Schneiders Verblendung

Just am Tag, als der Perlentaucher später melden sollte, dass Andreas Rossmann in der FAZ über Gregor Schneiders verblendete Synagoge in Stommeln schreibt – der Artikel ist noch nicht online und im Print hab ich sie nicht gekauft -, fuhr ich morgens nach Stommeln, um sie mir anzusehen. Ein Strohhut war nötig, weil es heiß werden würde. Deutlich vor neun war ich da. Einen anderen Weg gewählt als damals, als ich Stommeln seiner berühmtesten Eingeborenen, der gezeichneten Christina, wegen besucht hatte, nämlich den Kirchtalsweg, und dann erst den Berlich wie damals an der Privatkapelle vorbei, über die Venloer Straße hinüber hinauf zur Windmühle und links den Judenfriedhof in Augenschein genommen. Das Tor war abgeschlossen, die meisten Gräber versammelten sich weiter hinten, etwas vorn nur ein gleißend weißer Grabstein mit dem Davidstern (מגן דוד, 大卫星 dàwèixīng – der Google Übersetzer versteht dàwèi nicht als phonetisch für David, sondern übersetzt es als „großen Satelliten“, auch eine Möglichkeit). Wieder runter vom Windmühlenhügel.

Die zentrale Kreuzung K20/K24 wird gerade groß umgebaut. Wenig entfernt davon schlupft der Weg zur Konzeptkunst rein.

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Schneider hat aus der Synagoge ein Einfamilienhaus gemacht. Hoffentlich wird es am 27.10. wieder zurückgebaut, damit der Davidstern wieder Luft kriegt. Ohne Uminformation ist das Kunstwerk nicht verständlich. Vielleicht, hätte ich einen Anwohner gefragt, hätte der mir gesagt, dass es vor zwei Monaten noch ganz anders ausgesehen hat, und mir die Historie hingeblättert. So wusste ich aus den Medien davon, zumal Schneider jüngst erst groß in der Presse war seiner „Totlast“ in Duisburg wegen. Der 45-jährige Künstler hat der Synagoge unter dem Deckmantel des Einfamilienhauses zu einer eigenen Adresse verholfen – früher lautete sie „Hinter Haus Nr. 85“ -, daher der Titel: „Hauptstraße 85 a“ und seinen Namen an die Tür gesetzt. Ästhetisch hat das Kunstwerk nichts zu bieten, aber es geht ja ums Konzept, einen Diskursanstoß, Gedanken, die sich im Betrachter bilden. Eigentlich wie bei einem Denkmal.

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Manchen fielen andere Unplausibilitäten auf, mir, dass allein das Haus strahlend frisch war und das Drumherum nicht. Hätte im realen Leben erwartet, dass auch der enge Space vorm Gebäude irgendwas vom Stil abbekommen hätte. Der Perlentaucher gibt Rossmann wieder, dass die Verkleidung wie eine Teflonschicht wirke. Finde den Vergleich verkehrt, denn spätestens, wenn ein Sprayer kommt, wie hier im Tunnel unter der Bahn her:

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wird sich herausstellen, dass die Hülle nicht alles abweist, und das Geschrei groß sein. Vielleicht hätte es drinnen auch was zu sehen gegeben, aber wagte nicht zu klingeln.

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Der Morgentau machte den Namen noch schwerer ablesbar:

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Den Zug um viertel nach nach Köln knapp verpasst und erst geärgert. Dann durch die Unterführung aufs freie Feld gegangen und im Endeffekt froh gewesen über die Verpassung.

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Zehn Minuten nach Westen gegangen, diesmal nicht den Rheidter Weg wie damals vom Churchill aus, sondern zwei Wege weiter nördlich. Ein Hundehalter im Weg, aber er wünschte einen guten Morgen. In der Ferne die Braunkohleschlote von Niederaußem, davor ein kleiner Wald von Windrädern. An der nächsten Kreuzung nach links abgebogen und fünf Minuten gegangen hinunter in eine Aue, die aber ohne Bach ist. Die breite Umgehungsstraße B59 brauste. An der Kreuzung wieder nach links abgebogen wieder auf Stommeln zu. An der Kreuzung neben einer Bank eine leere Tafel gewesen, ein Zeichen ohne Zeichen:

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Was will das besagen? Noch in der Genese verhaftet? Doch ein, zwei Tafeln weiter klärte sich’s auf.

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Wenige der Tafeln, die den Weg – den Baumlehrpfad – nun vielfach säumten, trugen den notwendigen Hinweis. Jedenfalls ich war bei der ersten nicht auf die Idee gekommen zu probieren, ob sich da was öffnen oder aufklappen ließe. Rechts kündigt ein Schild einen „Kinderwald Pulheim“ an. Ich betrete ihn, der so früh samstags noch kinderlos ist. Einen „Gleichgewichtsparcours“ gibt es da, wo Kinder das Balancieren üben können. Und einen „Barfußparcours“, wo Kinder verschiedene Untergründe spüren können, elf Stück, von dicken Kastanien über Äste, Stroh, Gras, groben und feinen Kies undsoweiter:

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Ein Wald ist der Kinderwald allerdings nicht. Eher eine Auwiese unterhalb des Walds, der zum Kirchhof gehört. Von da aus schnell wieder am Bahnhof gewesen, zwanzig Minuten zu früh. Diesen Hang sah ich dann in der Tat einen Mann mit Hund und in seiner Folge seinen skeptischen Sohn hochkraxeln:

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Um viertel nach zehn den Zug nach Köln genommen. Recht viele stiegen ein. Ein kleiner Junge im Kinderwagen liegend glotzte mich groß an auf dem Bahnsteig, von seiner Oma geschoben. Das Mädchen neben ihr plapperte. Ein dazugehöriger Junge starrte mich auch etwas an und als ich seinen Blick nur mit einer kaum merklichen Mundwinkelbewegung quittierte, grüßte er mich forsch und ich ihn leiernd zurück, da war er’s zufrieden. Ob der Opa, der sich mit Koffer neben mich in den Schatten stellte, zu dieser Vierergruppe gehörte, konnte ich nicht ausmachen. Da hinten stehen noch ein paar Leute mit dicken Koffern, könnten dazugehören und die Generation dazwischen sein.

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