Sprache, Spiel und Nutzen

Vor zwei Wochen vielleicht auch mal fasziniert zwei Mädchen zugeschaut, die vielleicht auch aus Nigeria kamen. Die eine vielleicht 14, die andere jünger, noch ganz Kind. Sie spielten ein Händeklatschspiel und sangen dabei was. Was, konnte ich natürlich nicht verstehen. Die Frauen saßen etwas entfernt, bei ihnen ein Halbwüchsiger, der ein quietschbuntes Gummimännchen an die Scheibe warf. Da blieb es einen Moment in Verrenkung hängen, dann fiel es ab. Überdrüssig wiederholte er den Wurf immer wieder. Sie sprachen englisch, aber, als sie die Mädchen herüberriefen, weil ein Platz freigeworden war, in einer anderen Sprache. Zuerst fesselte mich die freundliche Interaktion der so ungleich alten Schwestern. Der Älteren, deren Körperwuchs sich zwischen Kind und Frau noch nicht entscheiden konnte, fiel mein Blick auf, da war die Situation natürlich vergiftet. Dann versuchte ich die Augen abzuwenden und stattdessen auf der anderen Seite auszumachen, wer alles zur Sippe gehöre. Einzig Männlicher war der Männleinwerfer, vielleicht 15 er. Neben der Mamma saß noch eine Kleinste und schmiegte sich an. Eine Tante gehörte wohl auch noch dazu, was sich bestätigte, als sie die beiden Mädchen mitherbeiwinkte. Ich versuchte Ähnlichkeiten in den Gesichtszügen auszumachen und hatte Erfolg bei manchen Paaren. Muss von Schwestern abrücken, vielleicht nicht einmal blutsverwandt, und auch keine Tante. Eine weitere Frau ähnlicher Hautfarbe blickte, als ich so über die Gesichter hinwegguckte, so, als dächte sie, dass ich dächte, dass sie mitdazugehöre. Dachte ich aber nicht, kenne ich ihr Gesicht doch von früheren Pendelfahrten her. Sie stieg dann auch aus. Wieder winkte die Sippe und das allein auf der anderen Seite verbliebene halberwachsene Mädchen gesellte sich hinzu.

Bereuen tue ich vor allem, dass ich das Händeklatschspiel nicht verstanden habe. Welche Sprüche man dabei singt, warum sie manchmal stockten, weil die Jüngere nicht wusste, muss ich die Hände nun überkreuzen?, das interessiert einen doch, der an Zeichen und Codes interessiert ist. So wie beim Lesen des Augustinus das unaufgeklärte Tolle, lege! einen unbefriedigt zurücklässt. „Ich entfärbte mich und sann nach, ob vielleicht Kinder in irgendeinem Spiele dergleichen Worte zu singen pflegen, konnte mich aber nicht erinnern, jemals davon gehört zu haben.“ (Ü: Otto F. Lachmann)

Wörter, die mit Körpereinsatz gesprochen werden, nicht nur Reime oder Metren, die das Memorieren erleichtern, sondern Armbewegungen, an die die flüchtigste aller Substanzen, das gesprochene Wort, gekettet ist, um sie vom Davonfliegen abzuhalten. Bruce Chatwin erzählt in den Traumpfaden, dass die langen, mythologischen Erzählungen der Einheimischen eine Karte darstellen, um Wege durch die wüste Wildnis zu finden, sich nicht zu verlaufen und Wasserquellen sicher ansteuern zu können. Songlines als in Geschichtenform verkleidete Routen. Nicht manieristisch um eines Künstlertums willen, sondern praktisch effizient.

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