe mittels Pinyin, wo der Schreiber höchstens noch aus Vorschlägen auswählt, führe dazu, dass Jüngere kaum noch Zeichen mit der Hand schreiben könnten, beklagen Ältere den Kulturverfall. Ein knappes „Wo bist du?“ kriegt Champa aber noch hin.

Als es auf der Arbeit schlecht läuft, ruft Champa Nyima an, den er ein Stück weit als Anhalter mitgenommen hatte, um mal wieder mit jemand Tibetisch (藏语) reden zu können:

我迷瞪的拨电话给尼玛,大概是想找人说说藏语。

Am Ende des Romans listet Chan Koonchung siebzehn Ausdrücke auf, die Champa falsch verstanden hat, und ihre korrekte Schreibung. Bei einem wird er auf Seite 179 vom höher gebildeten Nyima in einem Pekinger McDonald’s auf einer Serviette aufgeklärt, dass das mittlere Zeichen von 老前婆 lǎo qián pó, welches Harman als „god-botherer“ übersetzt, sich richtig 虔 qián schreibe, was es zu „devout believer“ macht. Ab da steht im Text nicht länger 老前婆, sondern nun korrekt 老虔婆. Anders bei den anderen Ausdrücken. Sie lernt Champa nicht richtig verstehen (was sie korrekt schreiben zu können bedeutet) und sie bleiben bis zum Ende des Romans falsch wiedergegeben. So das sich durchziehende Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“. Statt des richtigen 血浓于水 xuè nóng yú shuǐ versteht Champa das gleich ausgesprochene 血脓于水. Statt nóng als „dick“ (浓) zu verstehen, deutet er es also als „eitrig“ (脓). Harman übersetzt das schön mit „sicker“ instead of „thicker“. Und so ist es bei allen diesen siebzehn Ausdrücken. Homophon werden sie von Champa falsch verstanden und erscheinen entsprechend seiner Deutung im Buch abgedruckt.

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