Baustellenbegegnung

Auslöser des Fotografierens war, dass eine Betonplatte on top of a Schotterberg lag. Würde man es nicht eher umgekehrt erwarten? So fotografierte ich die Szene, mal mit weniger Grün und mehr rotem Mohn im Bild, mal mit Meergrün und weniger Mohn. Dann noch einen Schutthaufen, weil ich die Struktur pittoresk fand.

Da spricht mich vom Balkon des gerade erbauten Hauses wer an: „Darf ich fragen, warum Sie fotografieren?“ Seinem Stimmklang nach vermutete ich Polnisch als seine Muttersprache. Ich erklärte, welche Motive ich weshalb aufgenommen hatte „zu privatem Zweck“, nicht um es für irgendeine Aufsicht zu dokumentieren. Er meinte, man dürfe nicht einfach eine Baustelle fotografieren. Dafür sei sie abgesperrt. Ich erwiderte, man könne doch alles sehen durch den Gitterzaun hindurch und machte eine Bewegung mit zwei Fingern von den Augen weg. Dachte im Stillen, dass sie sonst hätten Sichtschutz anbringen sollen. Er bestand darauf, gelassen und mit ruhiger, sympathischer Stimme, dass abgesperrt sei. „Jetzt ist offen, weil wir hier arbeiten.“ Da sah ich, dass das Gitter an einer Stelle von der Straße weg aufgeschoben war. „Hier ist Verletzungsgefahr, für Kinder, auch für Erwachsene.“ Und er zeigte vom Balkon herab auf bestimmte Stellen im Gelände. Wir mussten recht laut sprechen, er da oben, ich außerhalb des Zauns. „Sonst ist zu. Es ist gefährlich.“

Da verstand ich und versicherte ihm, dass das offene Gitter auf den Bildern nicht zu sehen sei. „Sie befürchten, dass man sieht, dass offen ist, aber nicht Sie, wie sie aufpassen.“ Er grinste, ich auch, und wir verabschiedeten uns.

Auf den Ausschnitt kommt es an, „ja klar“, wie eine Kollegin gern kräht. Erinnert mich ans Foto vom Flüchtlingsjungen Marwan, umringt von vier Helfern in UNO-Blau, mutmaßlich allein in der jordanischen Wüste. Alle Onlinemedien druckten es ab und die Anschauer hielten den Jungen für allein in der Wüste und „crossing desert alone after being separated from family“, wie Hala Gorani twitterte. Bis sich Einwände zu Wort meldeten und auf dem Twitteraccount des Bildjournalisten Bilder von vorher und nachher aufgespürt wurden, die den Jungen ein paar Meter nur getrennt von der Schar der Flüchtenden und auch seiner Mutter zeigten.

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