Nietzsche wider Bücher

Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man so selten als möglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine „Freiheit“, seine Initiative gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als Gleichniss den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur noch Bücher „wälzt“ – der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags ungefähr 200 – verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, – er reagirt zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, – er selber denkt nicht mehr… Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der Gelehrte – ein décadent. – Das habe ich mit Augen gesehn: begabte, reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren „zu Schanden gelesen“, bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss, damit sie Funken – „Gedanken“ geben. – Frühmorgens beim Anbruch des Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch lesen – das nenne ich lasterhaft! – –

In seiner unnachahmlichen, größenwahnsinnigen Art polemisiert N. hier gegen Bücher. Sie schränkten die Freiheit des Selberdenkens ein. Dass sie einen Ausweg aus dem Selbstlabyrinth erst erlauben und damit die Freiheit vergrößern, fällt ihm nicht ein. Als Philologe liest er Bücher nicht als Leser, sondern als Wissenschaftler, der sich im Gitter ihrer Buchstaben gefangen fühlt. Als Möchtegern-Kraftmensch muss er auf die etablierte Academia natürlich mit Kanonen schießen. Das Lesen als bloßes Reagieren anzusehen ist freilich ganz korrekt. Aber nur Überempfindliche können sich doch davon gestört fühlen. Ein freier Leser legt ein Buch weg, wenn es ihm nicht gefällt. (Obwohl Schreibender das kaum noch tut. Besser zuende lesen auch bei Missfallen, um ein holistisches Urteil fällen zu können.) Ein Akademiker dagegen leidet sicherlich unter der Flut von Buchstaben, die zur Kenntnis genommen sein wollen.

Hier also hetzt er gegen Bücher, an anderer Stelle von Ecce homo wiederum stützt er sich auf welche, wenn auch anderer, prosaischerer Art, wenn es ihm in den Kram passt: „Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt)“, als er gegen die Deutschen hetzen muss und die Schuld auf ihre Küche schiebt. Wenige Sätze zuvor heißt es: „Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer’s (1865), sehr ernsthaft meinen ‚Willen zum Leben‘.“ Solche Übertreibungen sind vielleicht amüsant, aber auf die Länge ihrer Dauer ermüden sie doch sehr die Lektüre. Dennoch zu Ende gelesen natürlich, s.o.. Irritierend immer wieder bei den Ebooks, die aus Gutenberg kreiert sind, dass man denkt, jetzt kommt noch ein ganzes Stück, wenn man auf Seite 67 von 74 ist, und dann endet das Buch überraschend und es folgt eine ellenlange Rechtsbelehrung.

P7270223_450x600

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: