Woelkis Antrittsbesuch

Die Nachricht hatte mich Mittwoch Feierabend erreicht. Nachdem mein Internet im Dauerstarkregen abgesoffen war, wollte ich im WDR Videotext nach dem Wetter schauen. Da erblickte ich auf der Hauptseite die Schlagzeile. Die Kirchenkreise werden dichtgehalten haben, aber das Preußenkonkordat (Art. 6, Nr. 1, letzter Satz) verlangt, dass die Landesregierung zustimmt, da wird die Sickerstelle gewesen sein. Die offizielle Bekanntgabe erfolgte erst Freitag high noon. „Habemus episcopum“, protzte ein theologisch ausgebildeter Arbeitskollege nächsten Tags, während die Boulevardzeitung nur titelte „Habemus Woelki“.

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Heute vormittag nun stellte sich der vorübergehend nach Berlin verlorene Sohn im Kolumba, dem vom Schweizer Peter Zumthor erbauten Kunstmuseum des Erzbistums der Presse. Als ich um fünf vor zehn anlangte, war die Gebäudefront ganz leer. Nur ein leutseliger Wärter harrte hinter der Glasscheibe. Hinten in der schmalen Straße ein Polizeiwagen. Nur ganz vereinzelt tröpfelten einzelne Pressemenschen noch ein, dann kam der neue, große Erzbischof mit kleiner Entourage und wurde hineingelassen.

Lange Zeit war ich einziger Schaulustiger, dann erst traf eine Familie ein, die sich genauso zum Gaffen postierte. Gut, kurz visitierte ich die Lengfeld’sche nahebei, Schall von Bell vor der Minoritenkirche und drinnen fand ich neben Duns Scotus ein Chronogramm:

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numerale positi monumenti
en sVb eo saXo reqVIesCVnt Chara parentVM
Corpora, qVe sVpra sCVLpta tabeLLa notat.

Macht 1596. Um elf Uhr gingen die Sirenen. Erwog, dass sie wohl die Sommerzeitumstellung nicht erreicht hatte. Aber im Nachhinein erfahren, dass unserer Boulevardzeitung der akustische Konflikt ins Auge gestochen war und die Feuerwehr eines zudrückte und den Test vorverlegte.

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Um zwanzig vor zwölf erst verließ die Meute das Gebäude. Mein Gott, ist Johannes Schröer (im hellen Anzug) dünn!

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Schnell schritt nun der Hochgewachsene (1,92 m), jungenhaft Wirkende (57 J.) die fünfhundert Meter, die ihn vom Dom noch trennten. Hielt aber immer wieder inne, um sich mit Passanten zu unterhalten.

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Spricht auch länger mit dem Einsatzleiter der Schutzpolizei in gelber Leuchtweste. Während Woelki sich noch von Passanten wieder aufhalten lässt, eilt Feldhoff, Handy am Ohr, vorweg den Empfang im Dom organisierend. Um den neuen Erzbischof scharen sich drängelnd ein paar weitere Männer in Schwarz, wie Krähen um den Spatzenkönig. Um die Nähe zur Macht hacken sie, um Präsenz im Bild.

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Die Reue kommt nach dem Fall. Auf den Stufen zur Domplatte posieren Heße, Woelki und Feldhoff vor der Westfassade für die Presseknipser. Hinten schwenkt ein „Helfer“ laut die Arme. Und Woelki samt Tross steuert ihn an. Frage mich, wie die Auswahl der Gesprächspartner geschieht. Stelle mir ein zweistufiges System vor. Junge, agile Scouts machen versprechende Personen in der Menge aus und geben laut winkend ihren Standort bekannt. Der Pressereferent dicht neben der Prominenz filtert den Scoutinput und dirigiert sie dann dahin. Darauf hätte ich besser mal geachtet als nach Fotos zu jagen! Bilder kriegt die Welt wahrlich genug.

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Denn es ging sorgfältig selektiv weiter, hatte ich den Eindruck. Auf der Domplatte sprach Woelki erst mit zwei Mädchen. Gleich nachdem er sie verlassen hatte, hockt eine Pressefrau sich nieder: „Wie heißt ihr denn?“ „Nicole.“ Da war Woelki schon selbst in die Knie gegangen, um mit einem Schlandfan auf Augenhöhe zu kommen.

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Als er dann auf den Dom zuschritt, wurde ich gewahr, dass die Masse, die die Platte füllte, eine Gasse gebildet hatte. Als er die schwere Kirchentür am Ende fast erreicht hatte, brandete Applaus auf. Gut, brandete ist vielleicht zuviel gesagt, aber das Publikum applaudierte, und zwar nicht durch Claqueure aufgehetzt. Man heißt ihn willkommen, heißt das. Eine Frau im roten Jäckchen, die ich für die pensionierte Dombaumeisterin Schock-Werner ansehe, fiel ihm sogar um den Hals. So sichtlich freute sie sich. Neben der großen Türe schritt Woelki auf zwei Nonnen zu in einfachem Habit, hellblau, weißes Kopftuch und barfuß in Sandalen. Halte sie für von der Gemeinschaft von Jerusalem, die nächst Groß St. Martin sitzt. Schüttelte ihre Hände und sprach mit der einen. Die strahlte noch, als sie begleitet von ihrer Kollegin über den weiten, leeren Roncalliplatz wieder ihrer Wohnstätte zustrebte. Mit wenigen Minuten Verspätung nur betrat der designierte Erzbischof die Kirche und die Diener schlossen sie hinter ihm. „Und das war’s?“, fragte ein junger Mann seine Begleiterin. „Dachte, er kreuzt im Talar auf, oder so.“

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