Umkehr

Architekt Paul Böhm, der auch für die Zentralmoschee in Ehrenfeld verantwortlich zeichnet, äußert im Interview mit Christoph Schmitz, abgedruckt im Pfarrbrief von St. Severin 1/2014, über die von ihm erbaute Vingster Kirche St. Theodor:

Zur Offenheit von St. Theodor gehört die große Geste des Tores, das in Glas gefasst ist, oder das große Westfenster, das vom Boden hoch bis zur Decke strebt samt einer Bemalung mit Bibeltexten, die aber nicht von innen, sondern nur von außen zu lesen sind.

Das interessierte mich der Doppelbödigkeit von „Bilder lesen“ wegen und ich wusste nicht, als was ich mir jenes „Gemalte“ vorstellen sollte. Worauf eine Exkursion dorthin erfolgte. Sind die bunten Glasfenster sonst nicht aus gutem Grund von innen recte gemalt, weil sie nur von dort besehen vom Himmelslicht hintergrundbeleuchtet richtig strahlen, von draußen besehen aber kaum mehr als grau wirken? Memento Kölner Dom, oder Nikolausfenster in Bensberg:

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Nunc videtis.

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Dem Stadtplan gemäß zeigt eigentlich die große, schwere, hölzerne Eingangstür mit dem Glasrand drumherum nach Westen, die größte „beschriftete“ Glasfläche dagegen nach Süden und nur eine kleine beschriftete, die wieder eine kleinere Tür umfasst, nach Westen. Somit würde eine Mehrheit für südwärts voten, denke ich mal. Aber egal.

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Es stellt sich heraus, dass das „Lesen“ in der Tat wörtlich gemeint ist. Kein unproblematisches Vorgehen in unserer multimedialen Zeit. Wer findet Zeit, die Textmassen zu lesen? Nicht einmal ich. Versuche das Zitierte aus dem Buch der Bücher zu fixieren, aber zumindest beim ersten Besuch blieb es löchriger als ein Schweizer Käse. Manche Sätze kommen mir bekannt vor, so „Du sollt den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzen Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken“, „in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ oder „So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt“, andernorts finde ich Namen wie Judith und Miriam. Und oft wird laute Musik gemacht. Was die drei Quader ▋▋▋ bedeuten, weiß ich noch nicht. Zeichen einer Auslassung wie „[]“ oder bloß ein Verswechsel wie von Judith 16,1 nach Judith 16,2?

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Zum Vorgehen „Text statt Bild“ möchte ich Folgendes anmerken. Texte von innen lesbar aufzumalen, wäre weniger sinnig gewesen, soweit d’accord. Die drinnen kennen die Lehren ja wohl. Lehre nach außen zu präsentieren kann Ungläubige hereinlocken, insofern macht es mehr und vielleicht allein Sinn. Eminenter Einwand andererseits: Wer liest denn heute überhaupt noch gern? Ein paar Sprüche, zweitausend Jahre alt, in Kapitalen rauh auf glattes Glas gesetzt, kann man kaum einladend nennen. Da wären bunte Bilder von biblischem Geschehen, das auch dem Heiden einen Lebensanschluss bietet, doch mehr als vielmehr wirksam gewesen. Insofern „Don’t like“.

Versucht reinzugehen hab ich leider versäumt. Vielleicht ist drinnen ja auch irgendwas zu sehen. Draußen drumherum die Menschen in den Straßen von Vingst sahen mit keiner Ausnahme nicht christlich aus.

Zu Kirchenbauten dieser Art insgesamt meine Meinung: Sie sind schlicht konzipiert, aber immerzu mit teurem Geld errichtet, das sieht man ihnen an. Beton mag man zwar billig nennen, aber der Stararchitekt holt die Kosten rein. Und die, wie soll ich als Nonarchitekt sagen, sekundären Elemente wie Türen sind da immer so schwer und aus massivem Holz, dass man ihnen die Luxuskosten regelrecht ansieht. Oft auch – ob in Theodor auch, weiß ich nicht – sind drinnen die sakralen Gegenstände dann trotz ihrer Prunklosigkeit aus dermaßen teurem Material gefertigt, dass man die Schlichtheit kaum glauben kann. Nojo, auch diese Mode wird wieder vorübergehen.

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