Autorität

Als ich vor Monatsfrist Varatharajah las – nein, nicht hörte, denn er las ja so schlecht, las also – da schien mir der Ton von Eliona sehr vertraut. Ihr Tonfall und auch der Content, die philosophischen Verdrehungen, die Erstaunungen, so will ich sie nennen. Den Verdacht geäußert, aber sie weist es weit von sich. Wie kann man auch Geschriebenes einem Autor zuzuordnen meinen, was kann es denn sein, das im Geflecht der sechsundzwanzig oder auch neunundfünfzig (an dieser Zahl habe ich lang gewerkelt und bin noch immer nicht sicher) monadischen Lettern ihn als allein in Frage kommenden Urheber auszeichnete? Kann doch zufällig ein ganz anderer, völlig Unberühmter den Satz erschaffen haben. Ganz absichtslos gar, anders als Wolfgang Beltracchi, der einen Max Ernst malte, den seine Witwe für seinen Besten hielt. Wobei die Erzählung wacklig ist. Einer schrieb, dass die Anekdote von Werner Spies erzählt wurde und Dorothea Tanning zum Zeitpunkt greis und vielleicht halb blind gewesen sei. Das relativiert die an sich schöne Sottise.

Wäre es denn verkehrt, hätte Aléa Varatharajahs weibliche Dialogpassagen verfasst? Tritt sie die Rechte ab, kann ich nichts einzuwenden erkennen. Nur Leser, die einem Geniekult anhängen, könnten sich angewidert abwenden. Wäre was dagegen zu sagen, hätte Siri Passagen von Paul geschrieben, so wie Auster Aussprüche bei Hustvedt? Um die Glaubwürdigkeit der Gesten des Gegengeschlechts zu vergrößern, warum nicht? Kann jemand sicher sein, dass ich das, was ich hier schreibe, selbst erdacht hab, oder eine andere mir ins Ohr flüstert und, wohlig sich räkelnd, auf ihre Rechte verzichtet? (Zugegeben, bei Bersarin bedient.)

Wie hört man eine Stimme heraus aus etwas Geschriebenem? (Außer bei Grass, da geht’s.) So viel ist verloren gegangen, der Tonfall, das Timbre, die ganze Metrik, oder wie man es nennen soll, wie die Folge der Silben sich zum regelmäßigen Ticken eines Metronoms verhält… Die Hebung, will der Autor was hervorheben, die falsche Betonung, die die Zuhörer irritiert und schnell zur Tabula rasa greifen lässt: wer eine Vokabel nicht recht prononziert, der hat sie sicher nicht verstanden.

So viel ist verloren, ist die Stimme weg aus dem Textkörper.

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