Zülpich – Kall

Um viertel vor neun los. Im Zug nach Euskirchen sprach ein Mann Sätze ins Smartphone, Satzzeichen mitdiktierend. Dann sprach das Handy ebendiese Sätze zurück, mit weiblicher Siristimme, nachdem er auf dem Touchscreen Klavier gespielt hatte ohne hinzusehen. So „Ich kenne deinen Ort nicht.“ Die Schuhe hatte er ausgezogen und die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt. Im Verlaufe der Fahrt gewann ich den Eindruck, er stalkte. Vielleicht auch nicht, vielleicht mailte er Verschiedenen. Eigentlich vernünftig, Briefe, die man diktiert, sich wieder vorlesen zu lassen, ob sie richtig angekommen sind in der Maschine. Einen Vierer weiter hing ein Schild „Das will doch wirklich keiner! Drunter unter den Verbotspiktogrammen eines, das die Füße auf dem Sitz zeigte.

Als er seine Mails diktiert hatte, vielleicht an die zehn, kraschpelte er was aus seinem Rollkoffer. Ich war in Nietzsches Zarathustra vertieft. Ein leichtes Schabgeräusch weckte wieder meine Aufmerksamkeit. Als ich mich aufraffte hinzusehen, glitten seine Finger über Blätter mit Braillehubbeln. Nichts Gebundenes, sondern lose, am Rand, der mit einer Linie aus Braillepunkten markiert war, unsauber abgerissen. Vielleicht ein Ausdruck?

Vor dem Ausstieg in Euskirchen war ich kurz versucht, sein Braillemanuskript zu fotografieren, um es zuhause zu entschlüsseln. Hätten mich andere Fahrgäste, nein, -innen, nicht beobachtet, hätte ich seine Privatsphäre vermutlich sogar gebrochen. Er merkt es ja nicht. Im Nachhinein leide ich unter der Nichtgestilltheit meiner Neugier, aber bin auch froh, nicht übergriffig geworden zu sein.

Der Zug war noch passabel leer gewesen. Jetzt an der Bushalte drängten sich schnell Touristen. Hatte gehofft, dass die Landesgartenschaubesucher erst am Wochenende einfallen würden. Zwei, drei Gesichter unter den fünfzig Erwartungsfrohen sahen aus wie Lokale. Rentner jedoch haben immer Zeit. Die Alten rückten mir auf die Pelle und ich musste ihren Geruch, ihr Parfüm einatmen. Verlebte Gesichter, die noch munteren Ausdruck zeigten. Gesundheitsschuhe und praktische Kleidung. Eine Frau mit pink lackierten Nägeln, die im Türraum stand, unter flottem weißen Kurzhaarschnitt einen dicken, schwarzen Damenbart über der Lippe. Da hinten ein Mann, neben ihm einer mit großen, vermutlich falschen Zähnen, die er breit bleckte, was holt er da aus seiner Kleidung? Ein dünnes Fläschchen. Was macht er da? Nippt er davon, oder benetzt er seine Lippen damit? Für einen Flachmann war die klitzekleine Pulle viel zu klein. (KLITZE hätte ich gern beim aktuellen CUS rüber 28 eingetragen, aber war KITZE.)

Vortags in der Kölner Straßenbahn ein Mann mit arabischem Vollbart. Holte auch so was Kleines aus einer Tasche und schlug es gegen die Ränder seines Barts. Imaginierte Rosenwasser, aber konnte es nicht herausschnuppern. Die Frau neben ihm, arabisch gekleidet, schien europäischen Ursprungs zu sein. Das Kind, mit seltenem blonden oder rötlichen Haar (vergessen), sprach mit der Mutter Arabisch. Der Mann sagte, glaube ich, nichts. Von der Visage her konnte er sowohl arabisch als auch deutsch sein. Der Bart halt und die Tracht ließen ihn arabisch wirken. Die Sitte, dass Männer die Extrema ihrer Potenz parfümieren, kannte ich noch nicht. Aber – Hafis! – ist die arabische Kultur vermutlich viel kultivierter als die unsere.

In Zülpich viel zu früh ausgestiegen. Beim Bahnhof Abzw., das ist im Westen. Meine Karte begann erst im Süden. Also ein ganzes Stück durch die Stadt, bzw. an ihrer Stadtmauer entlang, bis ich zum Kloster Marienborn fand, heute eine psychiatrische Klinik und Altenheim. Dummerweise verlor sich der Bürgersteig der Luxemburger Straße, die ich nehmen wollte, danach schnell. So nahm ich einen Umweg, der, während wenig nördlich von mir ein langer Stau vor der Einfahrt zum sogenannten Lago okkurierte – sind Sommerferien, da gönnt man seinen Kindern ein Badevergnügen – … rechnen! Die Diagonale eines Einheitsquadrats ist Wurzel(1^2 + 1^2) = Wurzel(1 + 1) = Wurzel(2) lang. Zwei Seiten sind 1 + 1 = 2 lang. Zwei Seiten verhalten sich zur Diagonalen daher wie 2/Wurzel(2) = Wurzel(2).

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So war es, als ich von der Luxemburger Straße aus erst nach Südosten abbog – den Weg querte eine stachlige Raupe:

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um dann einen rechten Winkel zu schlagen und an Floren vorbei wieder die Richtung der Straße zu gewinnen. Ein schön ruhiger, von kaum einem Menschen frequentierter Weg. Hier ein Pferd, wenn Blicke töten könnten:

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In der Folge führt der alte Römerweg gerade durch Felder auf die Hügel zu. Kein Mensch begegnete mir, außer einmal eine Pferdewirtin im Auto. Was ich erst für moderne Kunst hielt, stellte sich als schnöde, öh, Information mit überdachter Rastbank heraus, heißt der Römerweg hier doch Via, wie nicht anders zu erwarten.

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Ein ganzes Stück weiter ging es dann mählich einen Hügel hinauf und oben befand sich eine fette Stele auf einem sogenannten St.-Matthias-Platz. Die Bruderschaft organisiert Wallfahrten zum Trierer Rock. Überhaupt schwer katholisch die Gegend hier. Gerastet und das mitgebrachte Mittagessen gegessen. Dann die Richtung weiter gehalten, SSW, bald hinab.

Bei der Eickser Mühle begann die zweite landschaftliche Formation. Vorher fette Börde, jetzt feuchtes Bachtal. Begegnete zwei Einwohnern, einer mit zwei Pferden zugange, die mich neugierig musterten und grüßten, leider. Über den Häusern kreisten und kreischten vier Raubvögel. Der Weg führte ans Eickser Wasserschloss heran. „Privatbesitz“ stand groß dran, sodass man sich dran hielt und nicht durchs Tor trat. Drumherum sickiges Wasser, aber schöne Pflanzen vorm Entree, vermutlich Rittersporn. Über die Brücke und den Mühlenbach entlang. Doch bald führte der Weg vom Bach ab gen Osten. Ärgerlich. Hätte besser die vom Eifelverein ausgeschilderte Route „<" beibehalten, obzwar ihr bescheuertes Symbol, wenn ganz klein darunter ein langer Pfeil nach rechts zeigt, nichts anderes als kontraproduktiv ist.

Im Eickser Busch, den ich nun durchquerte, mir überlegt, wie groß die Wahrscheinlichkeit für Herz in der zweiten Etage ist, wenn Paula nur ihre ersten beiden Regeln benutzt. Vom Javascript wusste ich noch von gestern her, dass in 112 der 256 Fälle Herz erscheint, und die anderen drei Farben gleichverteilt vom Rest, das macht (256 – 112)/3 = 144/3 = 48. Aber noch nicht hingekriegt, dieses simpel ausgezählte Ergebnis zu begründen. Also jetzt im Eickser Busch, wo ich einmal bei einem Fehltritt über die Sohle hinaus im Matsch versank eines nassen Waldwegs mit dicken Treckerspuren. Ein den Forst liebender Baron hatte da neben einem Marienpavillon aus dem 18. Jahrhundert sein Grab legen lassen. Margarethe Koenig schrieb am 20. Februar 1913 auf dem Nil über ihn: „V. Geyr ist ein prachtvoller Mensch, zart und gut in seinem Empfinden, stets bedacht für Alex, voll größter Rücksichtnahme und dabei energisch und zielbewusst.“ An seinem Wohnsitz, der Wasserburg Eicks, bin ich vorbeigekommen, bevor es hinauf in den Eickser Busch ging. Vier Greifvögel kreischten über der Eickser Mühle.

Eine Seite wird auf Herz gesetzt, falls in der Ebene darunter gegenüber Kreuz vorliegt. Kreuz liegt dort mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/4 vor, mit 3/4 Wahrscheinlichkeit wird eine andere Farbe von Herz überschrieben. Mit Wahrscheinlichkeit 1/4 liegt am Zielort schon Herz vor. Also ist die Wahrscheinlichkeit für Herz am Zielort 1/4 + (3/4)*(1/4) = 4/16 + 3/16 = 7/16. Nun ist 112/256 durch 16 gekürzt eben dieses 7/16, prima. Es ließ sich im Kopf rechnen, wobei ich nicht 112/256 kürzte, sondern 7 mit 16 plutimikierte, weil so der Nenner auf 256 kommt, und kriegte raus 70 + 6*7 = 70 + 42 = 112, supi. Weiterstapfen!

Die dritte Landschaftsformation begann, als ich nach Voißel, wo ich noch energische Frauen mit Hammer und Meißel auf arme Holzblöcke einschlagen sah, wozu ein Mann, vielleicht Leiter des Kunstkurses? leger im Liegestuhl liegend lachte, aber gleich darauf trabten auch schon wieder Pferde über die Weide, mag eine andere Aktion gewesen sein … die Höhe gewann und nach links schwenkte. Jetzt lag alles weit ausgebreitet vor mir. Vier große Windräder von Fuhrländer, an denen ich vorbeimusste. Kall war im Tal zu erahnen, die weiße Kirche von Keldenich strahlte, die ich schon mal besucht hatte auf der Suche nach Norbert Scheuer. Links von ihr ein weiterer Windpark mit vierzehn Rädern. Manche drehten sich langsam, aber mit Geräusch, sodass ich vermutete, ob nicht umgekehrt Energie hineingepumpt werde, um die Lager schmierig zu halten.

Die Zugfahrt zurück war … schwierig. Hatte einen Vierer für mich allein, aber jenseits des Gangs ließ sich ein Älterer nieder, der völlig unruhig war. Trug eine langärmlige Jacke, die bei jeder Bewegung schabte. Platzierte seine sneakerbekleideten Füße auf der Fußleiste, der Bequemlichkeit halber. Sein Gesicht wie vom Knast. Seine Arme kräftig und blond behaart. Warum ist er so unruhig? Es stellte sich heraus, dass er keine Fahrkarte besaß und beim Fahrerwechsel (Frau -> Mann) in Euskirchen von dem auch keine bekommen konnte, als er ihn anquatschte. Mehrfach telefonierte er mit einer Frau, „das ist ja Quatsch“, mit der er für den Abend verabredet gewesen, was er jetzt absagen musste, weil er kurzfristig nach Köln müsste (um Schulden zu begleichen, imaginierte ich). Heute mittag hätte er es selbst noch nicht gewusst. Probierte Figuren aus und endete bei einer Tochter, von deren Mutter er getrennt lebt, die das Sorgerecht hat.

Ein anderer Mann war in Kall noch knapp zugestiegen, hatte laut in den Schlauch des Inneren gefragt: „Fährt der nach Köln?“, was ich zuvorkommenderweise bejaht hatte. Er kannte den Unruhigen. Sprach mal mit ihm, und nach diversen Stationen setzte er sich ganz zu ihm, also in den Vierer gegenüber meinem. Er sprach mit Akzent, vermutlich Slawe, konnte dem stark rheinisch Sprechenden aber fundiert Auskunft geben. Er, mit dicker Plautze über der Stoffhose, an deren Bund sich hinten ein Schweißrand abzeichnete, und hochrotem Kopf, guckte mit blauen Augen aus meinem Fenster. Aus _meinem_. Erst dachte ich, er schaut aus dem Fenster, weil interessiert am Feldbetrieb der Bauern da, aber dann nahm ich wahr, dass er eher mir ins Gesicht schaute. Worauf ich den Vierer verließ und mir einen anderen Platz suchte. Leider auch der gegenüber einem hyperaktiven Mann mit gestressten Gesichtszügen, welcher ein Taschenbuch raschelnd rasch durchblätterte und ganz unnötig hier mal hüstelte, da mal hatschiete, und immerzu mit seinen Fingern irgendwo in seinem Gesichte zugange war, ohne prekär zu wirken. Suchte mir einen anderen Platz und wählte einen Klappsitz im Türraum, da kann wenig passieren. Bis in Hürth-Kalscheuren zwei einsteigen und sich ebenfalls auf Klappsitzen in ebendiesem Türraum niederlassen mussten. Der Mann wortkarg, in sein Handy vertieft, und zudem ein Buch à la Howto tragend. Die Frau Stückchen älter, aber ihn als Besitz betrachtend und ihn belabernd. Die menschliche Stimme, die da so energisch wertlose Sachen sagte, nervte mich gehörig.

Um halb elf in Zülpich aus dem Bus gestiegen, um viertel vor eins durch Eicks gekommen, um halb zwei in Glehn gewesen, um drei in Voißel kurz gerastet und um vier Kall erreicht. Um sechs daheim gewesen. Um viertel vor neun losgefahren gewesen. Fünfeinhalb Stunden gegangen, kaum Pausen gemacht. Google Maps zeigt die Entfernung mit wenig über 20 Kilometer an, weshalb ich mit vier bis fünf Stunden gerechnet hatte. Aber in Zülpich war ich viel zu früh ausgestiegen und musste mich erst noch durch die Stadt, knapp außerhalb der Mauer quälen, bis ich den Beginn meiner Karte erreichte und das Kloster Marienborn, heute psychiatrische Klinik und Altenheim. Dann führte kein Fußweg länger die Luxemburger Straße nach Süden entlang, sodass ich einen Ausweg nehmen musste, welcher meinen Weg um den Faktor Wurzel(2) ~= 1,4 verlängerte. Ganz lang stauten sich die Autos auf der Straße zum Lago, wahrscheinlich ein in diesen Sommerferien viel frequentiertes Wasservergnügen, die ich fast parallel links liegen hatte. Dann bog ich im rechten Winkel nach rechts ab und erreichte die alte Römerstraße wieder, als sie der Autobetrieb mittlerweile etwas nach rechts hin, genauer nach Merzenich, verlassen hatte. Schön einsam ließ sich der gute Weg begehen. Etwas eintönig war die Börde hier, die Strecke zog sich schnurgerade zwischen großen Feldern hindurch. Mal fuhr ein Auto vorbei, von einer Pferdewirtin gelenkt. Aber sonst sah ich praktisch niemals Menschen. Außer arbeitenden Bauern und Einwohnern in durchquerten Ortschaften. Dafür glotzten mich Kühe an, Pferde schauten, obwohl ihre Augen von einer Binde verdeckt waren, ein Zicklein meckerte neugierig, Rehe sprangen hinweg und fette Schafe ließen sich im Grasen nicht stören. Aus manchem Buschwerk flog laut die Blätter klatschend gestörte Ornis auf.

Die Gegend ist schwer katholisch geprägt. Viele Wegkreuze, Maria beim Grab des Grafen, Matthiasbrüder, eine alte, harkende Ordensschwester in Zülpich. Rote Erde in Glehn. Eine Straße hieß da so, und tatsächlich wies später am Waldrand die umgepflügte Erde eine ganz rote Farbe auf. Auch die Station vor Aachen Hbf heißt so, scheißt die Erinnerung wieder klug. Die Glocken in Bleibuir, das ich als Bleiburg las, sollte ich noch erklären. Stand gerade vor einem Hinweisschild auf die Viermühle, als die Glocken zu ertönen begannen. Schaute auf die Uhr, punkt zwei. Erst zehn Minuten später war die größte der Glocken verklungen. Als ich an der Kirche ankam, die ich sonst besichtigt hätte, tröpfelten edel Gekleidete ein, in Schwarz und Weiß gewandet. Als sie mich freundlich grüßten, fühlte ich mich beschämt. Da haben wir den Salat: Agnes Hoß, geb. Thielen, ist im Alter von 80 Jahren gestorben:

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Um Punkt viertel nach schlugen alle Glocken auch nochmal einmal kurz an. Eine Agnes hatte ich zuvor an der Kirche zu Glehn schon gesehn.

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Die Kirche war zugesperrt, daher nur grau von außen. Sie hält ein Lamm, ein agnus.

Die Schuhe gingen ganz gut, obwohl ich vorher skeptisch gewesen war. Einfache schwarze Slipper, die man sonst in der Stadt trägt, leicht elegant. Gut, jetzt haben sie unterm Schlamm gelitten.

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